Wie das Gute in die Welt kam

Bei der Eröffnung des diesjährigen Europäischen Forums Alpbach sprach Karl Sigmund von der Universität Wien. In seiner Eröffnungsrede, die von ihm und Martin Nowak, Havard University, stammt, geht es um das Generalthema des Forums: Konflikt & Kooperation.

Das Universum entstand vor 13,8 Milliarden Jahren. Ein Knall, dessen Nachschwingungen heute noch messbar sind. Innerhalb von Sekundenbruchteilen bildeten sich sämtliche schweren Elementarteilchen. Bis zur Synthese der Heliumkerne dauerte es wenige Minuten. Damit war die Sturm-und-Drang-Zeit vorbei. Die Aufklärung ließ etwas auf sich warten. Denn durchsichtig wurde das Universum erst ein paar Hunderttausend Jahre später, als sich die Elektronen mit den Atomkernen paarten. Das machte die Bahn frei für die Photonen. Es wurde Licht!

Die ersten Sterne waren kurzlebige Riesen. Sterne der zweiten Generation kann man aber jetzt noch am Himmel finden. Unsere Sonne wurde gemeinsam mit ihren Schwestern vor 4,6 Milliarden Jahren geboren. Diese Sonnenschwestern bildeten zunächst eine Gruppe. Heute irren sie weit verstreut durch die Milchstraße.

Fast unmittelbar nach der Sonne entstanden ihre Planeten, darunter auch die Erde. Es gab damals mehr Planeten als jetzt. Einige wurden aus dem Sonnensystem geschleudert. Recht früh, bevor die junge Erde noch Zeit zum Abkühlen gefunden hatte, stieß sie mit einem anderen Planeten zusammen, der etwa so groß war wie Mars. Die Erde erholte sich schnell von dieser unvorstellbaren Kollision. Doch der Mond gibt noch heute ein stummes Zeugnis davon.

Vor vier Milliarden Jahren gab es schon Wasser, richtiges flüssiges Wasser, auf der Oberfläche der Erde. Erstaunlich rasch zog dann das Leben ein. Aus einer interessanten, aber leblosen Chemie wurde eine belebte. Lipide waren daran beteiligt, die winzige Bläschen bildeten, Vorläufer der Zellen; Nukleinsäuren, die Reaktionen ankurbelten, Information speicherten und sie weiterreichten; und natürlich Aminosäuren, die Bausteine des Lebens - sie regnen immer noch mit Meteoriten aus dem All auf die Erde.

Der Kampf ums Dasein konnte beginnen. Mit dem Leben kam der Konflikt in die Welt.

Seit 3,5 Milliarden Jahren halten Bakterien die Erde im Griff. Die frühen Bakterien lebten im Urmeer. Ihren Energiebedarf deckten sie durch das Licht der Sonne. Kohlendioxid holten sie aus der Atmosphäre und bauten damit Zuckermoleküle. Für die dafür nötigen Elektronen brauchten sie Eisen. Sehr bald wurden Rohstoffe knapp. Das Weltmeer wurde zum Schauplatz eines planetarischen Konflikts. Jede Zelle braucht Phosphor. Zumeist war es aufgebraucht, lang bevor das Eisen zur Neige ging. Dieser Engpass hielt das Leben eine halbe Jahrmilliarde lang im Würgegriff. Tatsächlich, es herrschte Atemnot. Dann kam ein Befreiungsschlag: Vor drei Milliarden Jahren gelang den Cyanobakterien die chemische Spaltung des Wassers. Es war die schwierigste und wichtigste chemische Reaktion, auf die die Evolution je stieß: die oxidative Fotosynthese. Sie wurde im Laufe der Erdgeschichte kein zweites Mal entdeckt. Das Patent der Erfindung gebührt ausschließlich den Cyanobakterien. Sämtliche Pflanzen greifen darauf zurück.

Die Cyanobakterien waren damals Außenseiter, ihrer Zeit weit voraus, eine Minderheit, wie jede Vorhut es ist. Ihr neuartiges Treiben führte zu einem Abfallprodukt: Sauerstoff. Die Cyanobakterien bildeten Sauerstoff, und die Erde baute ihn wiederum ab. Geochemisch gesehen: ein globales Gleichgewicht, weiter nichts; für die biologische Evolution aber eine Sauerstoffkur mit Folgen, die auch heute noch unabsehbar sind.

