"Bilder aus der Vergangenheit"

Darüber wie Innovationen – von "Insect-based Food" über Elektroautos bis hin zur Digitalisierung – die Wirtschaft und die Gesellschaft verändern, spricht die Wirtschaftsgeographin Michaela Trippl im Interview zur Semesterfrage: Wie werden wir morgen arbeiten?

uni:view: Frau Trippl, an der Universität Lund, Schweden, haben Sie die Forschungsplattform "Innovation Systems and Innovation Policy" geleitet, seit Oktober 2016 haben Sie an der Universität Wien die Professur für Wirtschaftsgeographie mit Schwerpunkt Innovationsforschung inne. Können Sie dieses Forschungsfeld kurz erklären?  
Michaela Trippl: Wir beschäftigen uns mit disruptiven Innovationen, also radikalen Innovationen, die das Potenzial haben, die Wirtschaft und die Gesellschaft zu transformieren. In einem laufenden Projekt z.B. untersuchen meine Kollegen Simon Baumgartinger-Seiringer, Dominik Kronschläger und ich gerade gemeinsam mit schwedischen ForscherInnen Innovationen in der Automobilbranche. Eine zentrale Frage dabei ist, inwieweit Neuerungen wie etwa autonomes Fahren die Automobilbranche auf den Kopf stellen. Das autonome Fahren wird nicht nur maßgeblichen Einfluss auf unser Mobilitätsverhalten haben, sondern auch traditionelle Automobilregionen, wie Wolfsburg mit Volkswagen oder Göteborg mit Volvo nachhaltig verändern. Auch Österreich mit seiner starken Zulieferindustrie ist dabei, sich auf diesen Wandel einzustellen.

uni:view: Welche Innovationen haben Sie noch am Radar?
Trippl: Den Lebensmittelsektor. Hier haben meine KollegInnen Alexandra Frangenheim, Thomas Gindl und ich gerade begonnen, uns mit Insect-based Food zu beschäftigen bzw. generell mit der Frage nach alternativen Proteinquellen. Wir müssen uns auf die Suche nach Alternativen zu Fleisch machen, da die konventionelle Viehzucht extrem problematisch ist: Sie verursacht unglaubliches Tierleid, ist für den Treibhauseffekt mitverantwortlich, etc. Nicht nur Insekten, auch Algen könnten gute Lösungsansätze bieten.

Der dritte große Bereich unserer Forschungen betrifft die Digitalisierung. In einem Projekt mit norwegischen KollegInnen untersuchen wir, wie die Digitalisierung bestehende Branchen verändert. Wir beschäftigen uns aber nicht nur mit technologischen Innovationen; uns interessiert auch deren Zusammenspiel mit sozialen, institutionellen oder politischen Innovationen.

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. Die Semesterfrage im Sommersemester 2019 lautet "Wie werden wir morgen arbeiten?". (© Universität Wien)

uni:view: Innovation ist seit einigen Jahren ein fast schon inflationär verwendeter Begriff. Was genau verstehen Sie darunter?
Trippl: Die klassische Definition von Schumpeter lautet: Innovation ist die erfolgreiche Durchsetzung von neuen Kombinationen von Produktionsfaktoren. Häufig ist der Fokus auf eine ökonomische Konzeption von Innovation gerichtet, d.h. das Ziel der Innovation ist die wirtschaftliche Wertschöpfung. Es gibt aber noch andere Formen von Innovation, etwa soziale Innovationen wie solidarische Landwirtschaft oder Mehrgenerationenhäuser. Diese Themen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Es geht eben nicht immer nur um ökonomischen Profit, sondern auch um Innovationen, deren Ziel gesellschaftliche Verbesserungen sind und die Beiträge zur Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten können.

uni:view: Als Wirtschaftsgeographin haben Sie dabei auch immer die Regionen im Blickwinkel und wie sie sich verändern.
Trippl: Wir beschäftigen uns mit innovationsbasiertem regionalen Strukturwandel, das heißt wir gehen der Frage nach, wie sich bestehende Branchen verändern und welche Auswirkungen das auf die Regionen, die solche Branchen beheimaten, hat. Im Zuge des schwedischen Projekts haben wir gesehen, dass die Beschäftigten in der Autobranche neue Qualifikationen brauchen, v.a. in der Softwareentwicklung. Dieser große Bedarf führt durchaus zu Spannungen, da er nicht aus der Region heraus gedeckt werden kann. Diese ExpertInnen werden international angeworben; es existiert ein globaler Konkurrenzkampf um die besten Köpfe.

uni:view: Welche Auswirkungen hat dieser Wandel konkret auf die Arbeitsplätze der Automobilbranche?
Trippl: Die Automobilbranche befindet sich im Umbruch. Wir wollen ja weg von Benzin und Diesel, und der Trend geht in Richtung Elektromobilität. Für die Herstellung von Elektroautos sind weitaus weniger Arbeitskräfte nötig. Ein Beispiel: Ein Elektromotor hat viel weniger Bestandteile als etwa ein Dieselmotor. Wenn wir in Zukunft vermehrt Elektroautos produzieren, werden sehr viele Arbeitsplätze in der Automobilbranche wegfallen.

