Literatur anders lesen

Im Dezember 2011 beendete Anna Babka ihr Elise-Richter-Projekt, seit 1. Jänner 2012 ist sie Assistenzprofessorin am Institut für Germanistik. U.a. mithilfe der FWF-Frauenförderungsprogramme hat sie ihre Forschungsziele verwirklicht und sich ein eigenständiges wissenschaftliches Profil erarbeitet.

Als Anna Babka vor sechs Jahren ihre Hertha-Firnberg-Stelle am Institut für Germanistik antrat, hatte sie sich das Ziel gesetzt, eine neue Methode und Lektürestrategie innerhalb der germanistischen Literaturwissenschaft zu entwickeln. Sie wollte die germanistische Literaturwissenschaft – neben den bereits etwas stärker etablierten Gender- und Queertheorien und den daraus entwickelten Methoden eines "queer readings" – um die postkoloniale Theorie und damit um einen "postkolonial-queeren" Ansatz erweitern. Heute, nachdem sie sowohl das Hertha Firnberg- als auch das Elise-Richter-Programm durchlaufen hat, gilt sie als anerkannte Literaturtheoretikerin, im Besonderen als Expertin für postkoloniale Literaturtheorie und deren Verschränkung mit Gender- und Queertheorien.

"Ähnlich wie die Gender- und Queertheorien hinterfragt auch die postkoloniale Theorie Konstruktionsmechanismen von Identität und Subjektivität, gebunden an Machtbeziehungen und Autoritätsverhältnisse", erklärt die junge Wissenschafterin: "Während Gender- und Queertheorien patriarchale Strukturen in den Blick nehmen, liegt der Fokus bei der postkolonialen Theorie auf imperialen und kolonialen Verhältnissen und Diskursen."


Dieser Artikel erschien im Forschungsnewsletter März 2012.
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Hybridität, Offenheit und Vielfalt

Die drei theoretischen Ansätze haben weitere auffällige Gemeinsamkeiten: "Sie alle durchbrechen binäre Muster und zielen auf Hybridität, Offenheit und Vielfalt ab", so Babka: "Da die postkoloniale Theorie jedoch tendenziell gender- und queertheoretische Fragestellungen vernachlässigt, liegt es nur nahe, sie zusammenzubringen." Und das ist ihr gelungen: In den letzten sechs Jahren publizierte sie zahlreiche Artikel und Konferenzbände über den neuen Ansatz und organisierte etliche Veranstaltungen, wie Lesungen, Symposien und Workshops zum Thema, oftmals in Kooperation mit Wolfgang Müller-Funk. Weiters trug die langjährige Zusammenarbeit mit Susanne Hochreiter, u.a. Expertin für Queer Studies, und Stefan Krammer, u.a. Experte für Männerforschung, sowie einem Team aus NachwuchswissenschafterInnen zur Profilbildung und Institutionalisierung bei. "Unser Forschungsschwerpunkt ist mittlerweile stark am Institut verankert und hat eine beachtliche Außenwirkung", freut sich die Germanistin.


Buchtipp I: Trinh T. Minh-ha: "Postkolonialität und Feminismus Schreiben", herausgegeben und mit einem Vorwort von Anna Babka, übersetzt von Kathrina Menke, unter Mitarbeit von Matthias Schmidt. Turia & Kant Verlag 2010



Freiheit und Selbstständigkeit


Zur Etablierung des Forschungsschwerpunkts trugen nicht nur die zahlreichen Publikationen bei, sondern auch eine Reihe hochkarätiger Veranstaltungen, die Anna Babka (mit)organisiert hat. Besonders erfolgreich waren dabei etwa die Konferenz "Queer Reading in den Philologien", die Veranstaltungsreihe "Homi Bhabha in Vienna", die MALCA-Konferenz "Überkreuzungen. Verhandlungen kultureller, ethnischer, religiöser und geschlechtlicher Identitäten in österreichischer Literatur und Kultur" oder die Veranstaltungsserie mit der Künstlerin und Postcolonial-Theoretikerin Trinh T. Minh-ha im Oktober 2011. "Hier hat sich in den letzten Jahren eine unglaubliche Dynamik entwickelt", so Babka: "Die FWF-Programme haben mir es ermöglicht, völlig selbstständig und mit großer Freiheit an meinem Profil zu arbeiten."

Theorie stimuliert Lektüre

Die Literatur, die Anna Babka in den beiden FWF-Projekten analysiert hat, umfasst ein breites Spektrum, wie etwa Orientalismen um 1900, historische Reiseliteratur, darunter die Berichte der "Biedermeier-Reisenden" Ida Pfeiffer, sowie zeitgenössische "Migrationsliteratur". An diesen Texten hat sie den entwickelten Ansatz erprobt und über die spezifischen Erfordernisse der jeweiligen Texte weiter ausgearbeitet. "Am besten liest man Texte mit einem bestimmten theoretischen Ansatz im Hintergrund. Das stimuliert den Lektürevorgang ungemein. Aber gleichzeitig modifiziert der Text auch die Theorie", erklärt Babka ihre Arbeitsweise: "Die Forscherin oder der Forscher sollte sich beim Lesen in einem produktiven Spannungsverhältnis von Form, Inhalt und theoretischem Ansatz befinden."

"Literatur zum Angreifen"

Neben den Texten von Ida Pfeiffer, Franz Kafka und Ingeborg Bachmann untersuchte die Literaturwissenschafterin auch zeitgenössische AutorInnen, darunter Barbara Frischmuth, Dimitré Dinev, Anna Kim und Semier Insayif. Dabei beschäftigte sie sich mit unterschiedlichen Fragen und Aspekten, etwa mit dem Orient als diskursiv-geografische Konstruktion und Projektionsfläche fremdkultureller Differenz bei Kafka oder mit postkolonialen Raum- und Figurenkonstellationen bei Frischmuth. Begeistert zeigt sich die Germanistin von der Literatur des in Österreich geborenen und hier lebenden Schriftstellers Semier Insayif, der laut Babka angesichts seiner irakisch-österreichischen Verwandtschaftsverhältnisse "die kulturellen Überkreuzungen verkörpert, die auch für die Literatur des Millenniums so signifikant sind".


Buchtipp II: "Faruq" von Semier Insayif, Haymon Verlag 2009



Semier Insayif, mit dem Anna Babka mittlerweile befreundet ist, hielt auch eine Lesung in einer ihrer Lehrveranstaltungen ab. "Mir ist es besonders wichtig, den Studierenden auch 'Literatur zum Angreifen' zu bieten", so die Wissenschafterin, die neben Lesungen zeitgenössischer AutorInnen auch den ersten Poetry Slam an der Universität Wien – gemeinsam mit dem Germanisten Peter Clar – organisiert hat.

Natürlich müsse man mit lebenden AutorInnen vorsichtiger sein, um die nötige wissenschaftliche Distanz beizubehalten, dennoch findet Babka es ungemein spannend, mit den SchriftstellerInnen persönlich über ihre Texte zu reden: "Ich versuche, mich nicht beeinflussen zu lassen. Schlussendlich analysiere ich ja ihre Texte und nicht den Autor oder die Autorin." (td)

Ass.-Prof. Mag. Dr. Anna Babka beendete ihr dreijähriges Elise-Richter-Projekt "Notwendige Verschränkungen oder Postcolonial-Queer" im Dezember 2011. Seit 1. Jänner 2012 ist sie Assistenzprofessorin am Institut für Germanistik, weiters ist sie im Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen tätig und Mitglied des Betriebsrats für das wissenschaftliche Universitätspersonal.