Buchtipp des Monats von Franz Essl

Inwieweit Artensterben und Klimawandel zwei Seiten einer Medaille sind, erklärt Franz Essl im aktuellen Buchtipp des Monats. Im Interview spricht er über die Hintergründe und hat auch einen dystopischen persönlichen Buchtipp für unsere LeserInnen parat.

uni:view: Biodiversität und Klimawandel: Können Sie kurz erläutern was diese beiden Phänomene miteinander zu tun haben?
Franz Essl: Artensterben und Klimawandel sind zwei Seiten einer Medaille: Intensive Landnutzung und die Zerstörung naturnaher Lebensräume wie Wälder oder Feuchtgebiete führen zum Rückgang vieler Arten. Gleichzeitig werden dadurch massiv Treibhausgase freigesetzt – und dies befeuert den Klimawandel. Daher ist auch klar, dass Klimaschutz und Bewahrung der Artenvielfalt Hand in Hand gehen müssen und nur gemeinsam erfolgreich sein können.

Jedes Semester stellt die Universität Wien eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. Die Semesterfrage im Wintersemester 2019/20 lautet: Wie schützen wir die Artenvielfalt? Zur Semesterfrage

uni:view: Der von Ihnen und Wolfgang Rabitsch herausgegebene Sammelband "Biodiversität und Klimawandel" legt den Fokus auf Mitteleuropa. Was ist für diese Region spezifisch?
Essl: Die Länder Mitteleuropas weisen viele Gemeinsamkeiten auf – nicht nur kulturell und geschichtlich, sondern auch naturräumlich. Gleichzeitig gehört Mitteleuropa zu den stark vom Klimawandel betroffenen Regionen – die Jahresmitteltemperatur ist im Alpenraum in den letzten Jahrzehnten etwa doppelt so stark gestiegen wie im globalen Durchschnitt. Und die intensive Landnutzung hat dazu geführt, dass etwa jede dritte Art in den Ländern Mitteleuropas als bedroht gilt und auf den nationalen Roten Listen geführt wird.

uni:view: Was sind die wohl schwerwiegendsten prognostizierten Folgen des Klimawandels auf Arten und Lebensräume?
Essl: Mit zunehmenden Klimawandel werden immer mehr Belastungsgrenzen von einzelnen Arten, aber auch von ganzen Ökosystemen überschritten. So können häufige und starke Hitzeperioden dazu führen, dass Moore im Sommer so stark austrocknen, dass es zu irreversiblen Veränderungen wie dem Absterben der Feuchte-bedürftigen Moorvegetation kommt, verbunden mit einer Freisetzung des im Torf gebundenen Kohlenstoffs. Mit zunehmenden Klimawandel werden solche Phänomene immer gravierender, mit drastischen Folgen für die Stabilität der Lebensräume, das Überleben der Arten, aber auch das Landschaftsbild und die menschliche Gesellschaft. 

uni:view: In Ihrer Publikation bieten Sie auch Handlungsoptionen an, um dem Artensterben und dem Klimawandel entgegenzuwirken. Können Sie die wichtigsten kurz skizzieren?
Essl: Klimaschutz kann nur im Einklang mit Biodiversitätsschutz gelingen. Beides muss endlich als maßgebend bei der Gestaltung politischer Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Daraus folgt, dass alle Maßnahmen, die der Artenvielfalt nützen und dem Speichern von Kohlenstoff dienen (im Boden oder in der Vegetation), ambitioniert umgesetzt werden: nachhaltige Landnutzung, Schutz und Wiederherstellung intakter Lebensräume, Trendumkehr beim Flächenfraß sowie Ausbau erneuerbarer Energien – aber unter Wahrung von Naturlandschaften.

Ergänzend braucht es eine Energiepolitik, die Treibhausgase viel stärker als bisher bepreist. Und: Die Kosten dieser Maßnahmen werden schon alleine durch das Freiwerden von Beträgen, die bislang für klima- und naturschädliche Förderungen ausgegeben wurden, ausgeglichen. Eine lebenswerte Zukunft ist nicht nur möglich, sie ist auch ökonomisch vernünftig, und – die Wahlergebnisse zeigen es – sie hat auch das Mandat der BürgerInnen.

Gewinnspiel! uni:view verlost 3 Bücherpakete bestehend aus:

1 x "Biodiversität und Klimawandel" von Franz Essl und Wolfgang Rabitsch (Hrsg.)
1 x "Die Straße" von Cormac McCarthy  

MITSPIELEN!

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen? 
Essl: "Die Straße" von Cormac McCarthy aus dem Jahr 2006.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Essl: Es ist ein unglaublich dichtes Buch aus einer Zukunft, wie sie hoffentlich nie sein wird. Vater und Sohn ziehen durch eine tote Welt, auf der Suche nach einem besseren Ort. McCarthy schildert in eindringlicher Sprache die intensive Beziehung der beiden, eingebettet in eine Dystopie, wobei unklar bleibt, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist. Es ist ein Buch ohne konkreten Ort und ohne konkrete Zeit. 

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Essl: Ein tiefes Gefühl, einen elementaren Text gelesen zu haben. Und auch eine Beklemmung – denn wer mag ausschließen, dass eine solche oder ähnliche Zukunft, wie sie das Buch zeichnet, nicht irgendwann Realität wird? (td)

Franz Essl lehrt und forscht am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien. Er gilt als führender Experte in der Neobiota-Forschung, gehört zu den ForscherInnen, deren Arbeiten besonders häufig zitiert werden ("Highly Cited Scientists"), und ist auch im Leitungsteam des kürzlich neu gegründeten österreichischen Biodiversitätsrats tätig.