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"Gedenkbuch für die Opfer das Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938"

Redaktion (uni:view)
5. Mär 13
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden im Jahr 1938 über 2.700 vorwiegend jüdische Angehörige der Universität entlassen. Seit einigen Jahren setzt die Universität Wien Initiativen, die vielschichtigen Dimensionen des Nationalsozialismus an der eigenen Institution aufzuarbeiten.

Neben den Entlassungen von Lehrenden und MitarbeiterInnen der Verwaltung sowie zwangsweisen Exmatrikulationen von Studierenden bekamen mehr als 200 Personen den akademischen Grad aberkannt. 75 Jahre nach dem sogenannten "Anschluss" und der Pogromnacht erinnert die Universität Wien an dieses Unrecht und ist sich zugleich der Mitverantwortung für dieses unfassbare Leid bewusst, das auch den Angehörigen der Universität Wien damals zugefügt wurde.



 

Else Pollak-Chandler (1916-2008), Studentin der Anglistik und Psychologie, wurde 1938 als Jüdin von der Universität vertrieben. Einige ihrer Dokumente und Fotos übergab ihre Tochter der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien.

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Zahlreiche Projekte


In den letzten Jahren wurden zahlreiche Initiativen und Projekte an der Universität Wien zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte im Nationalsozialismus umgesetzt, wie beispielsweise das Forum "Zeitgeschichte der Universität Wien" unter der Leitung von Friedrich Stadler, das Forschungsprojekt "Vertreibung der Studierenden 1938", das Provenienzforschungsprojekt der Universitätsbibliothek, die historische und künstlerische Kontextualisierung des "Siegfriedskopfes" oder die Gedenkveranstaltung anlässlich der Aberkennung und Wiederverleihung akademischer Grade.



Oskar Morgenstern (1902-1977), Privatdozent für Nationalökononmie, wurde 1938 aus politischen Gründen von der Universität vertrieben. 2012 wurde der Platz vor der Uni Wien Rossau in "Oskar Morgenstern-Platz" benannt. Die Biografien aller aus "politischen" Gründen vertriebenen Lehrenden wurden im Forschungsprojekt "Eliten/dis/kontinuitäten", dessen Ergebnisse laufend in das Gedenkbuch einfließen, erarbeitet.

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Kollektiver Gedächtnis- und Erinnerungsraum

Ein Projekt des Forums "Zeitgeschichte der Universität Wien" ist auch das 2009 online gestellte "Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938". Es enthält bereits einen Großteil der Namen der rund 2.700 vertriebenen Universitätsangehörigen – Lehrende, Studierende und administrative MitarbeiterInnen. "Die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien, unter Einschluss der seit 2004 selbstständig gewordenen großen Medizinischen Fakultät, wurden und werden – das Projekt wird laufend ergänzt – so Teil des kollektiven Gedächtnis- und Erinnerungsraumes der Universität", so Heinz W. Engl, Rektor der Universität Wien.



Mona Lisa Steiner (1915–2000), wurde 1938 als Botanikstudentin mit fertiger Dissertation ohne Studienabschluss vertrieben und baute sich in der Emigration auf den Philippinen eine neue Existenz auf. Derzeit läuft am Institut für Zeitgeschichte das FWF-Projekt "Tropical Botany in Exile. Mona Lisa Steiner (1914-2000) Scientific Continuities, Transfers and Practices in Austria and the Philippines".

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Forschungsprozess geht weiter

Das Projekt versteht sich als "Work in Progress". Trotz intensiver wissenschaftlicher Recherchen ist das Gedenkbuch kein abgeschlossenes Werk, sondern befindet sich in einem offenen Forschungsprozess. Dieser fördert laufend die Namen und Biografien noch nicht bekannter bzw. genannter Opfer des Nationalsozialismus zu Tage – und lässt sie Teil des Gedenkbuchs werden. Herbert Posch, Mitarbeiter im Forum "Zeitgeschichte der Universität Wien" und Redakteur des Gedenkbuchs, erklärt: "Das Gedenkbuch versteht sich sowohl als eine Ehrung der Betroffenen als auch eine Möglichkeit, diese und ihre Nachfahren international mit der aktuellen Forschung zu vernetzen." Aus diesem Grund wird das Projekt online laufend zweisprachig (deutsch/englisch) weiterentwickelt.



Eduard März (1908-1987), später Professor für Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte, wurde 1938 als Student aus politischen Gründen vertrieben. Das selbe Schicksal ereilte seine spätere Ehefrau Gertraud Ruth März (1915-1990). Beide kehrten nach 1945 wieder nach Österreich zurück.

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Derzeit über 2.200 Namen sowie zahlreiche exemplarische Lebensverläufe


Das Projekt besteht aus dem handgeschriebenen Gedenkbuch, das im DENK-MAL Marpe Lanefesch, dem ehemaligen jüdischen Betpavillon des Alten AKH, am Campus der Universität Wien aufbewahrt wird, sowie aus einem Online-Gedenkbuch. Dieses umfasst derzeit rund 1.780 Namen vertriebener Studierender, etwa 230 Namen von Aberkennungen akademischer Grade Betroffener sowie rund 220 Namen von vertriebenen ProfessorInnen und DozentInnen. Neben Kurzbiografien der Betroffenen werden nach Möglichkeit auch Fotografien, Dokumente und lebensgeschichtliche Erinnerungen online gestellt.



Fritz Finaly (1906-1944) wurde 1938 als Medizinstudent aus rassistischen Gründen vertrieben. Er konnte noch eine diskriminierende "Nichtarierpromotion" erhalten und emigrierte nach Frankreich, wo er verhaftet und ins KZ-deportiert und ermordet wurde. (Fotos: Archiv der Universität Wien)

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Vortrag zum Gedenkbuch im März 2013


Im Rahmen des an der Universität Wien vom 12. bis zum 14. März 2013 stattfindenden Internationalen Symposiums "Exilforschung zu Österreich. Leistungen, Defizite und Perspektiven" präsentieren die HistorikerInnen und RedakteurInnen des Gedenkbuchs Katharina Kniefacz und Herbert Posch vom Forum "Zeitgeschichte der Universität Wien" am Mittwoch, den 13. März 2013, das Gedenkbuch in ihrem Vortrag "Bildungsbiografien unter den Bedingungen des Exils – Die Wiener Studierenden von 1938 und das Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938". Exemplarisch stellen sie einzelne Lebensverläufe – alle geprägt durch den erzwungenen Abbruch der geplanten Berufs- und Lebensplanung, die Vertreibung und den Verlust des sozialen, ökonomischen und ideellen Hintergrunds – in ihren unterschiedlichen Entwicklungen vor. (mw)

Internationales Symposium "Exilforschung zu Österreich. Leistungen, Defizite & Perspektiven"
Dienstag, 12. bis Donnerstag, 14. März 2013
Campus der Universität Wien, Aula, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien
Programm (PDF)