"Eine Wirtschaft für die Menschen"

Der Wandel der Arbeitswelt gewinnt an Tempo – mit widersprüchlichen Effekten auf ArbeitnehmerInnen. Im Interview zur Semesterfrage spricht Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler über Motivation, Autonomie, soziale Ausgrenzung und (Un-)Zufriedenheit an heutigen und zukünftigen Arbeitsplätzen.

uni:view: Als Wirtschaftspsychologe forschen Sie seit vielen Jahren zu Kooperation im Staat, zu Befinden und Zufriedenheit. Was brauchen Beschäftigte, um voller Elan an die Arbeit gehen zu können?
Erich Kirchler: Ein Schlüssel für Arbeitsmotivation ist Autonomie. Am Unternehmensziel ist meist wenig zu rütteln. Aber für ArbeitnehmerInnen ist es wichtig, dass sie mitentscheiden können, wie und mit welchen Mitteln sie arbeiten, um unternehmerische Ziele zu erreichen. Sie brauchen konkrete Rückmeldungen und eine vollständige und sinnvolle Tätigkeit. Beschäftigte müssen wissen, in welchem größeren Zusammenhang ihre Arbeit steht und dass das, was sie tun, bedeutsam ist.

uni:view: Sehen Sie diese Voraussetzungen in der Arbeitswelt gegeben?
Kirchler: Insgesamt haben die Möglichkeiten der Mitgestaltung in den letzten Jahren eher abgenommen. Bei allzu viel Routine machen sich Ermüdung und Langeweile breit, so dass viele ArbeitnehmerInnen ihr Engagement reduzieren. Zudem ist die Geschwindigkeit erhöht worden, mit der Teilaufgaben zu erledigen sind. Die ständige Erreichbarkeit weicht die Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und Privatheit auf. Und wer außerhalb des Betriebes arbeitet, hat es schwer, die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz zu pflegen.

uni:view: Autonomie ist ja das eine, das andere ist die zunehmende Anforderung, sich selbst zu organisieren.
Kirchler: Das stimmt. Für manche Beschäftigte wird es immer schwieriger, mitzuhalten und sich an die schnellen Veränderungen anzupassen. Ein unternehmerisches Talent, die Überzeugung, selbstwirksam handeln zu können und ein gutes Maß an Risikofreude (aber nicht Risikoblindheit) verhelfen eher zum Erfolg. Es werden jene von den aktuellen Veränderungen in den Arbeitswelten profitieren, die von sich überzeugt und handlungsbereit sind, die Wagnisse einschätzen können und fähig sind, sich durchzusetzen.

Aber sowohl die Vielfalt der neuen Möglichkeiten als auch der an Beschäftigte herangetragene Anspruch, selbstständig zu arbeiten, können verunsichern und in eine Situation führen, in der sich eine Person überfordert und hilflos fühlt. Uferlose Autonomie ist nicht motivierend, wenn es nicht gelingt, Zeit und Arbeit entsprechend zu strukturieren.

uni:view: Wie verändert sich Wissenschaft im Zuge des Wandels von Arbeit?
Kirchler: Das Publizieren in Journals mit einem hohen Impact-Faktor wird immer mehr zur Voraussetzung einer akademischen Laufbahn. Insbesondere junge WissenschafterInnen haben zunehmend kurze Verträge. Anstatt Vertrauen in ihr Engagement zu setzen, werden sie schon nach kurzer Zeit evaluiert und müssen um die Fortsetzung ihrer Karriere bangen. Diese Entwicklung hat eine Kehrseite für die Produktion wissenschaftlichen Wissens. Es gibt weniger Langzeitstudien, risikoreiche Forschung ist nicht ratsam. Das führt, zumindest in meiner Wissenschaftsdisziplin, zu zahllosen Publikationen und zu teils widersprüchliche Ergebnissen, die kaum miteinander in Beziehung gesetzt werden. Dadurch verlieren wir den Blick fürs Ganze.  

uni:view: Arbeitsbeziehungen wandeln sich derzeit rasant, sei es durch neue Technologien oder globale Verflechtungen oder politische Eingriffe. Was bedeutet das für ArbeitnehmerInnen?
Kirchler: Mit den tiefgreifenden Veränderungen entstehen sowohl neue Chancen als auch Benachteiligungen. Selbst hoch motivierte Beschäftigte stehen vielfach vor der Unsicherheit, wie es weitergehen wird. Die Arbeitsplätze, wie wir sie jetzt kennen, werden weniger. Denken Sie an moderne Fabriken: Es wird viel produziert, aber dort arbeiten nur noch wenige Menschen, da Maschinen die manuellen Tätigkeiten übernehmen.

Das sehe ich nicht per se als Nachteil – es geht ja um Aufgaben, die inhaltlich wenig Motivationspotenzial haben. Gleichzeitig entstehen Arbeitsfelder, die intelligent und schöpferisch sind. Aber nicht alle finden in den kreativen neuen Jobs Aufnahme. Einige Beschäftigte werden vermehrt ohne Erwerbsarbeit sein oder müssen Stundenreduzierungen akzeptieren.

