Mein Business: "Wenn du für eine Idee brennst, dann setze sie auch um"

Annemarie Harant ist 32 Jahre alt und hat an der Universität Wien Internationale Entwicklung studiert. Heute ist sie Geschäftsführerin der Online-Plattform "Erdbeerwoche", die über nachhaltige Frauenhygiene aufklärt und Alternativen zu Tampons und Co. vertreibt.

uni:view: Worum geht es bei der "Erdbeerwoche"?
Annemarie Harant: Die Erdbeerwoche ist eine Bewusstseinsplattform und ein Online-Shop für nachhaltige Frauenhygiene. Wir klären Frauen über die Problematik von konventionellen Produkten auf und bieten gesunde und nachhaltige Alternativen: wiederverwendbare Produkte wie Menstruationskappen, waschbare Bio-Slipeinlagen, Tampons und Binden aus Biobaumwolle. Mit einer Menstruationskappe, die bis zu zehn Jahre verwendet werden kann, spart sich frau beispielsweise bis zu 2.000 Tampons.

Im Dossier "Mein Business" stellen Alumni der Universität Wien ihr Start-up vor und verraten Tipps und Tricks für (zukünftige) GründerInnen. Das Dossier läuft in Kooperation mit der DLE Forschungsservice und Nachwuchsförderung.

uni:view: Wie sind Sie auf die Idee gekommen – und wann stand fest: Wir gründen eine Firma?
Harant: Ein Unternehmen zu gründen war in meinem Lebensplan eigentlich gar nicht vorgesehen, ich hatte die klassische Karriere mit Job nach der Uni vor Augen. Vielleicht deshalb, weil auch in meiner Familie niemand eine Firma hat. Die Idee zur "Erdbeerwoche" hat das Leben meiner Mitgründerin Bettina Steinbrugger und mir komplett verändert. Wir haben uns viele Jahre lang mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und sind draufgekommen, dass das Thema Frauenhygiene in dieser Debatte überhaupt keine Rolle spielt.

Das hängt damit zusammen, dass Menstruation immer noch ein Tabu ist: Frauen sprechen ungern darüber, und es ist in der öffentlichen Diskussion kein Thema. Das wollen wir ändern. Keine Frau soll sich schämen, die Regel zu haben. Schließlich verbringen wir, zusammengerechnet, insgesamt  sechs bis sieben Jahre unseres Frauenlebens "blutend".

Bei der Entrepreneurship Night an der Universität Wien erzählen Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger ihre Gründungsgeschichte und beantworten beim Speed-Dating Fragen zur "Erdbeerwoche".

Entrepreneurship Night an der Universität Wien
Erfolgreiche Uni-Wien-GründerInnen geben Einblick in die Start-up-Praxis.
Mittwoch, 18. Jänner 2017, 18 Uhr
Großer Festsaal, Universität Wien, 1010 Wien
Weitere Informationen

uni:view: Sie haben an der Universität Wien Internationale Entwicklung studiert. Hat Ihr Studium beim Weg in die Selbständigkeit eine Rolle gespielt?
Harant: Was aus meiner Sicht eine irrsinnig wichtige Rolle spielt, sind die vielen inspirierenden Leute, sowohl Lehrende als auch Studierende, die man während des Studiums kennenlernt. Auch heute noch hilft mir dieses Netzwerk sowohl aus Frauen als auch Männern, die mittlerweile in guten Positionen sind, indem wir uns gegenseitig pushen und unterstützen. Ich bin sehr froh, dass das bis heute anhält.

uni:view: Haben Sie sich das Gründen so vorgestellt?
Harant: Ich hatte überhaupt keine Vorstellung zum Thema Gründen. Wir haben die Erdbeerwoche 2011 als Bewusstseinsplattform für nachhaltige Frauenhygiene gestartet, da haben wir noch gar nicht daran gedacht, damit ein Unternehmen zu gründen. Es war uns dann aber ziemlich schnell klar, dass wir auf eigenen Beinen stehen und nicht wie bei einem Verein komplett von Förderungen abhängig sein wollen, und haben beschlossen: Ok, wir wollen das Thema nachhaltige Frauenhygiene in den Mainstream bringen und die Frauenhygiene revolutionieren, wir werden Unternehmerinnen, wir haben ein Start-up.

