Kooperation wirkt: "Verhalten der Menschen in der Krise besser verstehen"

Martin Kocher und Sophie Karmasin

Meinungsforscherin Sophie Karmasin und Uni Wien-Verhaltensökonom Martin Kocher forschen für unsere Gesellschaft. Im Interview sprechen sie über gemeinsame Projekte zwischen Wirtschaft und Meinungsforschung, die Motive hinter Entscheidungen und die "Megatrends" in Folge der Corona-Krise.

uni:view: Frau Karmasin, Sie beschäftigen sich mit Meinungen und Einstellungen, bei Ihnen, Herr Kocher, dreht sich alles um das menschliche Verhalten und dessen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Warum arbeiten Sie zusammen?

Karmasin: Weil wir uns sehr gut ergänzen! Ich befrage Menschen direkt, Martin Kocher stellt die großen ökonomischen Zusammenhänge dar und liefert die wissenschaftliche Basis.

Kocher: Für uns sind Befragungen eine Methode, um das Verhalten der Menschen besser zu verstehen. Deshalb ist der Input der Meinungsforschung oft sehr relevant für uns – entweder als Ausgangspunkt oder auch als Begleitung. Mit Hilfe der Meinungsforschung können wir zuerst herausfinden, welche Einstellungen Menschen haben – und dann analysieren, warum sie bestimmte Entscheidungen treffen. Aus unserer Zusammenarbeit ist quasi nebenbei auch "Insight Austria" entstanden – eine verhaltensökonomische Einheit am Institut für Höhere Studien (IHS), die sich mit den Erkenntnissen der Verhaltensökonomie praktisch auseinandersetzt und großflächige Studien durchführt, die auch für die Grundlagenforschung interessant sind. Außerdem arbeiten immer wieder Doktorand*innen und studentische Mitarbeiter*innen von der Universität Wien bei "Insight Austria" mit.

WIRKT. Seit 1365.

Wirkt. Seit 1365.
Die Universität Wien kooperiert in der Forschung mit Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Ihre Lehre bereitet jährlich rund 10.000 Absolvent*innen auf ihre Berufslaufbahn vor und regt sie zu kritischem Denken und selbstbestimmtem Handeln an. Mit dem Themenschwerpunkt "Wirkt. Seit 1365." zeigen wir Ihnen in verschiedenen Beiträgen, was die Universität Wien für unsere Gesellschaft leistet.

Resilienz und Veränderungen durch die Corona-Krise

uni:view: Das jüngste Beispiel dieser Kooperation ist eine Untersuchung zu den Folgen der Corona-Krise. Was wird uns erwarten?

Kocher: Normalerweise führen Krisen zu einer Verstärkung des bestehenden Strukturwandels. Hier geht es um "Megatrends" wie Umweltbewusstsein, Digitalisierung oder Regionalisierung. Diese Themen kommen jetzt verstärkt auf – was in zwei, drei Jahren davon übrig ist, kann man schwer voraussagen. Vieles hängt auch davon ab, wie lange die wirtschaftliche Krise noch dauert, wie tief sie geht. Erfahrungsgemäß sind einige Verhaltenseffekte auch schnell wieder vergessen.

Karmasin:
Das Ganze ist natürlich auch systemisch zu betrachten. Allein, dass wir diese "Megatrends" jetzt thematisieren, bewirkt etwas. Deshalb glaube ich, dass von der Krise einiges hängenbleiben wird. Im Sinne der Krisenresilienz werden sich Unternehmen digitaler aufstellen – Stichwort E-Commerce und Homeoffice –, und auch die Konsument*innen reagieren darauf. In diesem Sinn haben wir in der Krise viel Versäumtes wettgemacht. Über Homeoffice reden wir schon sehr lange, plötzlich war es zu 80 Prozent möglich. Ich denke nicht, dass wir wieder in die "Zeit davor" zurückfallen, zumindest nicht vollständig.


uni:view: Was bedeutet die Corona-Krise für Ihre Arbeit?