Denn als sich die Kontinente bildeten, wurde der Sauerstoff langsamer abgebaut - und vor 2,4 Milliarden Jahren kippte das Gleichgewicht. Es machte einem anderen Platz - einem mit tausendfach erhöhtem Sauerstoffgehalt in der Luft. Den Bakterien des alten Regimes rostete das Eisen unter den Zellenwänden weg. Die Cyanobakterien hatte eine neue Weltordnung besiegelt.

Das eröffnete weitere Möglichkeiten. Wieder kam es zu einem einzigartigen Ereignis in der Erdgeschichte: Ein Bakterium schluckte ein anderes, ohne es zu verdauen oder anderswie zu zerstören. Es bot ihm einen neuen Lebensstil. Beide vermehrten sich, zunehmend im Gleichtakt. Man profitierte voneinander. Eines lebte im anderen. Die Wissenschaft hat ein Wort dafür: Endosymbiose. Vielleicht der bemerkenswerteste Schritt von Konflikt zu Kooperation, vom Gegeneinander zum Miteinander. - Das geschluckte Bakterium betrieb weiterhin sein Geschäft: Es verwendete Sauerstoff, um Zucker zu verbrennen und damit Energie bereitzustellen. So wurde es zur Urmutter aller Mitochondrien. Der Name "mitochondriale Eva" ist bereits anderweitig vergeben (für eine Afrikanerin, die vor 200.000 Jahren lebte und es zur Ahnfrau aller heutigen Menschen brachte). Aber jener bakterielle Schlucker, der sich vor einer Jahrmilliarde ein anderes Bakterium einverleibte, begründete eine unvergleichlich umfassendere Dynastie. Von ihm stammen alle höheren Zellen. Sie haben Organellen und einen Zellkern, der Chromosomen enthält; auf denen sind die Gene aufgefädelt. Die planlose Rekombination dieser Gene wurde zum Turbo der Evolution.

Das war das einzige Mal, dass ein Bakterium ein anderes schluckte und daraus etwas wurde. Alle die zahllosen anderen geglückten Endosymbiosen sind solche, bei denen sich höhere Zellen etwas einverleiben. Wir bestehen aus solchen höheren Zellen.

Vor 800 Millionen Jahren kam es zu einem zweiten Anstieg im Sauerstoff. Produziert wurde er diesmal von Cyanobakterien und Algen gemeinsam, vermutlich wieder aufgrund einer strukturellen Veränderung der Erde: Ein Superkontinent zerbrach. Die Sauerstoffkonzentration erreichte damals bereits ihren heutigen Wert. Zum ersten Mal entstanden Lebewesen, die groß genug waren, um mit freiem Auge gesehen zu werden. Augen gab es natürlich noch keine, aber sie ließen nicht mehr lang auf sich warten. Die Evolution entdeckte sie Dutzende Male. Das rastlose Spiel von Mutation und Selektion hatte endlich Zuschauer gefunden. Seit dem Kambrium wird das Licht auch gesehen. Es kam zu einer Explosion der Formenvielfalt wie niemals davor und danach. 

Von der Entstehung des Nervensystems bis zur menschlichen Sprache dauerte es dann nur noch einige Hundert Millionen Jahre. Mit der Sprache gelang unserer Spezies etwas durch und durch Einmaliges. Ein wahres Wunderwerk. "Je mehr ich über die Sprache nachdenke", sagte Kurt Gödel, der Logiker, "desto mehr wundert mich, dass die Menschen einander verstehen." Natürlich kommunizieren auch andere Arten mittels Lauten, Zeichen oder Duftstoffen. Aber das hat nur wenig zu tun mit einer komplexen Sprache; denn mit dieser kann durch eine beschränkte Anzahl von Zeichen eine im Prinzip unbeschränkte Anzahl von Bedeutungen vermittelt werden. "Unendlicher Gebrauch von endlichen Mitteln", so Wilhelm von Humboldt.

Die Tür zur digitalen Welt war aufgestoßen. Aber zunächst war nur wenig davon zu bemerken. Tausend Jahrhunderte lang nur leises Raunen um winzige, weit verstreute Lichtpunkte in der Nacht - die Lagerfeuer einer nackten Affenspezies. Dann, auf mehreren Erdteilen unabhängig voneinander und in unheimlichem Gleichtakt: Landnahme, Ackerbau, Viehzucht. Kalender, Priester, Pyramiden. Staaten, Kriege, Völkermord . . . Als hätten sich die Hüter des Feuers das Wort gegeben.

Und das hatten sie ja auch. Sich Worte gegeben. Worte, die man aneinanderreihen kann in immer neuen Kombinationen. Sogar nach Plan. Angeblich gemäß einer universellen Grammatik, die all unseren Abertausenden von Sprachen zugrunde liegt.

