Ulrike E. Auga: Fotografien als materielle Grundlagen diskursiver Auseinandersetzungen

Die Kulturwissenschafterin, Geschlechterforscherin und Religionsphilosophin Ulrike E. Auga hält im Sommersemester die Käthe-Leichter-Gastprofessur am Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien.

Ulrike E. Auga, die zuvor zehn Jahre an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrte, war ebenfalls als Gastprofessorin an der Columbia University New York tätig und forschte in Princeton, bevor sie an die Universität Wien berufen wurde.

In Ostberlin geboren hatte Auga aus politischen Gründen zunächst Studienverbot. So erlernte sie einen landwirtschaftlichen Facharbeiterinnen-Beruf, bevor ihr vom Staat eine Ingenieurinnenausbildung zugewiesen wurde. Erst im Vorfeld der friedlichen Revolution in der DDR studierte sie Evangelische Theologie – damals ein Ort des Widerstandes – bevor sie sich den Kulturwissenschaften zuwandte.

Forschungsräume im afrikanischen und arabischen Kontext

Die Wissenschafterin interessiert sich für die Erforschung von Gesellschaften, die sich in einem politischen Übergang befinden, da dort soziale, ökonomische und epistemologische Veränderungen besonders hervortreten. Sie arbeitete mehrere Jahre lang in Südafrika und Mali, wo sie sich unter anderem mit Genderfragestellungen im Kontext von Nationalismen beschäftigte. In die Auseinandersetzung mit Geschlecht, Körper, sexuellen und gesundheitlichen Rechten fiel auch die Erforschung der weiblichen Genitalverstümmelung in Mali. Dabei untersuchte Auga Fragen von Geschlecht und Handlungsmacht im Kontext des Widerstandes gegen dominante Kultur- und Religionsdiskurse.

Hier entstand ebenso Augas fotografisches Archiv mit über 10.000 Bildern, das heute noch ein wichtiger Bestandteil ihrer Lehre ist. Das dreijährige Forschungsprojekt "Gender in Conflicts" in Jerusalem vertiefte ihr Verständnis, dass geschlechterbasierte und fundamentalistische Gewalt nur durch eine gemeinsame Kritik von Geschlecht und Religion, die sie als Kategorien des Wissens versteht, bearbeitet werden können.

Warum Theorie nötig ist

Augas Perspektive auf Kultur-, Gender- und Religionsdiskurse wird bis heute durch ihre Aufenthalte in Südafrika, Mali, Israel und die Palästinensischen Autonomiegebiete geprägt. Geblieben ist vor allem ein enger Wissensaustausch mit den genannten Ländern – sowohl forschend als auch lehrend. Denn postkoloniale und postsäkulare Theorien kritisieren gesellschaftliche Ausschlüsse des Neokolonialismus und weisen darauf hin, dass die Entstehung des Subjekts und der Gewinn von Handlungsmacht – von individuellen Erfahrungen geprägt – auch jenseits "westlicher" Konzepte von Emanzipation entstehen.

Der Fokus liegt bei Auga nicht auf der Gewalt, sondern auf der Frage, wie solidarisches Wissen durch das radikale soziale Imaginäre entsteht. "Wir sind ohne Theorie nicht in der Lage, zwischen 'Fake News', 'Alternative Facts' und emanzipatorischem Wissen zu unterscheiden", versucht sie ihren Studierenden mitzugeben.

Ulrike E. Auga mit ihrer Kamera selbst im fotografischen Objektiv. (Foto: Ulrike E. Auga)

Kolonisierung im Weltall

Vor zwei Jahren nahm Auga einen NASA-Forschungspreis in Princeton wahr und wurde in ein Team berufen, das die gesellschaftlichen Reaktionen auf die Entdeckung außerirdischen Lebens vorbereitet. "Die gegenwärtige Wissensordnung des 'Westens' ist geprägt durch ein Modell, in welchem der Mensch als Subjekt der Geschichte erscheint, verbunden mit Begriffen von Teleologie, Universalismus, Rassismus und Genderhierarchie. Gegenwärtige Forschung befürchtet, dass neues Leben daher mit seiner Entdeckung von Vernichtung bedroht sei." Auga untersuchte hier die Konzepte von Nation, Geschlecht, Race, Religion und Spezies, die bei der Herstellung der von der NASA produzierten Weltraumbilder eingezeichnet werden.

Widerständige Bilder und Fotografie


Auga benutzt häufig Bildmaterial, das sie zum Teil selbst fotografiert hat. "Neben den Texten gewinnen Fotografien, Dokumentar- und Spielfilme als materielle Grundlagen diskursiver Auseinandersetzungen symbolischer Ordnungen an großer Bedeutung", so die Professorin. War die Fotografie für Auga zunächst nur ein außerberufliches Feld, ist sie mittlerweile ein wichtiger Bestandteil ihrer Forschung und Lehre geworden. Ihr zentrales Motiv sind Darstellungen von "Menschen in ihrer Einmaligkeit und Besonderheit dessen, was sie tun, jenseits der objektivierenden, marginalisierenden kolonialen Porträtfotografie". Visuelle Diskurse und eigenes Archivmaterial sind auch Themen der Käthe-Leichter-Vorlesung von Ulrike E. Auga am 30. Mai. (red)

Prof. Dr. phil. Mag. Ulrike E. Auga hält ihre Käthe-Leichter-Vorlesung am Dienstag, den 30. Mai 2017 im Kleinen Festsaal der Universität Wien zum Thema "Visuelle Archive zwischen Timbuktu und Kapstadt. Zur Performativität und Handlungsmacht von Kultur, Geschlecht und Religion".