"Tapfer, unverzagt und lächelnd": 100. Todestag von Rosa Luxemburg

Rosa Luxemburg begeisterte und polarisierte. Die bekannte Publizistin und sozialistische Aktivistin engagierte sich vor und während des Ersten Weltkriegs leidenschaftlich für Frieden, Gemeinwohl und Solidarität. Heute vor 100 Jahren wurde sie von einer rechtsradikalen Militäreinheit ermordet.

"Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" – mit diesem Slogan demonstrierten im Herbst 1989 Tausende gegen das Regime der DDR. Er stammt von Rosa Luxemburg, was erstaunt, fungierte sie doch gleichzeitig als kommunistische Ikone. Aber die "rote Rosa", wie sie genannt wurde, ließ sich nur schwer in vorgefertigte Schablonen pressen.

Das erlebte die Sozialdemokratie vor und im Ersten Weltkrieg, genauso wie diverse Staatsbeamte. Oder der russische Revolutionsheros Lenin, dem sie ihre Definition von Freiheit entgegenschleuderte, als sie bei den Bolschewiki diktatorische Tendenzen ortete. Solch eine Position gefiel auch den 68ern, die in großer Geste kurzfristig die Universität zu Köln in "Rosa Luxemburg Universität" umbenannten.

Diskriminierung und Handlungsspielräume


Rosa Luxemburg war eine Sozialistin, kompromisslos und konsequent in politischen Fragen, sensibel und offen für die Feinheiten der menschlichen Seele und die Wunder der Natur. Am 5. März 1871 wurde sie im von Russland kontrollierten Teil Polens geboren und erlebte als jüdisch-polnisches Mädchen, das seit ihrer Kindheit hinkte, alle Diskriminierungen, die damit verbunden waren. Dank ihrer liberalen, nicht unbemittelten Eltern erfuhr sie aber auch, dass es Handlungsspielräume im Leben aller gibt und dass man sich gegebenen Grenzen nicht beugen muss. Weder als Frau, die hinkte, noch als Jüdin und Polin.

Gabriella Hauch ist eine der Projektleiterinnen des Ausstellungsprojekts "Sie meinen es politisch!" 100 Jahre Frauenwahlrecht (hier im Bild beim Festakt zu 100 Jahren Frauenwahlrecht an der Universität Wien). Die Ausstellung wird am 7. März 2019 im Volkskundemuseum eröffnet und läuft bis zum 25. August 2019. Die Publikation "Sie meinen es politisch!" 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich: Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung wird demnächst im Löcker Verlag erscheinen. (© Universität Wien/derknopfdruecker.com)

Promotion und sozialdemokratischer Aktivismus

Rosa Luxemburg war hochgebildet, sprach mehrere Sprachen, konnte gut zeichnen und noch besser schreiben. Bereits als Gymnasiastin engagierte sie sich politisch und las Karl Marx. Nach der Matura 1888 floh sie vor der zaristischen Polizei nach Zürich. Dort inskribierte sie eine Vielzahl von Fächern und promovierte schließlich 1897 magna cum laude zum Thema "Polens industrielle Entwicklung".

Im regen StudentInnenleben von Zürich lernte sie nicht nur ihren Lebensmenschen, den polnischen Marxisten Leo Jogiches kennen, sondern auch VertreterInnen der internationalen Sozialdemokratie. In all den diffizilen Fragen, die SozialdemokratInnen damals bewegten, positionierte sich Rosa Luxemburg als Gegnerin von jeglichem Nationalismus und Militarismus. Um mehr Einfluss zu gewinnen, wurde sie Mitglied in der SPD und übersiedelte nach Berlin.

Polarisierend und geliebt


Anfang des 20. Jahrhunderts war Luxemburg eine international bekannte Publizistin, die sich mit grundlegenden ökonomischen Fragen oder dem Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung und der Errichtung eines solidarischen, auf Gemeinwohl basierenden Sozialismus beschäftigte. Die rund 1,50 Meter kleine Frau mit der großen Stimme wurde in der SPD und in der Internationale zwar wichtiger, aber sie polarisierte.

Allein die Massen schienen sie zu lieben: "Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, da hab ich mir gesagt, Gott, so e klein Frauche, kaum soo hoch, wie kann sie vor dem ganze Marktplatz schwarz voll Mensche sich durchsetze. Und wie sie angefangen hat zu rede – da hab ich verstande, warum mir is es Herz durchgegange." (siehe Georg Glaser, Geheimnis und Gewalt, 61)

Als Kriegsgegnerin verfolgt

Im Ersten Weltkrieg setzte sich Rosa Luxemburg mit Karl Liebknecht und Klara Zetkin, eine lebenslange Freundin und Vorsitzende der Frauenorganisation der SPD, an die Spitze der KriegsgegnerInnen und gründete neue Organisationen wie den "Spartakusbund". Ihre Aufrufe an die Soldaten zur Befehlsverweigerung bescherten ihr mehrjährige Gefängnisaufenthalte, bis sie am 9. November 1918 entlassen wurde. Die knapp zwei Monate, die der damals 47-jährigen noch blieben, waren voller Hektik, die richtigen Schritte in Richtung Revolution und neuer Gesellschaft zu finden. Die 'Jüdin' Rosa Luxemburg avancierte zur Staatsfeindin.

Klara Zetkin und Rosa Luxemburg (v.l.n.r.), hier ein Bild von 1910, engagierten sich während des Ersten Weltkriegs gemeinsam für den Frieden. (© Wikimedia Commons/Public Domain)

Ermordung und Erbe

Am 15. Jänner 1919 entführte sie eine als "Bürgerwehr" maskierte rechtsradikale Militäreinheit. Sie wurde misshandelt und schließlich ermordet, ihr Leichnam in den Berliner Landwehrkanal geworfen. Es sollte nach einer spontanen Tat Unbekannter aussehen. 1929 gelang es ihrem ehemaligen Rechtsanwalt Paul Levi, ihre Ermordung nachzuweisen.

"So ist das Leben und so muß man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem", formulierte Rosa Luxemburg 1917 im Gefängnis ihr Lebensmotto. Das bleibt – neben ihren Analysen der gesellschaftlichen Transformation in Richtung einer menschenfreundlichen solidarischen Welt.