Was kommt nach der Schule?

Von der Pflichtschule in (Aus-)Bildung und Beruf: Dieser Übergang für Jugendliche mit Behinderungen beschäftigt die Bildungswissenschafterinnen Helga Fasching, Astrid Hubmayer und Katharina Felbermayr. Der Fokus liegt auf den Bedürfnissen der Betroffenen – die im Projekt ForschungspartnerInnen sind.

Pflichtschule ist Pflicht, und dann? Ausbildung oder der Weg in die Erwerbstätigkeit – Paul steht vor einer Entscheidung. Paul* ist 16 und intellektuell beeinträchtigt. Er ist einer von rund 98.000 Menschen mit Behinderung, die in Wien leben (Stand: 2009). Wie sich der Übergang von der Schule in Weiterbildung und Beruf für Jugendliche mit Behinderung gestaltet, ist Thema eines aktuellen FWF-Projekts der Bildungswissenschafterinnen Helga Fasching, Astrid Hubmayer und Katharina Felbermayr.

"Da ist Aufholbedarf"

Statistiken zeigen: Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen oder körperlichen Beeinträchtigungen verbleiben nach der Pflichtschule überwiegend im schulischen System, erreichen eine mittlere, manchmal auch höhere Ausbildung. Personen mit intellektuellen Beeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten hingegen entscheiden sich nach der Pflichtschule eher für die Berufstätigkeit. "Da ist Aufholbedarf: Es gibt zahlreiche Qualifizierungsmöglichkeiten für junge Menschen mit Behinderungen, um sich anschließend beruflich bestmöglich zu platzieren, idealerweise natürlich inklusiv in regulären Arbeitsfeldern. Das kann gelingen, wenn Betroffene informiert werden und mit Professionellen und Lehrkräften an einem Strang ziehen", so Projektleiterin Helga Fasching.

Unterstützung schon in der Schule


Das Angebot an (Bildungs-)Übergangsberatung für Jugendliche mit Unterstützungsbedarf ist in Österreich vielfältig. Es sind jedoch überwiegend außerschulische AkteurInnen beratend tätig, erklärt Helga Fasching den Status quo: "Der Blick auf nachfolgende Optionen wird in der Schule oft vergessen. Idealerweise setzt eine Übergangsplanung aber rechtzeitig ein, also im vorletzten Pflichtschuljahr."

Forschung mit "Neuigkeitsfaktor"

Bislang zur Gänze fehlen begleitende Studien und vertiefende Analysen auf Ebene der Betroffenen, also Informationen darüber, wie die Jugendlichen und Eltern bzw. Familien vorhandene Angebote nutzen und ob sie diese als hilfreich empfinden. Genau da setzt das Projekt der Forscherinnen an: "Einerseits untersuchen wir auf Mikroebene die konkreten Beratungssituationen, andererseits wollen wir im Zuge dieses Grundlagenforschungsprojekts eine Theorie für partizipative Kooperation entwickeln", so Projektleiterin Helga Fasching.

Beratung im Dreieck

Was nötig wäre, aber bislang zu wenig gemacht wird, sind Gespräche zwischen allen Beteiligten im Sinne des "Individual Transition Planning" (ITP): Professionelle, schulische und außerschulische AkteurInnen, Eltern und Jugendliche (mit Behinderung) arbeiten mit individuellen Unterstützungsplänen für den Übergang. Idealerweise findet in den Gesprächen "ein Begegnen auf Augenhöhe" statt, ergänzt Dissertantin Katharina Felbermayr.

Von den über 24-jährigen Menschen mit Behinderung in Österreich haben 18 Prozent maximal einen Pflichtschulabschluss, 40 Prozent einen Lehr- oder mittleren Schulabschluss und nur neun Prozent einen Matura- oder Universitätsabschluss. (Quelle: Parlamentskorrespondenz 81, 2009)

Wer profitiert vom Angebot, wer nicht?

