"Wir reden uns Arbeit schön"

"Die Arbeitsverhältnisse müssen kritisierbar bleiben", antwortet die Europäische Ethnologin Alexa Färber von der Uni Wien auf die Semesterfrage. Im Interview erklärt sie, warum Arbeit kein vordergründiges Versprechen auf Selbstverwirklichung sein sollte.

uni:view: Wenn man von Arbeit spricht, ist meist Erwerbsarbeit gemeint. Was verstehen Sie als Europäische Ethnologin unter dem Begriff Arbeit?
Alexa Färber:
Ich begreife Arbeit als empirischen Gegenstand, d.h. als das, was in meinem Forschungsfeld als Arbeit bezeichnet wird: Als Kulturwissenschafterin erforsche ich die Perspektive der jeweiligen AkteurInnen auf Arbeit. Das reflektiert häufig auch die dominante Vorstellung von Arbeit – und das ist nun mal Erwerbsarbeit. Mir geht es aber um die Frage: Wie findet Arbeit und damit auch Nicht-Arbeit statt und wie wird beides mit Bedeutung gefüllt? Einer meiner Forschungsschwerpunkte behandelt die Repräsentationsarbeit und die damit verbundenen Arbeitsformen. Repräsentationsarbeit ist ein analytischer Begriff und bezeichnet z.B. die Arbeit an einer Darstellung, wie der Repräsentation einer Nation auf einer Weltausstellung. Der Begriff macht aber auch die Arbeit des konkreten Vertretens, wie im Parlament, zum Forschungsfeld.

uni:view: Dazu gehört auch die Projektarbeit. Warum ist gerade diese Arbeitsform für Ihre Forschung spannend?
Färber: Weil sich diese Arbeitsform zunehmend durch unterschiedliche Arbeitsverhältnisse zieht. Nehmen wir das Beispiel Uni: Temporär Angestellte machen Projektarbeit und wollen bzw. sollen immer wieder neue Drittmittel für Anschlussprojekte einwerben. Das Spannende an diesem Arbeitsmodus ist das "Ermöglichende" und das "Anfordernde". Dahinter steht die kulturelle Vorstellung vom unternehmerischen Selbst, das innerhalb von Projekthorizonten arbeitet, hochgradig risikobereit und intrinsisch motiviert ist. Diese Arbeitsform ist an das Selbstverständnis der Selbstverwirklichung gekoppelt – und damit einhergehend auch an die Selbstausbeutung.

uni:view: Was zeichnet Projektarbeit aus?
Färber: Zeitliche Begrenzung, geringe Kontinuität, Kreativitätsanforderungen, damit einhergehende Freiheiten und Risiken. Der Dreh- und Angelpunkt dabei ist das Selbst, an welches die Risiken ausgelagert werden. Verkürzt gesagt: Werben ProjektmitarbeiterInnen keinen Folgeantrag ein, dann sorgt auch niemand anders für sie. Das trifft natürlich nicht nur auf Unis zu. In Deutschland ist vor allem die Kulturbranche von Projektarbeit geprägt. Aber auch die Zeitarbeit hat Anteile dieser losen Arbeitsverhältnisse, wenn ZeitarbeiterInnen sich jedes Mal aufs Neue als "passende" ArbeiterInnen in einen zeitlich befristeten Arbeitskontext hineinprojizieren müssen.  

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. Die Semesterfrage im Sommersemester 2019 lautet "Wie werden wir morgen arbeiten?". (© Universität Wien)

uni:view: Werfen wir einen Blick zurück: Wie hat sich dieses unternehmerische Selbst verändert?
Färber: Das Verständnis des Selbstunternehmertums ist heute breiter und die Arbeitsfelder unter der Überschrift des Kreativen haben sich ausgeweitet. Menschen, die Kreativität nicht für sich beanspruchen würden, sind nun genau mit dieser Anforderung konfrontiert. Dabei wurde Kreativität als Anforderung schon in den 1990er Jahren kritisch beleuchtet und u. a. auf die geschlechtsspezifischen Bedingungen für die Entgrenzung kreativer Arbeit hingewiesen. Auch die Vorstellung von Selbstverwirklichung ist sozial eher ausschließend als kulturell integrativ. Sie ist mit Selbstoptimierungsanforderungen verbunden, die uns zu Teilen eines Systems machen. Über letzteres sollten wir nachdenken, um nicht einfach nur darin zu funktionieren.

uni:view: Und wir schaffen es nicht, dieses System zu hinterfragen?
Färber: Genau, denn wir sind zu sehr damit beschäftigt, uns z.B. die Selbstverwirklichung durch Arbeit schön zu reden. Im Englischen gibt es dafür den kulturwissenschaftlichen Begriff "Endurance": Er benennt, wie in ganz existentiell prekarisierten Arbeits- und Lebensverhältnissen dieses Aushalten beides ist: einerseits lähmend und andererseits selbstermächtigend, weil es widerstandsfähiger macht. Aber eigentlich bewirkt diese Widerstandsfähigkeit, immer wieder selbst enttäuscht werden zu können. Das Selbst steht im Zentrum, die Arbeitsbedingungen geraten aus dem Blick.