uni:view: Was war für Sie die größte Herausforderung?
Harant: Man steht als Gründerin tagtäglich vor ungefähr tausend Herausforderungen. Die größten sind sicher die bürokratischen Hürden. Am Anfang war uns überhaupt nicht bewusst, was da alles dahinter steckt. Man darf sich aber natürlich nicht abbringen lassen von seiner Idee. Aber ein Ziel vor Augen zu haben – in unserem Fall war es wirklich wie eine Mission – ist etwas, das einen täglich antreibt.

uni:view: Und was war der schönste Augenblick?
Harant: Wir sind sehr verwöhnt, was das Thema positives Feedback unserer Kundinnen betrifft. Wir haben vor zwei Jahren eine Umfrage durchgeführt und herausgefunden, dass 90 Prozent der Frauen seit dem Umstieg auf unsere Produkte, also Menstruationskappe & Co., eine positivere Einstellung zu ihrer Regel und zu ihrem eigenen Körper haben. Ein schöneres Kompliment kann man eigentlich nicht bekommen – und das stärkt uns natürlich in unserer täglichen Arbeit.

Workshop "Wie Social Entrepreneurship gelingen kann"
Donnerstag, 19. Jänner 2017, 10 bis 13 Uhr
DLE Forschungsservice und Nachwuchsförderung, Seminarraum 1 (Hof)
Berggasse 7, 1090 Wien
Nähere Informationen und Anmeldung

uni:view: Haben es Frauen in der Welt der GründerInnen schwerer als Männer?
Harant: Wir haben damals einfach aus dem Bedarf heraus gegründet, dass es am Markt einfach nichts zum Thema Frauenhygiene und Nachhaltigkeit gab. Daneben sind wir noch lange anderen Jobs nachgegangen und haben bewusst keine InvestorInnen gesucht. Das hat bis jetzt sehr gut funktioniert – aber ich denke, dass wir uns hier von männlichen Gründern unterscheiden, die sofort auf Investorensuche gehen. Wir schauen uns genau an, wen wir an unserem Unternehmen beteiligen und wen nicht. Grundsätzlich ist ein Start-up aber einfach harte Arbeit, egal ob für Frauen oder Männer.

uni:view: Helfen Vorbilder?
Harant: Vorbilder sind in den unterschiedlichen Gründungsphasen ganz wichtig. Eines meiner persönlichen Vorbilder ist die Gründerin von "The Body Shop". Viel gelernt habe ich von einer Chefin in einem vorigen Job. In der täglichen Arbeit treffe ich immer wieder tolle Frauen und andere Gründerinnen, von denen ich mir etwas mitnehmen kann.

uni:view: Welche Tipps würden Sie Ihrem damaligen "Gründer-Ich" aus heutiger Sicht geben?
Harant: Darüber haben meine Partnerin Bettina Steinbrugger und ich oft nachgedacht. Eigentlich würden wir ja alles nochmal genauso machen. Nur was bestimmte bürokratische Abläufe und vor allem Start-up-Förderungen angeht, hätte man im Nachhinein cleverer sein können. Aber abgesehen davon kann ich jeder Gründerin und jedem Gründer nur raten: Wenn du für eine Idee brennst, dann setze sie auch um.

Steckbrief
Name: Annemarie Harant
Alter: 32
Studium: Internationale Entwicklung an der Universität Wien
Mein Business: Mitgründerin und Geschäftsführerin der "Erdbeerwoche"
Mein Motto: "ERFOLG hat drei Buchstaben: T U N" (Johann Wolfgang von Goethe)
Mein Tipp für GründerInnen: Lerne zu lieben, was du tust, und suche dir Mitstreiterinnen bzw. Mitstreiter mit der gleichen Vision.

Das Interview führte Johanna Kober (DLE Forschungsservice und Nachwuchsförderung sowie Wissenstransferzentrum Ost).