Wer lehrt, hat auch einmal studiert: Nuno Maulide

"Mein erster Tag auf der Universität war wohl nicht unbedingt so, wie man es sich von einem Chemiker erwartet", sagt Nuno Maulide. Was er damit meint, welche Tipps er für Studierende hat und für welchen Ratschlag er seiner Schwester heute immer noch dankbar ist, verrät der Chemiker im Interview.

uni:view: Erinnern Sie sich zurück: Was haben Sie damals an Ihrem ersten Tag an der Universität erlebt?
Nuno Maulide:
Mein erster Tag an der Universität war wohl nicht unbedingt das, was man sich von einem Chemiker erwartet: Ich war damals an der Musik Universität Lissabon, wo ich mich (nach erfolgreicher Eingangsprüfung) für das Studium Konzertfach Klavier angemeldet hatte. Ich war nur 17 Jahre alt und es war alles neu. Am allerersten Tag hatten wir eine Musiktheorie-Vorlesung und es war spannend! Bald wurde mir aber klar, dass dieses Studium leider nicht das richtige für mich ist.

Nach dem Absolvieren aller Prüfungen des ersten Jahres habe ich meine Anmeldung nicht erneuert und bin stattdessen aufs Instituto Superior Técnico (auch in Lissabon) für ein Chemiestudium gewechselt. Dort war der erste Tag quasi eine Erleichterung – ich befand mich an einer sehr großen Universität mit knapp 300 anderen AnfängerInnen (die Studienrichtungen Chemie, Technische Chemie und Bioingenieur haben alle Lehrveranstaltungen des ersten Studienjahres gemeinsam), aber ich fühlte mich nicht mehr so unsicher wie noch ein Jahr zuvor. Irgendwie war ich reifer geworden.

Nuno Maulide auf einer Party im Jahr 2005. Damals war er Doktorand an der Université catholique de Louvain in Belgien, wo er zwei Jahre später promovierte. (© N. Maulide)

uni:view: Welches Motto hat Sie während Ihres Studiums begleitet?
Maulide:
Man muss nicht alles auswendig lernen – viel wichtiger ist es zu verstehen, wie man schnell zu Wissen kommt sowie eine agile und kreative Denkweise zu entwickeln. In Ländern, in denen es wenig Ressourcen gibt, etwa in Portugal, muss man einfach kreativer sein. Auch im Laufe des Doktorats hatte ich ständig den Gedanken: "Es ist alles im Internet verfügbar – aber je mehr online verfügbar ist, desto weniger werden die Menschen suchen und wissen". Anscheinend gilt dies noch heute ...

uni:view: Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Studienzeit?
Maulide:
Dass man im Sommer wirklich fast drei Monate Urlaub hatte. Und natürlich die Freiheit, die Studierende haben – lustigerweise weiß man aber als Student/in nie, wie frei man wirklich ist. Manche Sachen im Leben spürt man erst, wenn sie nicht mehr da sind!

2002 war Nuno Maulide Praktikant bei der Firma Clariant in Basel. "Das war vermutlich das erste Mal in meinem Leben, dass ich so viel Schnee gesehen habe", schmunzelt der gebürtige Portugiese. (© N. Maulide)

uni:view: Welche Tipps geben Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg?
Maulide:
Erstens: Zu erkennen, wie privilegiert man ist, auf einer Uni wie unserer zu studieren; zweitens: Einen kritischen Geist gegenüber allen Materien zu entwickeln und drittens: lange Urlaube zu genießen, solange es sie gibt. Als ich nach meinem Postdoc (in Stanford, Kalifornien) eigentlich nahtlos zu meinem ersten Job als Gruppenleiter am Max-Planck-Institut (in Mülheim, Deutschland) wechseln wollte, hat mir meine Schwester die weisen Worte mitgegeben: "Warum fängst du sofort an? Nimm dir drei Monate Pause. Dies wird der letzte lange Urlaub deines aktiven Lebens sein." Danke, liebe Schwester!

Nuno Maulide ist seit Oktober 2013 Professor für Organische Synthese an der Universität Wien. Hier forscht er vor allem im Bereich der stereoselektiven Synthese von organischen Verbindungen und an der Entwicklung von neuen Synthesemethoden sowie deren Anwendungen für die gezielte Herstellung bioaktiver Naturstoffe. Ein großes Thema dabei ist eine nachhaltige, umweltfreundliche Chemie – ein Bereich, für den er 2016 einen "Consolidator Grant" des ERC erhielt. Heuer wurde Nuno Maulide zum "Wissenschafter des Jahres 2018" ernannt.