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. Die Semesterfrage im Sommersemester 2019 lautet "Wie werden wir morgen arbeiten?". (© Universität Wien)

uni:view: Hilft lebenslanges Lernen, um Effekte des Wandels abzufedern?
Kirchler: Wenn wir nicht abgehängt werden wollen, müssen wir am Ball bleiben, aber uns auch unser kreatives und kritisches Denken bewahren. Beides bedarf kontinuierlicher Lernangebote, die Wissen und Fähigkeiten vermitteln, mit der zunehmenden Digitalisierung und Roboterisierung umgehen zu können und eingeschliffene Gewohnheiten wie Neuerungen zu reflektieren. Aber wenn wir nicht mehr so viel arbeiten können und müssen, ist es sinnvoll, die zusätzliche Zeit in lebenslanges Lernen und kreative Tätigkeiten zu investieren.

uni:view: Sollte Arbeitslosigkeit also produktiv genutzt werden?
Kirchler: Natürlich! Wenn Arbeitslosigkeit nicht mehr mit sozialem Abstieg und Makel verbunden ist, wenn sie mit Inhalten gefüllt wird und Möglichkeiten der Weiterentwicklung bietet, wenn materielle Sorgen nicht gegeben sind, dann ist es nicht schlechter, keine Erwerbsarbeit zu haben als beschäftigt zu sein. Aber wie wir gesellschaftlich mit der arbeitsleeren Zeit umgehen, wie Menschen ohne Arbeit ihre Zeit strukturieren und inhaltlich sinnvoll füllen, wie wir mit Stigmatisierung umgehen werden, ist offen.

Das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen könnte viele negative Konsequenzen der Erwerbslosigkeit obsolet machen. Ich gehe davon aus, dass die Politik derlei Ideen in der einen oder anderen Form wird realisieren müssen – nicht zuletzt, um Bürokratie abzubauen und die Grundversorgung aller sicherzustellen. Vielleicht braucht es ein Label, das weniger mit dem Nichtstun assoziiert ist.

uni:view: Wie werden Erwerbslose stigmatisiert?

Kirchler: Nach wie vor gilt in unseren Breiten, dass berufstätige Menschen gesellschaftlich wertvoll sind, aber dass jene ohne Erwerbsarbeit unsere Gesellschaft ausnützen. Arbeitslose verlieren außerdem an sozialem Status, ihre Fähigkeiten können verkümmern, die Zeit verliert ihre gewohnte Struktur. Sie haben keine Lobby,  identifizieren sich nicht mit "ihrer sozialen Kategorie". Das macht es ihnen schwer, sich mit ihrer Situation abzufinden oder geschlossen aktiv auf Verbesserung ihrer Lage zu drängen – besonders, wenn die Arbeitslosigkeit länger dauert. Eher als sich weiterzubilden oder kreativ zu sein, tritt Resignation und Fatalismus ein. Aber auch die finanzielle Sicherheit wird zum Problem. Diese Sorge betrifft nicht nur Arbeitslose, sondern auch prekär Beschäftigte.


uni:view: Wo fehlt es an Sicherheit?

Kirchler: Die aktuelle Diskussion um die Bezahlung von 1,50 Euro pro Stunde halte ich für einen gesellschaftlichen und politischen Tabubruch. Aber schon jetzt fristen Menschen in Deutschland mit Hartz 4 oder Ein-Euro-Jobs ihr Leben. Hierzulande verrichten manche mehrere Jobs gleichzeitig oder arbeiten weit über den Achtstundentag hinaus – ohne genug zu verdienen, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Diese Schieflage wird nicht geringer, sondern verschärft sich, so wie sich die Einkommens- und Vermögensschere weiter öffnet.

uni:view: Was sollte die Politik tun?
Kirchler: Die Politik hat die Aufgabe, die Spannungen zwischen den Interessen der Bevölkerung und jenen der Wirtschaft auszugleichen. Da sehe ich ein großes Manko, man denke nur an das aggressive Steuerverhalten von international agierenden Unternehmungen. Manche gehen bis an die Grenze des Legalen oder darüber hinaus, um Abgaben und Steuern zu reduzieren. Damit schaden sie der Gemeinschaft im Land, wo sie ihre Gewinne tatsächlich machen. Dies betrifft auch heimische Klein- und Mittelbetriebe, die mit denen diesen Firmen konkurrieren.

Die Politik, die das Problem angehen sollte, scheint in vielen Fällen nicht besonders interessiert daran oder zahnlos zu sein. Wir müssen umdenken, um öffentliche Güter zu erhalten. Diese stellen sicher, dass wir die ganze Bevölkerung mitnehmen und nicht manche ausgegrenzt werden. Es kann nicht in unserem Sinne sein, zu einem Staat zu mutieren, wo jede/r, der oder die es sich leisten kann, zur eigenen Sicherheit einen Wachposten vor die Haustür stellt.

uni:view: Wie werden wir also morgen arbeiten?

Kirchler: Derzeit erleben wir eine Zeit des Umbruches, in der Arbeitsgesetze aufgrund der vielfältigen Veränderungen ihre Wirkung verlieren und neue Regeln noch ausstehen. Wenn wir über diese Phase hinausdenken, bin ich optimistisch: Wir werden kreativer arbeiten. Wir werden uns Sabbaticals gönnen, Zeit zum Nachdenken und zum Lernen haben. Ich wünsche mir eine Wirtschaft, die für die Menschen da ist – und nicht umgekehrt die Menschen für die Wirtschaft. (jr)

Erich Kirchler ist Professor am und Vorstand des Instituts für Angewandte Psychologie: Arbeit, Bildung, Wirtschaft an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Er forscht zu Kooperation im Staat am Beispiel der Steuerpsychologie, Finanzentscheidungen im Haushalt, zu Geschlechtsstereotypen in Führungspositionen und zu Befinden und Arbeitslosigkeit.