Buchtipp des Monats von Katharina Wiedlack

Im Interview spricht Anglistin Katharina Wiedlack über ihre Faszination für Punk Rock und dessen queere, feministische und antirassistische Politik. Zwei spannende Buchtipps rund um Punk hat sie auch parat.

uni:view: In ihrem Buch nehmen Sie die "Queer-Feminist Punk"-Szene in den USA und Kanada genau unter die Lupe. Was fasziniert Sie persönlich an dem Thema?
Katharina Wiedlack: Meine Faszination für das Thema war von Anfang an die Energie, die Wut, aber auch die Treue zur Community im Punk Rock. Die queere, feministische und antirassistische Politik, die ich in der Musik und den Aktivitäten rund um die Musik gesehen hab, war natürlich auch immer sehr wichtig für mich. Aber der Grund, warum mich das Thema einfach nicht mehr losgelassen hat, war die wahnsinnige Kraft der Musik Menschen zu bewegen, zu politisieren und zu verbinden. Die Punks waren ja zum Großteil keine PhilosophInnen oder WissenschafterInnen, aber ihre Lieder und Schriften etc. sind von so einer tiefen Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, mit Politik, mit Unterdrückung.

uni:view: Der Untertitel lautet "An Anti Social History". Was genau meinen Sie damit?
Wiedlack: "Anti-social History" ist einerseits eine Anspielung auf den sogenannten 'Anti-Social Turn' in der Queer Theorie, andererseits eine Referenz zu der anti-sozialen Attitüde des Punk. Queere Theoretiker wie Lee Edelman oder Leo Bersani haben Anfang der 2000er Jahre mit ihren Publikationen, in denen sie darlegen, dass Homosexuelle innerhalb der Symbolischen Ordnung das Gegenteil von Leben und Zukunft symbolisieren, für sehr viel Aufsehen gesorgt. Sie gehen davon aus, dass der Sinn und Zweck von Gesellschaft und Soziabilität ist, das Fortdauern der Menschheit in der Zukunft zu sichern. Die Symbolische Ordnung, so die beiden Theoretiker, ist heteronormativ strukturiert und versieht die Zukunft, im Sinne der menschlichen Reproduktion mit dem Symbol des 'Kindes.' Da homosexueller Sex keine Kinder produzieren kann, sind Homosexuelle also von der Idee der Zukunft ausgeschlossen. Sie werden aber auch nicht einfach als Gegenteil von Zukunft konzipiert, sondern tatsächlich als deren Bedrohung; ihre Bedeutung ist Negativität und eben Anti-Soziabilität.

Während die Negativität von Homosexualität oder Queerness vorwiegend in Gewaltakten zum Vorschein tritt, wird die Negativität im Punk Rock regelrecht zelebriert und gefeiert. Der Slogan der Punks war von Anfang an "No Future". Punk ist Kritik und der Versuch, aus der gesellschaftlichen Ordnung, Normen und Zwängen, dem 'System', auszutreten. Punk hieß in den 1970er Jahren sich gegen Normen des guten Geschmacks, gegen die Vorgaben von Schönheit, gegen gutes Benehmen, gegen das Schweigen aus Anstand zu stellen. In meinem Buch gehe ich sogar so weit zu behaupten, dass Punk Rock bereits queerness als Negativität theoretisiert und wertgeschätzt hat, lange bevor Edelman oder Bersani auf den Gedanken gekommen sind.

uni:view: Die Anfänge des "Queer-Feminist Punk" sind in den 1980er Jahren zu finden. Was unterscheidet damalige Bands und Akteurinnen von jenen von heute?
Wiedlack: Die Entscheidung, meine Studie mit den 1980ern beginnen zu lassen, war natürlich eine 'künstliche.' Punk war immer schon irgendwie queer und FeministInnen wie Alicia Armendariz (Alice Bag) waren schon an der 'Erfindung' von Punk Ende der 1970er stark beteiligt. In den 1980ern, also etwa zehn Jahre später, kam es dann aber zu einer kleinen queeren Punk Explosion, vor allem durch charismatische und total engagierte Punks wie GB Jones und Bruce LaBruce aus Toronto und der Drag Queen Vaginal Davis aus L.A. Inspiriert durch sie sind dann etwa 1986 zahlreiche Punk Zines, Bands und Filmprojekte, unter dem Label "queer" oder "gay," die dann auch explizit queer-feministische Gesellschaftspolitik gemacht haben, entstanden.

