Buchtipp des Monats von Christian Köberl

Was uns Meteoriten über die Entstehung der Erde erzählen, damit beschäftigt sich Impaktforscher Christian Köberl u.a. in seiner jüngsten Publikation. Zudem hat er als Vielleser gleich zwei Buchtipps für unsere LeserInnen parat.

uni:view: Herr Köberl, gemeinsam mit dem Journalisten Alwin Schönberger haben Sie die kürzlich erschienene Publikation "Achtung Steinschlag! Asteroiden und Meteoriten: Tödliche Gefahr und Wiege des Lebens" verfasst. Tödliche Gefahr ist nachvollziehbar, aber inwiefern können sie auch eine Wiege des Lebens sein?
Christian Köberl: Es gibt hier zwei Ansätze, die vor allem in der Frühgeschichte der Erde von Bedeutung gewesen sein könnten. Einerseits können mit außerirdischen Objekten, wie Kometenkernen, aber auch Asteroiden, bestimmte organische Chemikalien – "organisch" bedeutet, dass es sich um Kohlenstoffverbindungen handelt – auf die Erde kommen und hier mithelfen, die Bausteine des Lebens auf der Erde zu etablieren. Und bei großen Einschlägen kommt es auch zu langfristigen Erwärmungen der betroffenen Gesteine, ja sogar zur Bildung von impakt-bedingten hydrothermalen heißen Quellen und Zirkulationssystemen: warme Oasen also, in denen die Entwicklung des Lebens gute Bedingungen vorgefunden haben könnte.

uni:view: Nochmal genau nachgefragt: Was unterscheidet Asteroiden von Meteoriten und woraus bestehen sie?
Köberl: Asteroiden sind Gesteins- und Eisenbrocken, die hauptsächlich zwischen Mars und Jupiter im Sonnensystem – im sogenannten Kleinplaneten- oder Asteroidengürtel – um die Sonne ziehen. Es handelt sich hier um Überreste, eine Art kosmischer Schutt, aus der Frühphase der Entstehung des Sonnensystems vor ca. 4,5 Milliarden Jahren. Diese Objekte können auch zusammenstoßen, in kleinere Teile zerbrechen, die dann rascher von den Planeten im inneren Sonnensystem aufgefangen werden können. Trifft ein solches Objekt die Erdatmosphäre, wird diese ionisiert und es gibt eine Leuchterscheinung, die als Meteor, Feuerball oder Sternschnuppe bezeichnet wird. Bleibt nach der Abbremsung in der Erdatmosphäre noch etwas von dem Objekt übrig und landet es auf der Erde, nennt man es dann einen "Meteoriten". Das sind also Bruchstücke und Überreste von Asteroiden und erzählen uns über die Frühgeschichte des Sonnensystems.

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. In Interviews und Gastbeiträgen liefern die ForscherInnen vielfältige Blickwinkel und Lösungsvorschläge aus ihrem jeweiligen Fachbereich. Die Semesterfrage im Sommersemester 2018 lautet "Wie retten wir unser Klima?". Zur Semesterfrage

uni:view: Inwieweit sind Einschläge vorherseh- und abwehrbar und was lösen sie aus?
Köberl: Wir kennen heute die Bahnen von ca. 17.000 Kleinplaneten, die der Erde nahe kommen können. Das sind allerdings nur die größeren, jene die mehrere hundert Meter im Durchmesser sind. Diese Bahnen sind vorausberechenbar und wir wissen, dass uns zumindest von diesen Körpern in den nächsten Jahrzehnten – geologisch gesehen ein sehr kurzer Zeitraum – keine Gefahr droht. Kleinere Objekte aber – die durchaus lokal und regional signifikante Zerstörungen verursachen können – sind allerdings (noch) nicht katalogisiert und können jederzeit sozusagen aus dem "blauen Himmel" kommen. Der Einschlag eines Asteroiden von ca. 50 bis 100 Meter Durchmesser kann durchaus ein Gebiet von der Größe Wiens komplett zerstören – größere Einschläge entsprechend mehr. Mit heutiger Technologie sind Einschläge nicht abwehrbar, aber es gibt zumindest theoretische Überlegungen wie man das – bei entsprechend langer Vorwarnzeit – tun könnte.

uni:view: Unsere aktuelle Semesterfrage 2018 lautet "Wie retten wir unser Klima?" Meteoriteneinschläge sind dabei momentan sicherlich ein kleineres Problem, dennoch die Frage an Sie, inwieweit ein Meteoriteneinschlag unser Klima beeinflussen kann?
Köberl: Wenn ein größerer Einschlag erfolgt, ab ein paar Kilometer Asteroidendurchmesser, dann sind im Vergleich dazu alle menschengemachten Klimastörungen verschwindend gering. Einer der größten Einschläge – ein ca. zehn Kilometer großer Asteroid – in "rezenter" geologischer Zeit, am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren, hat derart drastische Klimaänderungen auf der ganzen Erde ausgelöst, dass es zum Aussterben von über 70 Prozent aller damals existierenden Tier- und Pflanzenarten, wie z.B. der Saurier, gekommen ist.

Das Gewinnspiel ist bereits verlost. Doch die gute Nachricht: In der Universitätsbibliothek steht "Under the Volcano" interessierten LeserInnen zur Verfügung.

"Achtung Steinschlag! Asteroiden und Meteoriten: Tödliche Gefahr und Wiege des Lebens" von Christian Köberl und‎ Alwin Schönberger

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Köberl: Hier nur ein Buch zu nennen, ist ganz schwierig bei den vielen tausend, die ich zu Hause habe. Vielleicht darf ich zwei nennen: "Under the Volcano" von Malcolm Lowry und "Der Mensch erscheint im Holozän" von Max Frisch.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesen Büchern einfallen?
Köberl: Mich fasziniert hier einerseits die wunderbare Sprache und andererseits der Hinweis, wie wenig wir Menschen unser eigenes Schicksal wirklich steuern können.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das jeweilige Buch zu. Was bleibt? 
Köberl: Zwei Bücher, an die man sich noch Jahre danach erinnert, vielleicht sogar bestimmte Sätze nicht aus dem Kopf bekommt – das ist etwas Besonderes, das bleibt.

Christian Köberl ist stv. Leiter des Departments für Lithosphärenforschung an der Universität Wien sowie Generaldirektor und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Naturhistorischen Museums Wien.