uni:view: Warum halten wir Menschen so viele unerträgliche Arbeitsverhältnisse aus?
Färber: Weil etwas verspochen wird. In diesem Aushalten bzw. dieser Inkonsistenz zwischen Versprechen und Alltagsrealität steckt eine große Energie. Diese könnte aber beispielsweise statt auf die Sorge um das Selbst auch auf etwas gelenkt werden, das darüber hinausgeht – z.B. auf das Gemeinwohl, das "Sorge tragen" für die Welt. Damit sind bisher v.a. pflegende Berufe gemeint, die aber prekarisiert werden. Das muss sich aus meiner Sicht ändern: Pflege im Speziellen und Sorgetragen im Allgemeinen sollte in der Gesellschaft als etwas Wertvolles angesehen und entsprechend entlohnt werden!

Am Institut für Europäische Ethnologie an der Uni Wien hat die Arbeitsforschung eine lange Tradition, erklärt Alexa Färber: "Seit den 1970er Jahren hat das Institut ganz stark zu einer neuen Bewertung, wenn nicht gar Initiierung der Arbeiterkulturforschung beigetragen. Bekannt sind u.a. die Forschungen zu LandarbeiterInnen und IndustriearbeiterInnen im Burgenland. In den 1990ern wurde diese zur Arbeitskulturforschung erweitert, ein sehr wichtiger Forschungsbereich für die Europäische Ethnologie im deutschsprachigen Raum."  

uni:view: Wie und in welchem Rahmen haben Sie zu Arbeitsformen und Arbeitsverhältnissen geforscht?
Färber: In meiner Dissertation habe ich mich der Zusammenarbeit unterschiedlicher Berufsgruppen im Kontext der Weltausstellung "Expo2000" beschäftigt. Ein Forschungsfeld war ein Büro, das mit der Entwicklung und Umsetzung des marokkanischen Pavillons beauftragt war. Das war ein disziplinär sehr gemischtes Arbeitsfeld: Architektur, Kommunikationsdesign, Ministerien, Wissenschaft, Diplomatie – all diese Bereiche kamen temporär zusammen und mussten ihr jeweiliges ExpertInnenwissen in ein Weltausstellungsprojekt übersetzen. Einerseits eine hochgradig politische durch Machtbeziehungen geprägte Arbeit, andererseits eine durch Alltagsroutinen und Inkonsistenz bestimmte Projektarbeit. Genau darauf passt der Begriff der Repräsentationsarbeit so gut.

uni:view: Sie haben sich auch mit der Berliner Kreativwirtschaft als Arbeitsmarkt beschäftigt?
Färber: Ja, in den 2000er Jahren ließ sich sehr gut beobachten, wie dieses Segment überhaupt erst einmal in der Politik greifbar gemacht wurde. Auf einmal entstand eine eigene Abteilung in der Behörde, ein Kreativwirtschaftsbericht wurde erarbeitet, sogar das Stadtmarketing hat den international beobachtbaren Trend aufgegriffen, Kreativität als Selbstverständnis zu identifizieren. Damit wurden die oben angesprochenen prekären Arbeitsverhältnisse in diesem Bereich nicht nur in Kauf genommen; sie wurden quasi normalisiert und zum städtischen kulturellen Leitbild.

Es gibt viele interessante Gründe dafür, warum diese kurze Phase so stilbildend für Berlin war und ist. Das reicht von der jüngeren Geschichte der Alternativkulturen in Berlin, über den Niedergang der vormals subventionierten Industriearbeit bis hin zur zeitlich begrenzten Förderung von sogenannten Ich-AGs im Kontext der Hartz IV-Gesetzgebungen. Ich habe über unterschiedliche GründerInnen und Initiativen, die daraus hervorgegangen sind, geforscht und die Möglichkeiten und Grenzen herausgearbeitet, sich in diesem Kreativitätsmoment sozial zu verorten.


uni:view: Am Schluss noch zu unserer Semesterfrage: Wie werden wir morgen arbeiten?

Färber: An der Frage ist das "wir" entscheidend: Wer nimmt unter gerechten Bedingungen der Bezahlung und der Arbeitssicherheit an Erwerbsarbeit teil? Welche Arbeitsformen ermöglichen Teilhabe am Arbeitsmarkt für wen und welche sind ausschließend? Wie inklusiv wirkt die globalisierte Form der Projektarbeit? Das ist eine weltumspannende Frage. Und weltumspannend heißt, gesellschaftlich dafür zu sorgen, dass die Welt als unsere Umwelt in dieses "wir" einbezogen wird. Ich frage mich deshalb, wie es wäre, wenn Arbeit als öffentliches Anliegen kein Versprechen auf Selbstverwirklichung wäre, sondern ein Versprechen, für die Welt Sorge zu tragen. Die Arbeitsverhältnisse, in denen sich Menschen befinden, müssen kritisierbar bleiben.

uni:view: Vielen Dank für das Interview! (ps)

Alexa Färber ist seit September 2018 Professorin für Historische Dimensionierung von Alltagskulturen am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt unter anderem die Arbeitskulturenforschung: Kooperation in der Repräsentationsarbeit, kulturelle Problematisierungen des "unternehmerischen Selbst"