"Welche Jugendliche das Beratungsangebot erreicht bzw. wer davon profitiert, ist ebenso Fragestellung im Projekt", berichtet Fasching und knüpft hierbei an die Ergebnisse aus einem Vorgängerprojekt zum Thema "Berufliche Teilhabe von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung" (zum uni:view-Artikel) an: "Bei Jugendlichen aus sozialökonomisch benachteiligten Familien funktioniert die Kooperation schlechter. Wenn Eltern bei Beratungsgesprächen präsent sind, wenn sich Jugendliche gut artikulieren können, sind BeraterInnen eher bereit, die Familien zu unterstützen. Wenn das nicht gegeben ist, werden die jungen Erwachsenen oft weniger unterstützt und gefördert. Soziale Ungleichheit wird in genau solchen Mikroprozessen realisiert."

Mit partizipativer Forschung zur partizipativen Kooperation

Im dreijährigen FWF-Projekt, das als Längsschnittstudie angelegt ist, sammelt das Forschungsteam Statistiken und theoretisches Material rund um die (Bildungs-)Übergangsplanung. Der Hauptteil der Forschung ist aber eine explorative Studie mit Fokus auf Wien: Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen werden interviewt, Beratungssituationen werden beobachtet und analysiert. "Diversität spielt bei der Samplegenerierung eine wichtige Rolle – in Hinblick auf Behinderung, Gender, Alter, Schulsetting oder sozioökonomischen Status der Eltern", berichtet Projektleiterin Helga Fasching.

Die Situation verbessern und die Zukunft mitgestalten – diese Idee motiviert viele Jugendliche, am Projekt mitzuwirken.



Zudem werden in sogenannten "Reflecting-Teams" die Ergebnisse – im Sinne der partizipativen Forschung – mit den Jugendlichen selbst, Eltern und Professionellen validiert. "Die Situation verbessern und die Zukunft mitgestalten – diese Idee motiviert viele Jugendliche, am Projekt mitzuwirken", berichtet Dissertantin Astrid Hubmayer. Anschließend an die qualitative Studie werden Eltern von Jugendlichen mit Behinderung bundesweit befragt. Ebenso gibt es einen Projektbeirat mit VertreterInnen aus dem Bildungs- und Sozialbereich, mit dem projektrelevante Themen im Hinblick auf die österreichische Bildungslandschaft diskutiert werden.

Forschung über die Universität hinaus

"Wir schaffen hier eine Kooperation, die über die Universität hinausgeht. Player und AkteurInnen werden in das Projekt hineingebracht, mit denen wir die gegenwärtige bildungspolitische Lage des Landes diskutieren und zum Projekt in Bezug setzen können", erzählt das dreiköpfige ForscherInnenteam, das zuvor in der Praxis tätig war: "Mit unserer Forschung können wir der Praxis etwas zurückgeben." (hm)

Die drei Bildungswissenschafterinnen kennen die Praxis: Helga Fasching (re.) war im Bereich der psychosozialen Jugendarbeit und beruflichen Assistenz tätig, Katharina Felbermayr (mi.) im Bereich der Gehörlosenpädagogik und Astrid Hubmayer (li.) war Berufsbildungsassistentin und hat Jugendliche mit unterschiedlichem Unterstützungsbedarf begleitet. Diese Erfahrung kommt ihnen in ihrem Projekt "Kooperation für Inklusion in Bildungsübergängen" zugute. (Foto: Universität Wien)

Das FWF-Projekt "Kooperation für Inklusion in Bildungsübergängen" unter der Leitung von Assoz. Prof. Mag. Dr. Helga Fasching und der Mitarbeit von Mag. Astrid Hubmayer und Katharina Felbermayr, BA BA MA MA ist am Institut für Bildungswissenschaft der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft angesiedelt und läuft von Oktober 2016 bis September 2019.

*fiktives Beispiel