Summender Flugakrobat: Die Netzfliege Prosoeca marinusi

Ob Hundertfüßer, Mondmuschel oder Fliegen: ForscherInnen gehen mitunter eine jahrelange intensive Beziehung mit "ihrem" Forschungstier ein. Im Zeichen der Semesterfrage stellen WissenschafterInnen der Uni Wien ihre aktuellen Partner vor. Biologe Harald W. Krenn über eine Fliege mit einem Rüssel.

Mensch & Tier im Kurzporträt

Name: Harald W. Krenn (© Barbara-Amina Gereben-Krenn)
Art/Gattung: Homo sapiens
Ernährung: Flexitarier
Lebensraum: Freiland in Europa, Costa Rica, Südafrika; Büro, Labor und Hörsäle des Biozentrums der Uni Wien
Vorkommen: Department für Integrative Zoologie


Name:
Prosoeca marinusi, Vertreter der Familien der Netzfliegen oder Nemestrinidae; benannt nach Eugen Marinus, dem Leiter des Hantam National Botanical Gardens (© Harald Krenn)
Art: Prosoeca marinusi
Ernährung: Nektar
Lebensraum: Halbwüste im südlichen Namaqualand, aktiv im August und September
Vorkommen: Hantam National Botanical Gardens und Umgebung von Nieuwoudtville, Northern Cape Province, Südafrika

Was ist besonders faszinierend an Prosoeca marinusi?

Ihr ausgesprochen langer, sehr dünner Saugrüssel, der mehr als ihre doppelte Körperlänge erreichen kann! Sie setzt ihn ein, um im Schwebflug Nektar aus extrem langröhrigen Blüten zu saugen. Interessant ist auch ihr Vorkommen: Die Netzfliegenart lebt ausschließlich in den Halbwüsten im südlichen Afrika. Nur dort, im kleinen Florenreich der Capensis (Anm.: Kapflora, das kleinste er sechs kontinentalen Florenreiche der Erde), wachsen Blütenpflanzen, die besonders an langrüsselige Fliegen als Bestäuber angepasst sind. Beobachten kann man die erwachsenen Fliegen nur von Mitte August bis Mitte September, im südafrikanischen Frühling, da ihre geschätzte Lebenserwartung nur zehn bis 14 Tage beträgt.

Welche Bedeutung hat Prosoeca marinusi in ihrem Ökosystem?

Die Art ist kleinräumig verbreitet, in ihrem Verbreitungsgebiet aber der einzige Blütenbesucher und Bestäuber von mehreren Iris-Gewächsen. Für die Reproduktion dieser Pflanzen hat sie also eine außerordentlich große Bedeutung! 

Ist die Netzfliegenart gefährdet?

Das weiß man gar nicht so genau, denn das Insekt wurde überhaupt erst 2018 wissenschaftlich beschrieben. Jedoch kommt die Fliege nur in landwirtschaftlich ungenutzten Gebieten am südlichen Rand des Namaqualandes in Südafrika vor. Und die verschwinden durch die starke Beweidung des Gebietes immer mehr, es gibt sie nur noch in Schutzgebieten oder kleinflächig entlang von Straßen.

Nehmen wir an, Prosoeca marinusi würde aussterben – welche Auswirkungen hätte das?

Dann fehlt in einem Gebiet, das durch seine besondere Blütenpracht in bestimmten Jahreszeiten weltberühmt ist, der einzige Bestäuber für eine ganze Reihe von Pflanzen. Eine globale Katastrophe wäre es wohl nicht, jedoch sind einige der Nektarpflanzen von Prosoeca marinusi ebenfalls sehr kleinräumig verbreitet. Fällt ihr Bestäuber weg, verschwinden eventuell auch sie und die regionale Biodiversität wird verringert.

Ein typischer Tag im Leben dieser Netzfliege

Prosoeca marinusi ist ein Spätaufsteher: Sie wird erst ab einer Lufttemperatur von 17 °C aktiv, im südafrikanischen Frühling auch an sonnigen Tagen also erst ab etwa zehn Uhr. Sie fliegt mit großer Geschwindigkeit von Blüte zu Blüte und nimmt dabei etwa 1 µl (1 Millionstel Liter) Nektar pro Mahlzeit auf. Haben sie genug Energie getankt, suchen die Insekten nach Partnern. Die Paarung findet oft am frühen Nachmittag statt. Ab etwa 16 Uhr halten die Insekten Siesta, und es ist keine Flugaktivität mehr feststellbar. Wann und wo die Weibchen Eier ablegen, ist unbekannt, weil ihre Eiablage bisher nie beobachtet werden konnte! Entsprechend wurde auch die Entwicklung der Larven bisher nicht untersucht. 


Im Schwebflug wird der Rüssel in die Blüte eingefädelt, für manche Iris-Gewächse ist die Marinus-Netzfliege der einzige Bestäuber. Die Blütenzeichnung gibt der Fliege Hinweise, wo die Öffnung in der Nektarröhre ist. (© Harald Krenn)

Spannende Fakten zur Prosoeca marinusi

Diese Fliege zählt zu den Rekordhaltern unter den Blütenbesuchern: Bei einer Körperlänge von etwa 2 cm besitzt sie einen Saugrüssel mit einer Länge von bis zu 5 cm. Die bevorzugten Blüten habe lange, sehr dünne Röhren, wie zum Beispiel die Iris-Gewächse Babiana framesii (6,3-7 cm), Babiana vazijliae (2,2-3,3 cm), Lapeirousia oreogena (4,8-5,9 cm) und Lapeirousia jacquini (3,4-3,6 cm), die mit etwa 30-prozentigem Nektar gefüllt sind. 

Jedes Semester stellt die Universität Wien eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. Die Semesterfrage im Wintersemester 2019/20 lautet: Wie schützen wir die Artenvielfalt? Zur Semesterfrage

Die Superkraft dieser Netzfliegen

Sie fliegen besonders schnell und beherrscht den Schwebflug perfekt. Der Blütennektar ist ihr Energydrink.

Die Netzfliegen und ich: So haben wir uns kennen gelernt

Im Rahmen eines FWF-Projekts über die Mundwerkzeuge blütenbesuchender Insekten konnte ich diese Fliegen das erste Mal 2009 beobachten. In Kooperation mit südafrikanischen Kolleginnen und Kollegen wurde dieses Insekt im Rahmen einer Dissertation erstmals eingehender untersucht, danach auch wissenschaftlich beschrieben und benannt. 

Harald W. Krenn ist Biologe und Professor für Integrative Zoologie an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Uni Wien. Er forscht vor allem zur Form, Funktion und konvergenten Entwicklung der Mundwerkzeuge bei Insekten.