Susanne Schwab: Individualität in den Klassenzimmern fördern

"Das tun, was man selbst predigt", ist Bildungswissenschafterin Susanne Schwab bei ihrer Arbeit wichtig. Seit Oktober 2018 ist die 33-Jährige an der Universität Wien Professorin für Schulpädagogik unter besonderer Berücksichtigung sozialer, sprachlicher und kultureller Vielfalt.

Von ihrem Volksschullehrer bekam Susanne Schwab keine Empfehlung fürs Gymnasium, 20 Jahre später wurde sie im Alter von 30 Jahren Professorin. "Ich war wohl ein klassisches 'unentdecktes Potenzial'", lacht die Wissenschafterin. Im Oktober 2018 erfolgte der Ruf an die Universität Wien, wo die gebürtige Österreicherin seitdem u.a. zur Sozialen Partizipation von SchülerInnen, Schulischer Inklusion und Selbstwirksamkeit von Lehrkräften forscht.

In die Wissenschaft ist Susanne Schwab, die neben Pädagogik auch Psychologie studiert hat, eher "zufällig reingerutscht". "Irgendwann fing meine zielstrebige Karriere an", berichtet die Forscherin. Das Resultat: Promotion im Alter von 26 Jahren, Habilitation mit 29 Jahren. Einer Assistenzprofessur an der Universität Graz folgten eine Vertretungsprofessur an der Universität Bielefeld und später eine Professur an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2017 ist die Wissenschafterin zudem außerordentliche Professorin an der Nordwest-Universität in Südafrika.

Individualität fördern

Schulische Inklusion liegt Susanne Schwab am Herzen. Der Begriff wird oft falsch verwendet, sagt die Wissenschafterin: "Häufig geht es um Kinder mit oder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, um Kinder mit Behinderungen oder mit Migrationsgeschichte. Aus meiner Sicht würde es bei einem inklusiven Konzept eher um die Frage gehen, wie wir es schaffen, alle Kinder bestmöglich zu fördern. Um Individualität statt um Kategorien, Differenzen und Herkunftsmerkmale", betont Schwab, die in ihrer Forschung vorwiegend quantitativ arbeitet.

Wie machen es andere Länder?

Inklusion und Ressourcen sind auch die beiden Stichworte, die andere Länder für die Bildungswissenschafterin so spannend machen: "In  gibt es teilweise Klassen mit 45 SchülerInnen, von denen noch nicht einmal jede/r einen Stuhl zum Sitzen hat. Dennoch freuen sich alle, dass sie die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen", berichtet Susanne Schwab, die durch einen Forschungsaufenthalt in Vanderbijlpark in 2016 erste Kontakte knüpfte und seitdem einmal jährlich für etwa zwei Wochen vor Ort ist.

Im September 2017 hatte Susanne Schwab ihre Antrittsvorlesung in Südafrika gehalten. Im Bild: Susanne Schwab (links) mit Mirna Nel von der North-West University, die bei der Tagung "Giving students a voice" am 2. Mai an der Uni Wien zum Thema "Inclusion and being humane" sprechen wird. (© S. Schwab)

Die südafrikanische Gastprofessur läuft noch bis 2020, mit Möglichkeit zur Verlängerung. Das Motto: Voneinander lernen! "Ich finde die südafrikanische Definition von Inklusion sehr sympathisch. Sie sprechen nicht von 'Kindern mit Förderbedarf' oder 'mit Behinderungen', sondern von 'Learning Barriers'. Das inkludiert sowohl Barrieren bei SchülerInnen als auch systemimmanente Barrieren", erklärt die Forscherin.

"Meine Verpflichtung als Wissenschafterin"

Ein besonderes Anliegen von Susanne Schwab ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse in gesellschaftspolitische Debatten einfließen zu lassen. Seit Jahren engagiert sie sich in der Österreichischen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Bildungswesen (ÖFEB). "Unsere Ergebnisse öffentlich zu machen, sehe ich als meine Verpflichtung als Wissenschafterin an. Nehmen wir das Beispiel Deutschförderklassen. Wir wissen durch Studien, dass diese für die Entwicklung der SchülerInnen mit nichtdeutscher Erstsprache viele Probleme bringen werden. Das sieht die aktuelle Regierung leider anders. Hier müssen wir immer wieder aktiv Stellung beziehen", sagt Schwab.

Studierende einbeziehen

Kritisches Denken möchte die Professorin auch ihren Studierenden mit auf den Weg geben. Morgens in der Zeitung gelesen, mittags schon zum Diskussionsgegenstand im Hörsaal gemacht: In ihren Seminaren spricht sie gerne über aktuelle Themen. "Ich habe das Gefühl, den Studierenden fehlt – ähnlich wie der Politik – oftmals der Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse auf das praktische Leben. Was nützt mir die Forschung wirklich bei der Gestaltung meines Unterrichts? Mir ist es ein Anliegen, hier Verständnis zu fördern", erläutert Schwab.

Dazu gehört für die Wissenschafterin auch, als Lehrende "das zu tun, was man selbst predigt". "Wenn wir in der LehrerInnenbildung sagen, die Studierenden sollen stärker auf individuelle Bedürfnisse ihrer SchülerInnen eingehen, dann muss ich das als Lehrende auch. Natürlich ist das bei Lehrveranstaltungen mit über 300 Studierenden nicht immer möglich, aber ich schaffe bewusst Räume, in denen Studierende eigene Fragestellungen und Probleme einbringen können."

Schiff ahoi!

Den eigenen Horizont zu erweitern, ist für Susanne Schwab nicht nur ein wichtiger Part ihres Berufs, sondern auch privat eines ihrer liebsten Hobbys. "Ich reise liebend gern, vor allem auf Kreuzfahrtschiffen. Ein bis zwei Wochen lang nicht andauernd E-Mails zu checken, kann ganz schön erholend sein", schmunzelt die frischgebackene Tante. Auch mit ihren Nichten unternimmt sie gerne Ausflüge, am liebsten ebenfalls "in Wassernähe".

"Als ich letzten Sommer in Wien war, ging ich nach meinem Besuch an der Uni noch in der Alten Donau schwimmen. Neben mir tauchte plötzlich ein Biber auf, der sich ans Ufer setzte. Das war einer der Momente, in denen ich wusste: Hier, in Wien, bist du richtig!" (mw)

Susanne Schwab ist seit Oktober 2018 Professorin für Schulpädagogik unter besonderer Berücksichtigung sozialer, sprachlicher und kultureller Vielfalt am Institut für LehrerInnenbildung und am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Am Donnerstag, 2. Mai 2019, hält sie um 15.45 Uhr im Rahmen der Tagung "Giving students a voice" im Kleinen Festsaal der Universität Wien ihre Antrittsvorlesung zum Thema "Students' perspectives on inclusive education".