"Erwerbsarbeit muss reduziert werden"

Die heutigen flexibleren Arbeitskombinationen erinnern die Sozialhistorikerin Andrea Komlosy an frühere häusliche Familienwirtschaften. Im Interview anlässlich der Semesterfrage "Wie werden wir morgen arbeiten?" spricht sie über gesellschaftlichen (Arbeits-)Wandel.

uni:view: Sie beschäftigen sich als Wirtschafts- und Sozialhistorikerin intensiv mit dem Thema Arbeit. Arbeiten Sie gerne?
Andrea Komlosy: Ja, in den verschiedensten Facetten. Ich liebe meine Erwerbsarbeit – Universitätsprofessorin ist ja ein ziemlich privilegierter Job. Darüber hinaus bin ich in verschiedenen Vereinen aktiv, koche auch gerne oder mache kleinere Schneiderarbeiten.

uni:view: Also geht für Sie der Begriff Arbeit über die reine Erwerbsarbeit hinaus?
Komlosy: Genau. Arbeit ist sehr vielschichtig und muss immer im Kontext definiert werden. Dieselbe Tätigkeit kann oft eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben: Wenn ich zum Beispiel professionell einkoche und damit meinen Lebensunterhalt verdiene, ist es Erwerbstätigkeit. Wenn ich es tue, um das Familieneinkommen zu entlasten, ist es unbezahlte Hausarbeit. Und wenn ich dabei einfach entspanne, könnte man es Hobby nennen. In unserer gesellschaftlichen Definition ist jede Tätigkeit, die nicht bezahlt wird, aus dem Arbeitsbegriff raus definiert worden – sie scheint auch nicht im Bruttonationalprodukt auf. Offiziell ist es keine Arbeit. Das schwingt auch gesellschaftlich immer mit, Beispiel: unbezahlte Hausarbeit.

uni:view: Das war historisch gesehen nicht immer so?
Komlosy: Richtig. In früheren Zeiten, in der häuslichen Familienökonomie, war völlig klar, dass alle an der Arbeitstätigkeit der Haushaltserhaltung teilnehmen. Ich möchte das nicht beschönigen, es gab bestimmte Rollen und Hierarchien. Dieses Denken reicht teilweise bis heute in selbständige und bäuerliche Haushalte hinein. Eine Bäuerin würde nie sagen "Ich arbeite nicht", wenn sie etwa den Garten jätet oder die Hühner füttert.

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen die Semesterfrage. Im Sommersemester 2019 lautet sie "Wie werden wir morgen arbeiten?". Zur Semesterfrage (© Universität Wien)

uni:view: Wann hat sich diese Einstellung zu wandeln begonnen?
Komlosy: Im Zuge der Industrialisierung, also etwa seit 1800, wandert die Erwerbsarbeit auf einen außerhäuslichen Arbeitsplatz, die Fabrik, die Baustelle oder das Büro. Ab diesem Zeitpunkt wird all das, was im Haus verbleibt, abgewertet und nicht mehr als Arbeit angesehen. Es folgen – grundsätzlich positiv – Arbeits- und Sozialgesetze, die allerdings Arbeit auf bezahlte und gesicherte Arbeit festzurren. So hat sich der Normalarbeitsbegriff herausgebildet, an dem sich alle messen mussten.

uni:view: Zurück in die Gegenwart: Nach mehreren industriellen Revolutionen sind wir nun bei 4.0 angekommen, der klassische "9-to-5 Job" ist im Rückgang, Flexibilität ist gefragt. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Komlosy: Mich erinnern diese flexibleren Arbeitskombinationen an frühere häusliche Familienwirtschaften mit ihren vielen Tätigkeiten unter einem Dach. Grundsätzlich ist diese Tendenz durchaus wünschenswert. Meiner Meinung nach wäre es angesichts dieses Umbruchs dringend notwendig, die Erwerbsarbeitszeit zu reduzieren und den Arbeitsbegriff zu öffnen. In dem Sinne, dass die Tätigkeiten im Haushalt und für die Gesellschaft zwar nicht bezahlt, aber anerkannt werden. Das heißt aber auch, es muss für jeden und jede genügend Zeit und Einkommen da sein, diese Dinge tun zu können.

uni:view: Wie realistisch ist dieses Szenario?
Komlosy: Es wäre ein wünschenswertes, positives Szenario. Doch im Moment gestaltet es sich anders: Heute besteht das flexible Kombinieren in der Auflösung von Regulierungen und damit auch Sicherheiten des alten starren Systems. So werden die Menschen zu unsteteren Verträgen und niedrigeren Löhnen gezwungen.


uni:view: Was können wir aus der Geschichte der Arbeit für die Zukunft mitnehmen?
Komlosy: Da fallen mir viele Dinge ein. Zum Beispiel das Zusammenwirken der Familienmitglieder bei der Arbeit im Unternehmen, das gleichzeitig Haushalt ist: Der Haushalt rückt damit ins Zentrum der Ökonomie und das stärkt die Frauen. Sehr wichtig finde ich zu betonen, dass der enge Erwerbsarbeitsbegriff, den wir heute für selbstverständlich halten, ein sehr junges Phänomen ist. Genau genommen hat er sich nur etwa 100 Jahre gehalten. Es gibt eigentlich keinen Grund, sich ausgerechnet nur auf diese Periode zurückzubesinnen. Es wäre sinnvoller, nach historischen Modellen zu suchen, die die Zukunft inspirieren können.

uni:view: Zum Abschluss auch unsere Semesterfrage an Sie: Wie werden wir morgen arbeiten?
Komlosy: Bei uns hier in Europa sehe ich ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario. Im schlechteren Fall wird die soziale Polarisierung, inklusive der Rationalisierung über Roboter, künstliche Intelligenz etc., derart voranschreiten, wodurch sich die Gesellschaft noch mehr spaltet: in die Workaholics mit ihren kreativen Berufen auf der einen Seite und auf der anderen die Working Poor, die verschiedene Jobs miteinander kombinieren müssen, um ihre Existenz zu sichern.

Bestenfalls gelingt es, unseren Arbeitsbegriff stark zu überdenken und nicht nur auf die Erwerbsarbeit zu schauen, sondern auf eine Aufteilung der verschiedenen Tätigkeiten, wie der beruflichen, der häuslichen und der gesellschaftlichen Arbeit. Die Voraussetzungen dafür sind eine starke Reduktion der Erwerbsarbeitszeit und die Öffnung von Freiräumen. So hätte der Druck, der heute auf die Umorganisation der Gesellschaft ausgeübt wird, sozusagen auch den Charakter einer Chance.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (td)

GEWINNSPIEL BEREITS VERLOST!
"Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert" von Andrea Komlosy

Der Begriff "Arbeit" ist ein Chamäleon: seine Definition ändert sich im historischen und regionalen Kontext. In sechs Zeitschnitten zeigt Andrea Komlosy die Vielfalt der Arbeitsverhältnisse auf – "gegen den Strich erzählt" und aus feministischem bzw. globalgeschichtlichem Blickwinkel.

TIPP: Aktuell erschien auch die englische Übersetzung "Work. The Last 1000 Years" (Verso Books).

Andrea Komlosy ist Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Grenze, Migration und ungleiche Entwicklung, regionale, nationale und globale Industriegeschichte, Arbeitswelt und Musealisierung sowie Globale Arbeitsgeschichte.