Wenn Regionen es nicht schaffen, bestehende Branchen zu modernisieren oder neue Branchen herauszubilden, hat das massive sozioökonomische und auch politische Folgen. Aktuelle Studien der London School of Economics zeigen, dass das Aufkommen von Rechtspopulismus insbesondere in Regionen, in denen der innovationsbasierte Strukturwandel nicht gelingt, ganz stark ist. Brexit, Trump oder die AFD lassen sich damit (mit)erklären, die größten AnhängerInnen sind in strukturschwachen Regionen beheimatet.


uni:view: Welche Rolle spielen Universitäten und generell Bildungseinrichtungen bei Innovationen?
Trippl: Hier muss man zuerst fragen: Wie entsteht Innovation eigentlich? Heute wissen wir, dass Innovationen durch Innovationssysteme hervorgebracht werden, innerhalb derer das Wissen und die Problemlösungskapazitäten auf verschiedene AkteurInnen verteilt sind. Selbst ein großes Unternehmen verfügt nicht über all das Wissen, das notwendig wäre, um komplexe Innovationen zu generieren. Innovation entsteht durch das Zusammenspiel von Unternehmen, NutzerInnen, der Politik, Zivilgesellschaft, NGOs und natürlich Universitäten.

Die Universitäten und alle Bildungseinrichtungen sind ein ganz wichtiger Faktor. Der wichtigste Wissenstransferkanal von der Universität in die Wirtschaft und Gesellschaft sind dabei die AbsolventInnen. Wenn wir jetzt über große gesellschaftliche Herausforderungen sprechen, wie Digitalisierung, Klimawandel, etc., müssen wir uns die Frage stellen, ob unsere Bildungseinrichtungen so aufgestellt sind, dass sie AbsolventInnen mit Qualifikationen hervorbringen, die in Zukunft gebraucht werden.

uni:view: Was können das für Qualifikationen sein – können Sie ein Beispiel nennen?
Trippl: Eines meiner Lieblingsbeispiele kommt aus der Stahlindustrie: In der Obersteiermark wird gerade ein neues Edelstahlwerk errichtet. Das Spannende dabei ist, dass die Produktion voll digitalisiert ablaufen soll. Welche ArbeiterInnen werden wir dann dort antreffen? Das werden SoftwarespezialistInnen und MetallurgInnen sein. Klassische Bilder von StahlarbeiterInnen in blauen Monturen vor dem Hochofen gehören dann wahrscheinlich der Vergangenheit an.

uni:view: Das ist ein schöner Übergang zu unserer Semesterfrage "Wie werden wir morgen arbeiten?"
Trippl: Der innovationsbasierte Strukturwandel vollzieht sich räumlich unterschiedlich und produziert nicht nur GewinnerInnen, sondern auch VerliererInnen, wenn etwa das akkumulierte Wissen von Arbeitskräften entwertet wird und Arbeitsplätze mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit durch die Digitalisierung ganz wegfallen. Gleichzeitig entstehen neue Berufsfelder – zum Beispiel jene der Energiemanagerin – und Arbeitsplätze in Wachstumsbranchen wie der Bioökonomie, Gesundheit, Nanotechnologie oder Künstliche Intelligenz. Glaubt man verschiedenen Studien, dann werden Kernkompetenzen wie Kreativität, virtuelle Kooperation, soziale Intelligenz, datenbasiertes Denken und "Design Thinking" für die Arbeit von morgen kennzeichnend sein. Das wird unsere Bildungssysteme vor neue Herausforderungen stellen.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (td

Michaela Trippl forscht am Institut für Geographie- und Regionalforschung u.a. zur Geographie der Innovation, regionalem Strukturwandel, industriellen Dynamiken und Diversifizierung sowie Mobilität und Migration von hochqualifizierten Arbeitskräften. Bevor sie 2016 die Professur für Wirtschaftsgeographie an die Universität Wien übernahm, war Trippl Leiterin der Forschungsplattform "Innovation Systems and Innovation Policy" an der Universität Lund in Schweden.