Kocher: Es wird schwieriger, Verhalten zu verstehen und zu prognostizieren. In normalen Zeiten passen Menschen ihr Verhalten schrittweise an. In der Krise haben wir allerdings große Verhaltenssprünge gesehen. Jetzt Modelle zu erarbeiten, um diese Verhaltensveränderungen zu verstehen, ist eine der großen Aufgaben.

Karmasin: Es gibt in der Krise neue Themen, die sehr schnell aufkommen, zum Beispiel Digitalisierung. Jeder will wissen: Wieviel werden wir machen müssen? Wenn sich alle auf Homeoffice umstellen, hat das weitreichende Effekte, etwa auf die Mobilität. Unsere Forschung wird dadurch kurzfristiger, es kommen ganz neue Fragen auf. Eine positive Entwicklung ist: Es zeigt sich, dass es ganz wichtig ist, die Leute bei Entscheidungen mitzunehmen. Jetzt werden neue Muster geprägt. Die Frage lautet: Was denken Menschen, was wollen sie? Vor allem qualitative Meinungsforschung wird jetzt gebraucht, um diese Antworten zu finden. 

Grafische Darstellung Coronavirus

Corona-Virus: Wie es unser Leben verändert
Von neuen familiären Abläufen bis hin zu den Auswirkungen auf Logistikketten: Expert*innen der Universität Wien sprechen über die Konsequenzen des Corona-Virus in unterschiedlichsten Bereichen. (© iXismus/Pixabay)

Praxis hilft in der Lehre

uni:view: Inwiefern ist die Kooperation mit der Praxis relevant für Ihre Lehre an der Universität Wien, Herr Kocher?

Kocher: Selbst wenn man Theorie vermittelt, muss man immer Beispiele parat haben, insbesondere im Bachelorstudium. Ich habe gelernt, dass es gerade in Einführungsveranstaltungen extrem hilft, spannende und auch für die Studierenden relevante Beispiele aus der Praxis zu präsentieren. Das ist natürlich spannend für die Studierenden.

Warum an der Universität Wien studieren?
Die Universität Wien bietet ein großes Studien- und Lehrangebot. Mit über 180 Studien an 15 Fakultäten und 5 Zentren ist sie die größte Universität im deutschsprachigen Raum. Im Rahmen von Humans of University of Vienna erzählen Studierende, was das Zusammenleben an der Uni ausmacht und warum sie an der Uni Wien studieren.

uni:view: Was haben Sie durch die Zusammenarbeit gelernt?

Kocher: Sehr viel über Politik, über den wissenschaftlichen Beratungsprozess dahinter und welche Tücken es geben kann.

Karmasin: Als Meinungsforscherin habe ich gelernt, dass es wichtig ist, eine fundierte, hypothesengestützte Herangehensweise zu haben. Als Politikerin habe ich die wissenschaftlichen Sichtweisen schätzen gelernt: Theoriegeleitete Perspektiven können unglaublich viel Inspiration liefern.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch.
(bw)

 Kurz gesagt
- Meinungsforschung und Verhaltensökonomie sind die Tools in Maßnahmenplanung und -evaluierung
- Fallbeispiel COVID-19: Die Coronakrise beschleunigt Megatrends wie Umweltbewusstsein, Digitalisierung oder Regionalisierung
- Theoriegeleitete Perspektiven liefern Inspiration für die (politische) Praxis


Martin Kocher ist Professor für Verhaltensökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre und am Wiener Zentrum für Experimentelle Wirtschaftsforschung der Universität Wien. Außerdem ist er Direktor des Instituts für Höhere Studien und Präsident des Fiskalrats.

Sophie Karmasin ist Meinungsforscherin und war von 2013 bis 2017 Bundesministerin für Familie und Jugend. Sie hat Psychologie und Betriebswirtschaftslehre in Wien und Salzburg studiert.