"Meine Forschung": Patente für die Peripherie

Ländliche Regionen verfügen oft über landschaftliche Schönheit und hohe Lebensqualität, sind aber dennoch tendenziell von Abwanderung und Alterung geprägt. Geograph Jakob Eder untersucht in seiner Dissertation, welche Rolle innovative Unternehmen bei der zukünftigen Entwicklung dieser Räume spielen.

Woher stammen Patente, die Philips für seine LED-Produkte lizensiert? Wo haben die Drohnen ihre Basis, die Kulturgüter wie den Kölner Dom millimetergenau vermessen? Wo wird an der Verbesserung von großformatigen Flachbettdruckern geforscht? Scheinbar intuitiv denkt man bei Fragen nach der Herkunft von innovativen Produkten und Dienstleistungen an Städte und ihr kreatives Umfeld – in Österreich meist an Wien, Graz und Linz.

Allerdings stammt die LED-Technologie von Lumitech aus Jennersdorf/Burgenland, die Vermessungsdrohnen kommen von Linsinger ZT aus St. Johann/Salzburg und die Flachbettdrucker von Durst Phototechnik aus Lienz/Tirol. Dies sind nur einige Beispiele für innovative Produkte aus Österreich, die abseits der Zentren entwickelt werden.

Im uni:view-Dossier "Meine Forschung" stellen DoktorandInnen der Universität Wien ihre Forschungsprojekte vor. Das Dossier läuft in Kooperation mit dem DoktorandInnenzentrum. (© Universität Wien)

Mehr als Landwirtschaft und Tourismus

Städte gelten seit jeher als Motor für Innovation und Prosperität und verzeichnen einen Zuzug vor allem von jungen Menschen. Ländlichen Regionen bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung häufig nur die Landwirtschaft und der Tourismus. Die Diskussion fällt meist pessimistisch aus: Abwanderung, Alterung und ein Rückbau der Infrastruktur dominieren die Medien. Die Peripherie Österreichs ist aber nicht einheitlich und steht hinsichtlich Erreichbarkeit sowie demographischer und wirtschaftlicher Entwicklung vor unterschiedlichen Herausforderungen. Und wie die zuvor erwähnten Beispiele zeigen, beherbergen einige dieser Regionen hochinnovative Unternehmen, die teilweise Weltmarktführer in ihrer Nische sind.

Viele dieser Unternehmen sind historisch gewachsen und haben ihren Standort seit vielen Jahrzehnten in der Region. Doch es gibt auch Startups und Zweigstellen von Großunternehmen, die in den letzten zehn Jahren in ländlichen Regionen Österreichs gegründet beziehungsweise eröffnet wurden. Daher stellt sich die Frage, weshalb Startups fernab von Inkubatoren entstehen und Großunternehmen in die Peripherie ziehen, wenn es doch in Städten scheinbar die wesentlichen Innovationsvorteile gibt.

Standortvorteile der Peripherie

Innovative Unternehmen in ländlichen Regionen müssen zweifellos Standortnachteile kompensieren. Beispielsweise ist es essentiell, mit Universitäten und Partnerinnen und Partnern von außerhalb zusammenzuarbeiten, um am Stand der Technik zu bleiben. Allerdings sehen manche Unternehmen auch Vorteile an peripheren Standorten. Für Großunternehmen spielen etwa klassische Standortfaktoren wie günstige Grundstückspreise oder ein niedrigeres Lohnniveau eine Rolle. Aufgrund der Signifikanz des Unternehmens für die Region gibt es aber auch häufig einen hohen Handlungsspielraum durch eine proaktive Lokalpolitik oder genau abgestimmte Bildungsangebote mit HTLs oder FHs vor Ort.

Auch schätzen manche Startups günstigere Mieten, wenn plötzlich sehr schnell große Flächen notwendig sind. Oder es zählt schlicht die Lebensqualität, die man aus der Kindheit und Jugend gewohnt ist. Einige Gründerinnen und Gründer holen sich somit quasi selbst einen attraktiven Arbeitsplatz in Ihre Region. Und viele Unternehmen sehen die im Vergleich zu Städten extrem hohe Loyalität der Belegschaft als wesentlichen Vorteil, weil sie vor Fluktuation und einem unerwünschten Wissensabfluss schützt.

Buchtipp: Die zentralen Ergebnisse der Dissertation sind kürzlich im Verlag der Akademie der Wissenschaften erschienen. Mit Hilfe von Sekundärdaten analysiert Jakob Eder die regionalen Rahmenbedingungen für Innovation in Österreich auf Bezirksebene, zusätzlich werden die Ergebnisse einer Befragung von 20 innovativen Unternehmen im ländlichen Raum vorgestellt. Zur Open Access Publikation

Innovation im ländlichen Raum und Regionalpolitik

Innovation gilt folglich als Schlüssel für die Stabilisierung ländlicher Regionen, da sie attraktive Arbeitsplätze für Hochqualifizierte ermöglicht. Einige Unternehmen finden gut ausgebildete Arbeitskräfte jedoch trotz intensiver Suche nicht am Standort und eröffnen deshalb Zweigstellen in Städten. Paradoxerweise stärken diese Unternehmen damit also wiederum Zentralregionen. Viele Peripherien stehen somit vor einer Vielzahl an Herausforderungen, zu deren Bewältigung Innovation nur einen Beitrag leisten kann.

Deshalb sind auch die Politik und die Schlüsselpersonen in diesen Regionen gefordert. Breitbandanschlüsse und Betriebsgebiete sind sinnvolle Einzelmaßnahmen, aber nicht ausreichend. Manchmal ist ein Studiengang an einer FH im ländlichen Raum für ein Unternehmen interessant genug, um eine Zweigstelle zu eröffnen. Oft entscheidet aber auch der Zufall, wo etwa ein Startup gegründet wird. Generell braucht es maßgeschneiderte Lösungen, die auf den regionalen Stärken und Schwächen und den tatsächlichen Bedürfnissen der Unternehmen aufbauen. Scheinbare Patentrezepte, die auf den Erfahrungen der Städte basieren, werden selten erfolgreich sein.

Jakob Eder, geb. 1989 in Tamsweg, hat an der Universität Wien und an der Universität Oslo Geographie mit einem Schwerpunkt in Bevölkerungsforschung und Wirtschaftsgeographie studiert. Derzeit absolviert er seine Dissertation mit dem Titel "Innovation in Zentrum und Peripherie in Österreich" am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien sowie am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Akademie der Wissenschaften. (© ISR/D. Dutkowski)