Grundsätzlich ermöglichen auch die Nukleotide, aus denen unsere Gene bestehen, die Speicherung und Übermittlung unbeschränkter Mengen an Information. Man könnte damit Computer betreiben. Aber bisher wurde die genetische Information nur dazu benutzt, dass eine Generation die nächste instruierte. Und diese Information fasste stets nur die Erfahrungen unzähliger Vorfahren zusammen. Es waren teuer erkaufte Erfahrungen. Ein quälend langsamer Lernprozess namens natürliche Selektion.

Mit der Sprache lassen sich Fiktionen genauso leicht kommunizieren wie Fakten. Das Mögliche kann man genauso leicht beschreiben wie das Wirkliche. Die Gedanken, heißt es, sind frei. Reine Gedankengebilde - Regeln, Werte, Abmachungen, Mythen - werden genauso wirklich wie die Wurzeln, über die wir stolpern.

Wie sich unser Sprachinstinkt entwickelt hat, wissen wir nicht im Detail. Theorien gibt es natürlich. Um sie einzubremsen, hat die Societe de linguistique de Paris schon vor 150 Jahren ihren Mitgliedern verboten, die Evolution der Sprache zu erforschen. Geholfen hat es naturgemäß nichts. Denn die Gedanken sind frei.

Gewiss ist nur, dass der biologischen Evolution eine Rivalin erwachsen ist: die kulturelle Evolution. Sie beruht nicht auf Genen, sondern auf Wissen, das weitergegeben wird. Zwar sind viele andere Tierarten lernfähig, und in dieser Hinsicht kann man auch bei Makaken und Spatzen von einer kulturellen Evolution sprechen. Aber richtig zünden konnte die kulturelle Evolution erst mit dem Menschen und seiner Anlage, nicht nur zu lernen, sondern zu lehren. Das Gesamtwissen wuchs in schwindelerregendem Tempo - und mit dem Wissen die Macht.

Sodass wir uns heute die Frage stellen müssen, ob die kulturelle Evolution den Erdball wieder ins Prä-Kambrium zurückführen wird. Denn so rasant die Kultur unsere Entwicklung beschleunigt, sie scheint doch an unserer Natur nicht vorbeizukommen. Die Überholspur ist blockiert: und zwar von einem durchaus liebenswerten, aber wenig einsichtigen Jäger und Sammler, einem geschwätzigen Primaten, der sich noch immer so benimmt wie auf einem lebenslänglichen Campingtrip. Als könnte er weiterziehen, wenn es ungemütlich wird. Lang war das möglich. Jetzt wird es eng. Wir müssten dazu die Erde verlassen.

Es wird zunehmend deutlich, dass die wahren Engpässe auf Erden nicht durch Energieknappheit, Rohstoffmangel oder Informationsdefizite verursacht werden - all das lässt sich technisch bewältigen -, sondern letztlich nur durch unser Verhalten. Unser Griff umspannt den Planeten. Ein Würgegriff. Klimawandel, Umweltzerstörung, atomares Armageddon . . . Per kultureller Evolution haben wir uns in eine Zwickmühle manövriert, dank des ungebremsten Anwachsens unseres Wissens. Und so hat es der einstige Präsident der Royal Society, Lord May, auf den Punkt gebracht: Die einzige Wissenschaft, die uns jetzt noch retten kann, ist die Wissenschaft von unserem Verhalten.

Der Grund, warum der Mensch dem gesamten Planeten gefährlich wird, ist seine bewundernswerte Fähigkeit zur Kooperation. In den Mythen der Vorzeit ist es stets ein Einzelner, der die Weltordnung herausfordert. Die wahre Bedrohung kommt aber von einem vielstimmigen Miteinander, einer wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Kooperation von Millionen und Abermillionen, über die Erdteile hinweg und die Generationen umspannend. Die wahre Bedrohung ist unsere globale Zivilisation. - Diese Kooperation verleiht der menschlichen Spezies eine unerhörte Macht. Es gibt andere Arten, die ebenfalls kooperieren: Ameisen, Termiten oder Bienen, zum Beispiel. Nimmt man es genau, sind die Körper von Mehrzellern ebenfalls Kunststückchen der Kooperation: Die einzelnen Zellen arbeiten ganz wunderbar zusammen, jedenfalls solange ihre Programme nicht durch Krebsmutationen infiziert werden. Aber derlei Kooperation findet meist zwischen eng verwandten Individuen statt. Die Bienen in einem Bienenstock sind Geschwister. Die Zellen in unseren Körpern sind Klone. Menschliche Kooperation findet aber nicht nur zwischen engen Verwandten statt. Wir finden unsere Wirtschaftspartner auch außerhalb des Familienbetriebs.

