"Meine Forschung": Ein Wiener Völkerkundler im besetzten Polen

Anton A. Plügel beim Anfertigen eines Portraits einer Góralin.

Nach dem Überfall der Nationalsozialisten auf Polen trat der Ethnologe Anton Plügel seinen "Osteinsatz" an, wo er biometrische Vermessungen an der polnischen Bevölkerung vornahm. Kultur- und Sozialanthropologin Lisa Gottschall untersucht seine Verstrickungen in die rassistische NS-Selektionspolitik.

Anton Adolf Plügel (1910-1945) studierte ab 1928 Anthropologie und Völkerkunde an der Universität Wien. Schon in jungen Jahren engagierte er sich in der Hitlerjugend. Im Jahr 1930 trat er der NSDAP bei. Um sich in Berlin im NS-Propaganda-, Medien- und Jugendbereich betätigen zu können, unterbrach er für mehrere Jahre das Studium.

Erst nach dem "Anschluss" kehrte er nach Wien zurück und beendete seine Dissertation. Wenig später übersiedelte er nach Krakau. Im Frühjahr 1940 begann er zunächst als Referent für "Volksbildungswesen" im behördlichen Dienst zu arbeiten, bevor er an eine neue politisch-anwendungsorientierte Forschungseinrichtung wechselte: das Institut für Deutsche Ostarbeit.

Im uni:view-Dossier "Meine Forschung" stellen DoktorandInnen der Universität Wien ihre Forschungsprojekte vor. Das Dossier läuft in Kooperation mit dem DoktorandInnenzentrum. (© Universität Wien)

"Rassen- und Volkstumsforschung"

Die Untersuchungen des Instituts standen in Zusammenhang mit der geplanten "völkischen Neuordnung" Europas. Die WissenschafterInnen erforschten das "Deutschtum" in der Region und behandelten aktuelle administrative und wirtschaftliche Fragestellungen der NS-Besatzungspolitik. Plügels Sektion "Rassen- und Volkstumsforschung" arbeitete an einer Klassifikation der Bevölkerung, die den künftigen Selektionsmaßnahmen dienen würde. Im Fokus standen Siedlungen und Personengruppen, denen man eine "deutsche Abstammung" nachsagte.

Die Untersuchungen, bei denen die Betroffenen von Kopf bis Fuß vermessen wurden, waren langwierig und äußerst erniedrigend. Neben den aufwändigen Vermessungsarbeiten wurden anthropometrische Fotos aufgenommen, Finger- und Handabdrücke abgenommen, Kopf- und Haarskizzen angefertigt sowie medizinische und psychologische Formulare ausgefüllt. Noch ohne die Auswertungen abzuwarten, stellte Plügel der polnischen Bevölkerung ein vernichtendes Urteil aus. Milder bewertete er jedoch die Górale, eine Bevölkerungsgruppe aus der Gegend um Zakopane im Süden Polens. Bereits in seinem ersten Jahr im Generalgouvernement hatte er dort Forschungsarbeiten durchgeführt – offenbar auf persönlichen Wunsch Heinrich Himmlers, der von der Gegend angetan war.

Messdatenblatt mit anthropometrischen Fotos der Sektion "Rassen- und Volkstumsforschung" (© Archiv der Jagiellonen-Universität Krakau, Smithsonian Records 2.1)

"Eindeutschungsfähig?"

Mit ihrer Folklore und der vermeintlichen deutschen Abstammung weckten die Górale das Interesse der Besatzungsmacht. Als "Beweise germanischer Volksanteile" dienten Plügel nicht nur "nordische Rassenelemente", sondern auch die "Häufigkeit des Hakenkreuzes in der góralischen Zierkunst". Ebenso glaubte er einen Einfluss der "deutschen Kultur" in der traditionellen Kerbschnittornamentik und Teilen der Tracht zu erkennen.

Die Frage nach der "volkstumsmäßigen" Einordnung der Górale beschäftigte verschiedenste Stellen der deutschen Verwaltung. Plügels Arbeit wurde in dem Zusammenhang politischen Entscheidungsträgern zur Verwendung vorgelegt. Die NS-Zeit überstanden die Górale vergleichsweise glimpflich – was ihnen nach 1945 in Polen den Vorwurf der Kollaboration einbrachte.

Untersuchungen in Erwartung der "Endlösung"

Plügel organisierte weitere Studien – beispielsweise an orthodoxen jüdischen Familien – wohl ahnend, welche Maßnahmen geplant waren. Es könne ihnen "durch zu langes Warten wertvolles Material entgehen", schrieb der Sektionsleiter im Oktober an Dora Kahlich vom Wiener Anthropologischen Institut, die zur Auswertung der Körpermaße rekrutiert worden war.

Aufnahmen aus der Entlausungsanstalt Krakau, wo die Sektion "Rassen- und Volkstumsforschung" polnische und ukrainische ZwangarbeiterInnen und deren Kinder untersuchte. (© Archiv der Jagiellonen-Universität Krakau, Smithsonian Records 2.21)

Weil die Rote Armee auf dem Vormarsch war, wurden Teile des Instituts für Deutsche Ostarbeit im Jahr 1944 nach Bayern verlegt. Anton A. Plügel konnte seine gesammelten Materialien jedoch nicht mehr selbst retten. Er fiel im Wehrmachtseinsatz am 6. März 1945 in Königsberg. Kurz darauf wurde von den Alliierten die vollständige Auflösung des Instituts angeordnet, das Forschungsmaterial beschlagnahmt und in die USA transferiert.

Fatale Verknüpfung von Wissenschaft, Ideologie und Politik

Lisa Gottschall rekonstruiert in ihrer Dissertation den Lebenslauf eines Protagonisten, der beispielhaft für das Engagement von EthnologInnen im verbrecherischen NS-System steht. Kaum jemand seiner Wiener KollegInnen war bereits vor dem "Anschluss" in einem solchen Ausmaß politisch engagiert wie Anton Plügel. Wohingegen andere Fachvertreter gegen Kriegsende ihr Forschungsmaterial größtenteils vernichtet hatten, birgt die seit 2007 im Krakauer Universitätsarchiv gelagerte umfangreiche "sensible Sammlung" Einblicke in die Tätigkeiten von Wiener ForscherInnen, die wesentlich zur sogenannten "Volkstumsideologie" und der damit verbundenen Überlegenheitspropaganda beitragen wollten. Anhand einer Analyse von Forschungspraktiken und Netzwerken, skizziert Lisa Gottschall diese fatale Verknüpfung von Wissenschaft, Ideologie und Politik.

Lisa Gottschall, geb. 1983 in Bad Ischl, ist Dissertantin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und absolviert das Masterstudium Geschichte an der Universität Wien. Nach dem Abschluss des FH-Studiums der Sozialen Arbeit war sie mehrere Jahre hauptberuflich im Sozialbereich tätig. Im akademischen Jahr 2018/19 ist sie Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz in Wien. (© interfoto/Lisa Gottschall)

Lesetipp: Demnächst erscheint der Sammelband "Völkerkunde zur NS-Zeit aus Wien (1938-1945). Netzwerke, Interessen und Praktiken", hg. von Andre Gingrich und Peter Rohrbacher, mit Beiträgen von Lisa Gottschall.