ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen als SprachlehrerInnen

Viele TranslatorInnen arbeiten als SprachlehrerInnen. Obwohl einige diesen Berufsweg wählen, wurde er in der translationswissenschaftlichen Forschung bislang vernachlässigt. Translationswissenschafterin Katerina Sinclair hat dieses Berufsfeld näher untersucht.

Spricht man über ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen, werden häufig stereotypische Vorstellungen wach. Oft denkt man an KonferenzdolmetscherInnen, die für internationale Organisationen tätig sind, oder an ÜbersetzerInnen, die einen Roman in eine Fremdsprache überführen. Doch die Berufsrealität der AbsolventInnen des translatorischen Masterstudiums ist wesentlich vielfältiger. Am Zentrum für Translationswissenschaft (ZTW) der Universität Wien werden angehende TranslatorInnen in 14 Sprachen ausgebildet und können als Fokus einen der folgenden Studienbereiche wählen: Konferenzdolmetschen, Dialogdolmetschen, Fachübersetzen und Sprachindustrie sowie Übersetzen in Literatur, Medien und Kunst.

Die Palette der möglichen Einsatzbereiche ist äußerst breit – Begleitdolmetschen für kranke PatientInnen, Untertiteln für den ORF, Verhandlungsdolmetschen bei politischen Gesprächen, Gerichtsdolmetschen und Dolmetschen für die Polizei, Übersetzen von Berichten der internationalen Hilfsorganisationen etc.

Sprachunterricht als zweites Standbein

Nur wenige AbsolventInnen finden allerdings nach ihrem Studienabschluss eine fixe Stelle. Die meisten ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen müssen ihre translatorische Tätigkeit auf freiberuflicher Basis ausüben. Da die Auftragslage in den beruflichen Anfangsjahren stark variieren kann, bauen viele AbsolventInnen ein zusätzliches berufliches Standbein auf, das ein regelmäßiges Zusatzeinkommen generiert.

Fast 40 Prozent der TranslatorInnen finden eine Teilzeitanstellung in dem Sprachunterricht. In diesem Bereich sind sie in verschiedenen Kontexten zu finden – in AMS-Kursen, Integrationskursen, Schulen, Abendkursen, Firmenkursen etc.

Im uni:view-Dossier "Meine Forschung" stellen DoktorandInnen der Universität Wien ihre Forschungsprojekte vor. Das Dossier läuft in Kooperation mit dem DoktorandInnenzentrum. (© Universität Wien)

Sprachunterricht – ein Tabuthema der Translationswissenschaft?

Eine Studie aus dem Jahr 2008 stellt fest, dass fast 40 Prozent der AbsolventInnen des ZTW im Sprachunterricht tätig sind. In Anbetracht der gesellschaftspolitischen Veränderungen des letzten Jahrzehnts, wie etwa die Integrationsvereinbarung und die damit zusammenhängenden vorgeschriebenen Deutschkurse, die Eröffnung des Arbeitsmarktes für die neuen EU-Länder oder die Migrationskrise ab 2015, ist es anzunehmen, dass heutzutage noch wesentlich mehr ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen als SprachlehrerInnen arbeiten.

Nichtsdestotrotz bleibt dieses translatorische Berufsfeld unbehandelt. Dies ist auf die Entwicklung der Translationswissenschaft zurückzuführen. Durch ihre Herausbildung als eigenständige Disziplin und durch ihre Emanzipierung von den Philologien und der Sprachwissenschaft wurde klar die Spezialisierung auf Translation hervorgehoben. Implizit wurde die Sprachlehre als Berufsfeld ausgeschlossen, so wie offiziell Übersetzungstätigkeit als Berufsfeld von AbsolventInnen des Sprachlehramts auszuschließen ist. Die Grenzen verlaufen jedoch nicht so eindeutig. Daher sieht man nicht nur einen Crossover der TranslatorInnen in die Sprachlehre, sondern auch einen Berufswechsel der PhilologInnen zur translatorischen Tätigkeit.

Durchführung der Studie

Im Rahmen des Dissertationsprojekts wurden 18 AbsolventInnen des ZTW gebeten, ihre Sprachlehrkompetenzen mittels eines standardisierten Instruments einzuschätzen. Anschließend sollten sie ihre beruflichen Erfahrungen darstellen – wie zum Beispiel ihre Motivation für den Einstieg für den Sprachunterricht, die absolvierte Weiterbildung, den Unterrichtsbereich, indem sie tätig sind oder die Rolle des ZTW bei der Vorbereitung für diesen Berufsweg. Im zweiten Schritt wurden ExpertInnen, also Personen mit abgeschlossener translatorischer und philologischer Ausbildung, gebeten, die gewonnenen Daten zu diskutieren.

Interdisziplinäre Kooperation ist notwendig

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die translatorische Ausbildung eine solide Basis für die Sprachunterrichtstätigkeit bietet und dass insbesondere hinsichtlich ihrer Sprachkompetenz, interkulturellen Kompetenz oder ihres "Gespürs für die Sprache" die ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen einen Mehrwert in den Unterricht bringen. Allerdings wird insbesondere im Bereich der Didaktik oder des Evaluierens ein Vertiefungsbedarf festgestellt.

Daher erscheint die Frage berechtigt, ob eben diese Kompetenzen in das Studium am Zentrum für Translationswissenschaft integriert werden sollten. ExpertInnen sprechen sich allerdings dagegen aus. Sie weisen darauf hin, dass eine Vermittlung der genannten Kompetenzen im Rahmen der translatorischen Ausbildung zu kurz greifen würde. Allerdings plädieren die ExpertInnen für einen viel intensiveren Austausch zwischen den philologischen und der translationswissenschaftlichen Studienrichtung.

Denn nur durch eine Zusammenarbeit, etwa in Form eines stärkeren Informationsaustausches oder extracurricularer Lehrveranstaltungen, kann gute Unterrichtsqualität gewährleistet werden. Gleichzeitig wird hiermit eine bessere Vorbereitung der ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen auf den Einstieg in den Sprachunterricht erzielt.

Katerina Sinclair, geboren 1975 in Brno/Tschechien, hat an der Universität Wien Translationswissenschaft (Studienrichtung Dolmetschen, Arbeitssprachen: Tschechisch, Deutsch und Englisch) studiert. Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema "TranslatorInnen als SprachlehrerInnen: Qualifikationsprofile und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen". (© K. Sinclair)