Was ist ein Partner? Das Wort kommt von pars, Teil; ein Partner ist jemand, mit dem man teilt. Das alleine reicht aber nicht. Wenn der heilige Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilt, beglückt er damit nicht einen Partner. Von einem Partner erwartet man eine Gegenleistung: einen Vor-Teil, den man teilt, um den man sich aber nicht prellen lassen will. Bleibt dieser Vorteil aus, soll auch der Partner keinen haben. Geschieht ihm ganz recht! Ja, recht! Eine Partnerschaft ist eine Wirtschaftsbeziehung. Ohne Liebesgabe. Ohne Almosen. Ein Zweckbündnis.

Wie kam es zu diesem partnerschaftlichen Verhalten? Wir haben es uns im Lauf der kulturellen Evolution selbst anerzogen. Eine Art von Selbstdomestikation, wenn man so will. Schon vor 200 Jahren hat der Zoologe Friedrich Blumenbach vom Menschen als dem "vollkommensten Haustier" gesprochen. Auch Charles Darwin, der mehrere Wälzer über die Domestikation verfasst hat, stellte fest, dass "der zivilisierte Mensch in mancher Hinsicht höchst domestiziert ist". Dahinter steckte natürlich keine bewusste Zuchtwahl. Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass sich eine Tierart gewisse Merkmale selbst heranzüchtet. Die farbenprächtigen Schwanzfedern der Pfauenmännchen und die entsprechenden Vorlieben der Pfauenweibchen bieten ein Beispiel. Hier war nicht die Absicht eines Züchters am Werk.

Die Merkmale von Haustieren bieten wirtschaftlichen Nutzen. Die menschlichen Anlagen zur Kooperation tun genau das. Nichts ist nützlicher als ein verlässlicher Partner. Die Menschen kooperieren aus Eigennutz. Sicherlich, meinte Voltaire, sicherlich seien Geschöpfe denkbar, die ausschließlich an der Wohlfahrt der anderen interessiert sind. Und dann mit einem Lächeln auf den engen Lippen: "In diesem Fall würde der Handelsmann aus Barmherzigkeit nach Indien segeln und der Steinmetz seine Steine zersägen, um seinem Nächsten eine Freude zu bereiten. Aber Gott hat es anders eingerichtet." Also sprach der fromme Voltaire und fügte hinzu: "Das ewige Band zwischen den Menschen sind unsere gegenseitigen Bedürfnisse? Es ist unmöglich, dass eine Gesellschaft entstehen und fortdauern kann, die nicht auf Eigenliebe gegründet ist."

Meist wundern wir uns gar nicht über die Entstehung von Kooperation; sie ist so offensichtlich von Nutzen. Wir wundern uns eher, dass die anderen Tierarten nicht so gut kooperieren. Wir übersehen dabei eine Kleinigkeit. Es gibt etwas, was für jeden Einzelnen noch vorteilhafter ist als die Kooperation. Das ist die Ausbeutung des anderen, das Unterbleiben der Gegenleistung, der Griff nach dem Ganzen. In zahllosen Situationen führt der Eigennutz nicht zum Gemeinwohl. So etwas wird als soziales Dilemma bezeichnet. Wie konnten die Menschen das Sozialdilemma bezwingen? Die Philosophen der Aufklärung meinten: durch den Sozialkontrakt. Die Menschen unterwerfen sich aus freien Stücken einem Souverän, der sie vor den Ausbeutern schützt. Auf den ersten Blick ein hoffnungslos verstaubter Mythos. Zwar sind unsere Geschichtsbücher übervoll an Souveränen: Königen, Tyrannen und Despoten, die sich für Recht und Ordnung zuständig sahen und keine Ausbeuter duldeten - jedenfalls keine neben sich. Doch in diesen Büchern steht nur die geschriebene Geschichte von ein paar Tausend Jahren. Unvergleichlich länger waren die Menschen geschichtslose Jäger und Sammler. In dieser Zeit haben sich die menschlichen Verhaltensmuster ausgebildet. Meist gibt es in solchen Gruppen von Jägern und Sammlern erstaunlich wenig Hierarchie - und keinen Souverän.

In vielen Primatengruppen regieren Alpha-Männchen (manchmal auch Weibchen). Beim Homo sapiens zeigen sich auch oft die Anlagen dazu; aber bei den Jägern und Sammlern werden sie rasch von der Gemeinschaft unterdrückt. Am Lagerfeuer lässt sich trefflich plotten und lassen sich Partnerschaften schmieden gegen Möchtegern-Oberbefehlshaber. Das heißt, dass der wahre Souverän tatsächlich die Gemeinschaft ist. Wer sich ihr widersetzt, steht auf verlorenem Posten. 

