Buchtipp des Monats von Peter Pirker

In seiner jüngsten Publikation beschäftigt sich der Politikwissenschafter Peter Pirker mit der Operation Greenup, einer der erfolgreichsten subversiven Einsätze alliierter Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg. Einen persönlichen Buchtipp hat er auch parat.

uni:view: In Ihrer jüngsten Publikation "Codename Brooklyn" geht es um die Hintergründe der Operation Greenup. Können Sie kurz erläutern, um was für eine Operation es sich dabei handelte?
Peter Pirker: Die Operation Greenup gilt als eine der erfolgreichsten subversiven Einsätze alliierter Geheimdienste in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Das dreiköpfige Agententeam spionierte die Wehrmachtstransporte über den Brenner aus, lieferte der alliierten Luftwaffe Daten für präzise Bombardierungen und organisierte die kampflose Übergabe Innsbrucks an die US-Armee.

uni:view: Inwieweit war Innsbruck für die Alliierten strategisch wichtig?
Pirker: Innsbruck war der wichtigste Verkehrsknotenpunkt an der Brennerstrecke, über die der Nachschub der Wehrmacht an die italienische Front abgewickelt wurde. Nachdem die alliierten Armeen die "Festung Europa" (Adolf Hitler) geknackt hatten, beschäftigte die westlichen Nachrichtendienste das Gespenst einer "Alpenfestung", das die NS-Propaganda geschickt in die Welt gesetzt hatte. Die Informationen des Greenup-Teams waren ein Beitrag dazu, diese Schimäre zu entkräften.   

Buchpräsentation am 5. Juni 2019
"Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup 1945" von Peter Pirker, Tyrolia Verlag 2019
Autor Peter Pirker im Gespräch mit Matthias Breit
Mittwoch 5. Juni 2019 um 19.30 Uhr
Republikanischer Club, Rockhgasse 1, 1010 Wien
Einladung und Programm (PDF)

uni:view: Warum ist es Ihnen wichtig, speziell diese Operation aufzuarbeiten?
Pirker: International bekannt wurde die Operation Greenup durch den Dokumentarfilm "The Real Inglorious Bastards". In den USA gelten die jüdischen Protagonisten Fred Mayer und Hans Wijnberg, Flüchtlinge aus Deutschland und den Niederlanden, als Ikonen des Kampfes gegen NS-Deutschland. Im Nachkriegsösterreich wurden ihre Taten verdrängt, genauso wie ihr einheimischer Partner, der Wehrmachtsdeserteur und spätere ÖVP-Politiker Franz Weber und die lokalen Helferinnen und Helfer.

Sie blieben im Schatten der selbsternannten "Befreier" Innsbrucks unter dem späteren Landeshauptmann und Außenminister Karl Gruber. Abgesehen von der Hinterfragung nationaler Mythen boten die Biographien der beteiligten AkteurInnen die Möglichkeit, die NS-Herrschaft und den Krieg der Wehrmacht in Europa, den Widerstand von Flüchtlingen, PartisanInnen und RegimegegnerInnen sowie die historische, mediale und juristische Nachbearbeitung des Nationalsozialismus in vielen Facetten und an vielen Schauplätzen zu analysieren und zu erzählen.

Das Gewinnspiel ist bereits verlost. Doch die gute Nachricht: In der Universitätsbibliothek stehen die Bücher interessierten LeserInnen zur Verfügung:  

1 x "Codename Brooklyn" von Peter Pirker
1 x "Rückkehr nach Lemberg" von Philippe Sands

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Pirker: "Rückkehr nach Lemberg" von Philippe Sands. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine persönliche Geschichte.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Pirker: Fasziniert hat mich an dem Buch, wie die Entdeckung eines biographischen Zufalls den Autor zu einer gründlichen Recherche führt, in der Rätsel seiner Familiengeschichte mit der eigenen Tätigkeit als Menschenrechtsanwalt und der Entstehung der juristischen Grundlagen dafür eng verwoben sind. Bei der Vorbereitung eines Vortrags in Lwiw (Lemberg), wo sein Großvater zur Welt kam, der als einziger seiner Familie die Shoah überlebte hatte, erkannte Philippe Sands, dass die beiden Juristen Hersh Lauterpacht und Raphael Lemkin ebenfalls aus Lemberg stammten. Lauterpacht hatte nach seiner juristischen Ausbildung in Wien bei Hans Kelsen angesichts der NS-Verbrechen in England den Begriff "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" erarbeitet, Lemkin nach der Flucht vor den Nazis in den USA den Begriff "Genozid".

In seiner Erzählung spürt Sands seiner eigenen Familiengeschichte nach, in der Wien ebenfalls ein wichtiger Schauplatz ist, und rekonstruiert die unterschiedlichen Bemühungen und Überlegungen der beiden Juristen, Rechtsgrundlagen für die Ahndung der Verbrechen der Nationalsozialisten zu schaffen. Eine weitere Dimension ist die Einbeziehung von Juristen auf der Täterseite und deren Familiengeschichten, von Hans Frank, dem Gouverneur des Generalgouvernements, der über Lemberg herrschte und in Nürnberg wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zum Tode verurteilt wurde und seinem Statthalter in Lemberg, dem Wiener Otto Wächter, der der Nachkriegsjustiz mit Hilfe des Vatikans entkam.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Pirker: Erstens, dass ich es wieder aufschlagen werde, zweitens eine Erfahrung des Begehrens zu verstehen und zu widerstehen und drittens, dass es gut war, sich die Zeit für die fast 600 Seiten genommen zu haben. (td)

Peter Pirker ist am Institut für Staatswissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien tätig.