In den 1980ern und 1990ern ging es also ganz stark darum, das Stigma und den Selbsthass umzukehren, im Sinne von Anerkennung und Wertschätzung. Daher kommt auch die Assoziation mit der Negativität, dem Anti-Sozialen. Heute sind weiße Schwule und Lesben nicht mehr auf gleiche brutale Art und Weise von der Gesellschaft abgewertet und ausgeschlossen. Wer aber immer noch oder wieder verstärkt diskriminiert wird, sind People of Color und besonders queere und trans*gender People of Color. Queere Punks of Color wie etwa die Band My Parade aus Seattle thematisieren ihre Ausgeschlossenheit aus Konzepten von Zukunft und Fortschritt, dem American Dream und halten ihre Lebens- und Überlebensrealität dieser dominanten Fantasie entgegen. Sie intervenieren in romantische Vorstellungen von Multikulturalismus und Diversität und weisen auf das Fortdauern von sexualisierte und rassistischer Gewalt im Amerika des 21. Jahrhunderts hin.

GEWINNSPIEL! uni:view verlost 3 Bücherpakete bestehend aus:

1 x  "Queer-Feminist Punk. An Anti-Social History" von Katharina Wiedlack
1 x "Violence Girl" von Alicia Armendariz Velasquez
1 x "The Taqwacores" von Michael Muhammad Knight

MITSPIELEN!

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Wiedlack: Ich empfehle gleich zwei Punk-Bücher, die mir besonders am Herzen liegen: "Violence Girl: East L.A. Rage to Hollywood Stage, a Chicana Punk Story" von Alicia Armendariz Velasquez (Alice Bag) und "The Taqwacores" von Michael Muhammad Knight.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Wiedlack: "Violence Girl" von Alicia Armendariz Velasquez, besser bekannt als Alice Bag, ist definitiv eines meiner Lieblingsbücher. Alice Bag begann ihre 'Karriere' als feministische Punk Musikerin 1977 und war also eine der ersten Punks überhaupt. Sie war und ist Teil verschiedener anti-rassistischer, feministischer und queerer Punk Szenen und eine wahnsinnig beeindruckende Persönlichkeit. Mit ihrer Musik transportiert sie die große Frustration, die viele Minderheiten in den USA verspüren und schafft es, aus der Wut, dem 'anger', etwas Produktives, Positives und Gemeinschaftsbildendes und Unterhaltsames zu machen. Das zweite Buch, das ich hier erwähnen möchte, ist relativ kurz im Vergleich und auch schon ein bisschen älter. Michael Muhammad Knight beschreibt in seinem Buch "The Taqwacores" von 2004 die muslimische Punk Szene in Kalifornien.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Wiedlack: "The Taqwacores", das übrigens auch verfilmt wurde, hat mich total in meinen stereotypen Vorstellungen über muslimische Jugendliche irritiert. Ich musste mich dadurch intensiv mit meinen eigenen politischen und rassialisierten kulturalistischen Vorurteilen auseinandersetzen. Das war eine wichtige Erfahrung, die ich nur weiterempfehlen kann. Durch "Violence Girl" habe ich viel über die Geschichte der USA, besonders über die Chicana-Geschichte gelernt. Gleichzeitig hat mir das Buch auch so viel Freude gemacht, weil es neben Traurigem nicht nur witzige Anekdoten beschreibt, sondern die auch in den sozialen und politischen Kontext einbettet. Zu verstehen, wie viele Menschen eine einzelne engagierte feministische und antirassistische Musikerin zusammenbringen und beeinflussen kann, und dass sie einfach nicht aufgibt, hat mich total bewegt und mir ganz viel Energie gegeben. (td)

Lesen Sie HIER die Langversion des Interviews (PDF)

Mag. Dr. Maria Katharina Wiedlack ist am Institut für Anglistik und Amerikanistik sowie am Referat Genderforschung der Universität Wien tätig.