Auch heute noch zeigt sich, dass kleine Gemeinschaften von Jägern und Sammlern, Fischern oder Hirten spontan rudimentäre Institutionen bilden, um Ausbeuter zu bestrafen. Dasselbe findet auch in Gefängnissen statt. Angeblich geht die Mafia darauf zurück. 

Spieltheoretiker bilden in wirtschaftswissenschaftlichen Labors das eine oder andere Sozialdilemma nach und beobachten, wie sich nach wenigen Runden die Probanden freiwillig einer Autorität unterwerfen. Dann werden die Ausbeuter und Abweichler bestraft, selbst wenn das mit Kosten für die Probanden verbunden ist. "Der Mensch ist frei geboren, und überall ist er in Ketten." Was Jean-Jacques Rousseau da mit "Ketten" bezeichnet, sind Bindungen. Partner binden sich freiwillig und sichern sich durch Sanktionen ab. Wechselseitiger Zwang, auf wechselseitiger Abmachung beruhend. So wird Kooperation vor Ausbeutung geschützt. Das Rezept funktioniert sogar unter Dieben. Dann heißt es Ganovenehre.

Meist sind sich die Menschen gar nicht bewusst, dass sie aus Eigennutz kooperieren. Es kommt uns ja ganz natürlich vor. Wir sind hilfsbereit, weil Helfen Freude macht. Schon Zweijährige helfen spontan. Keinem anderen Primaten käme das in den Sinn, weder im Labor noch auf freier Wildbahn. Die meisten Menschen fühlen sich gut, wenn sie Gutes tun. Aber gerade durch dieses Gefühl verrät uns die Evolution, dass wir dabei sind, etwas für uns Vorteilhaftes zu tun.

Und umgekehrt gilt: Die meisten von uns schämen sich, wenn sie andere ausbeuten. Oder sie genieren sich wenigstens ein bisschen. Sie erröten, wenn sie vor der Gemeinschaft bloßgestellt sind - ein ausschließlich Menschen vorbehaltenes Merkmal. Unser Gewissen wurde charakterisiert als "das bohrende Gefühl, beobachtet zu werden" (H. L. Mencken). Unsere Vorfahren fühlten sich ständig von übernatürlichen Wesen observiert. Kaum wurde das als Aberglaube abgetan, vermehrten sich die Überwachungskameras.

Von wenigen abgebrühten Soziopathen abgesehen, liegt den Menschen viel an ihrem Bild in den Augen der anderen. Sie möchten gut dastehen; nicht das Gesicht verlieren; einen guten Ruf haben. Das ist grundvernünftiges wirtschaftliches Verhalten. Unsere Reputation trägt entscheidend dazu bei, Partner zu finden zum Kooperieren. "Eine gute Nachrede" ist das wichtigste Kapital. Es ist kein Zufall, dass dieselbe Spezies, die die Sprache erfand, auch die Moral in die Welt gesetzt hat.

Vom Tratsch im Pausenhof der Schule bis zu den "Likes" und den "Feedback-Foren" im Internet wird Information über Mitmenschen ausgetauscht, und meistens geht es dabei um Lob und Tadel. Schon Charles Darwin schrieb: "Der menschliche Antrieb, anderen zu helfen, beruht nicht auf blindem Impuls (wie bei den sozialen Insekten), sondern wird zum Großteil durch Lob und Tadel der Mitmenschen geprägt." Wir helfen, um gelobt zu werden. Warum? Weil uns dann geholfen wird. "Hilf, auf dass dir geholfen werde", heißt es in der Bibel.

Manche werten das als niedrigen Beweggrund. Plattes Zweckmäßigkeitsdenken! Immanuel Kant würde enttäuscht den Kopf schütteln. Aber moralische Normen - von den äußeren Zwängen, die uns die Gesellschaft auferlegt, bis hin zu den Tugenden, die unser Innerstes bewegen - sind allesamt Mittel, die eine Hominiden-Art erfunden hat, um Kooperation zu erleichtern.

Ohne Interessenkonflikte bräuchten wir keine Moral. Sie aber hat ein neues Erdzeitalter eingeläutet. Wie nachhaltig es sein wird, steht dahin. Aber wenn wir den Planeten retten können, dann sicher nur durch noch viel mehr Kooperation.

Die Eröffnungsrede erschien ebenfalls in der Samstagsausgabe der "Presse".