Peter Becker: Mit dem Fahrrad ins Archiv

Wer sich wie Peter Becker vor allem für Österreichische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts interessiert, der hat es in Wien besonders gut. Seit 2011 forscht, lehrt und lebt der Historiker in der Bundeshauptstadt und liebt es, in den vielen Archiven direkt in die Geschichte einzutauchen.

"Für mich ist Wien der beste Standort, den man sich nur vorstellen kann", erklärt Peter Becker. Die vielseitigen Themen und Fragestellungen, die den Historiker in seinem Fachbereich beschäftigen, könne er hier hautnah und unkompliziert erforschen. "In Wien lässt sich Geschichte nicht nur anfassen, hier gibt es auch viele tolle Archive. Das erleichtert die Recherche ungemein: Ich muss nicht mehr stundenlang im Flugzeug sitzen, um zu einer gewünschten Quelle zu gelangen, sondern kann einfach jederzeit bequem mit dem Fahrrad hinfahren", so Becker.

Neben einer "ganz neuen Qualität der Recherche" findet der Historiker an seinem aktuellen Arbeitsplatz in der Bundeshauptstadt aber auch noch andere Aspekte positiv. "Die Universität Wien bietet aufgrund ihrer Größe ausgezeichnete Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Egal ob Rechtswissenschaften, Politikwissenschaft oder Europäische Ethnologie – solch ein interdisziplinäres Aufeinandertreffen mit anderen Instituten und Fakultäten birgt ein hohes Anregungspotenzial", ist Becker überzeugt.

Graz, Göttingen und Washington


Der gebürtige Oberösterreicher hat im Laufe seiner akademischen Karriere bereits mehrere hochkarätige Stationen absolviert. Nach dem Studium der Geschichte, Soziologie und Kunstgeschichte an der Universität Graz zog es ihn 1988 zunächst ans Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen – "einen weiteren spannenden Ort für Geschichtsforschung", wie Becker betont. Mehr oder weniger zeitgleich war er zudem als Lektor am Historischen Seminar der Universität Regensburg und der Universität Basel beschäftigt.

Anschließend folgte der Sprung über den großen Teich in die USA, wo er etwas mehr als vier Jahre lang (1993 bis 1997) am Deutschen Historischen Institut in Washington D.C. tätig war. "Die Zeit in Washington war sehr interessant und hat mich sowohl beruflich als auch privat sehr weitergebracht", blickt der Wissenschafter zurück. Erstens habe er dadurch eine ganz andere Wissenschaftskultur kennengelernt und zweitens konnte er viele wichtige persönliche Kontakte knüpfen. "Einen Großteil davon halte ich auch heute noch aufrecht", merkt Becker an.

Den Aufenthalt in den USA nutzte Peter Becker auch für seine Forschung: "Ich habe damals an einem Buch zur Polizei- und Kriminologiegeschichte gearbeitet. In Washington, wo die Ausgrenzung sozialer Gruppen – vor allem junger, männlicher Afroamerikaner – durch die Denkstile der Polizei und Justiz besonders deutlich sichtbar ist, hat dieses Thema sehr gut gepasst."

Lesetipp: "Verderbnis und Entartung. Zur Geschichte des Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis" (PDF)

Florenz, Linz und Wien

Von Washington aus siedelte Becker 1997 weiter nach Florenz – genauer: ans Europäische Hochschulinstitut –, wo er eine Professur für Central European History antrat. "Ich habe mich damals sehr stark mit Fragen zu Europa und zur europäischen Geschichte auseinandergesetzt und traf in Florenz auf eine wissenschaftliche Community, die mich aufgrund ihrer Intellektualität, Internationalität und Interdisziplinarität fasziniert hat", schildert der Forscher. Neben spannenden Gesprächen mit JuristInnen, ÖkonomInnen und SoziologInnen hatte das Intermezzo in Italien laut Becker noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: "Ich habe ein wenig Italienisch gelernt."

Mit einer Gastprofessur an der Paris Lodron Universität Salzburg 2005 folgte nach acht Jahren Florenz die Heimkehr nach Österreich. Dort ging es für den Historiker an die Universität Linz, wo er bis 2009 als Vorstand des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte tätig war. "Im Wintersemester 2009 kam ich dann zum ersten Mal im Rahmen einer Gastprofessur an die Universität Wien", erinnert sich Becker.

Mehrere Funktionen


Seit März 2014 ist der kulturbegeisterte Hobbygärtner nun als Professor für Österreichische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am Institut für Geschichte im Einsatz. Zusätzlich ist er auch stellvertretender Institutsvorstand, Vizesprecher der Vienna Doctoral Academy "Theory and Methodology in the Humanities" und Leiter des Doktoratsstipendienprogramms (DSPL) der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. "Die DSPL-Stelle ist meiner Meinung nach eine der interessantesten Aufgaben, die man an einer Universität zugesprochen bekommen kann, denn die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Dissertationsprojekten bringt auch viele interessante Anregungen für die eigene Forschung", meint Becker.

Bei dieser Einstellung wundert es nicht, dass der Forscher als Betreuer für Abschlussarbeiten sehr gefragt ist. "Mir ist wichtig, meinen StudentInnen ein kritisches Bewusstsein und eine gewisse Begeisterung für unser Fach zu vermitteln. Wir gehen oft gemeinsam in ein Archiv, wo wir dann verstaubte alte Schachteln öffnen und so direkt in die Vergangenheit eintauchen", so Becker, der sich besonders für die Habsburgermonarchie interessiert: "In meinem aktuellen Projekt will ich gemeinsam mit einer Kollegin aus München aufzeigen, wie sich im Laufe der Regierungszeit von Franz-Joseph die politischen Prozesse verändert haben. Dafür werden wir den archivierten Bestand der Kabinettskanzlei, der wichtigsten Kontaktstelle zwischen Kaiser und seiner Regierung, mit insgesamt 250.000 Einträgen analysieren." (ms)

Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Peter Becker, Professor für Österreichische Geschichte und stellvertretender Vorstand des Instituts für Geschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, zum Thema "Der Staat – eine österreichische Geschichte" findet am Mittwoch, 31. Mai 2017, um 17 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien statt.