"Gender sollte keine Rolle spielen"

Mit "AcademiaNet" hat die Robert Bosch Stiftung ein Portal geschaffen, welches exzellente Wissenschafterinnen aus ganz Europa präsentiert. Leticia González, Theoretische Chemikerin an der Universität Wien, ist Mitglied des Netzwerkes und koordinierte jüngst den ersten AcademiaNet-Club in Wien.

Mit AcademiaNet will die Robert Bosch Stiftung exzellente Frauen in der Wissenschaft fördern. Was können Initiativen wie diese bewirken?
Leticia González: Primär geht es dabei um Sichtbarkeit. Es gibt viele exzellente Wissenschafterinnen. Wenn aber Konferenzveranstalter über die Besetzung eines Podiums nachdenken oder GastrednerInnen suchen, denken sie häufig nur an ihre männlichen Kollegen. Wie oft habe ich das Argument gehört: Ich kenne doch keine passende Forscherin, es gibt keine! Portale wie AcademiaNet bieten die Möglichkeit, bewusst nach geeigneten Forscherinnen zu suchen und neue Kandidatinnen zu entdecken.

Es gibt nach wie vor viel weniger Frauen als Männer in Professuren – in Österreich liegt der Anteil von Professorinnen bei durchschnittlich 22 Prozent. Wie beurteilen Sie das?
González: Man kann sich fragen: Wollen Frauen nicht Professorinnen werden? Oder haben sie nach wie vor Probleme, ganz nach oben zu kommen? Klar ist: Die meisten Entscheidungsprozesse im universitären Kontext werden von Männern dominiert. Es gibt verstärkt Versuche, den Frauenanteil zu erhöhen. Ein Beispiel dafür sind Frauenquoten, die keineswegs nur positiv zu sehen sind. Doch Frauen müssen sich nach wie vor viel mehr anstrengen, um als gleich geeignet angesehen zu werden. 

Leider kann man in der Wissenschaft keinen ähnlichen Mechanismus installieren, wie er bei der Rekrutierung von MusikerInnen üblich ist: Blind Auditions, also das Vorspielen hinter einem Vorhang, erhöhte die Chancen von Frauen um ein Vielfaches. Das blinde Publizieren oder Vorstellen ist bei uns nicht möglich. Aber es geht darum, für Unfairness Bewusstsein zu schaffen. Gender sollte keine Rolle spielen.

Was muss passieren, damit dies der Fall ist?
González: Wenn unter 100 BewerberInnen nur zehn Frauen sind und in der Endrunde unter zehn KandidatInnen nur eine Frau, ist die Wahrscheinlichkeit rein statistisch schon geringer, dass eine Frau genommen wird. Man braucht auch im Pool der BewerberInnen ein Verhältnis von 50:50 – nur dann hat man wirklich eine Gleichverteilung. Doch das ist ein langer und leider sehr langsamer Prozess. Ja, es ist heute besser als es zu Albert Einsteins Zeiten war. Es ist besser als vor 50 Jahren. Aber wenn ich selbst 20 Jahre zurückblicke, muss ich feststellen, wie klein die Fortschritte sind. Ich hoffe sehr auf eine Beschleunigung!
 
Die gläserne Decke hat also wenig an Bedeutung verloren?
González: Schon Nachwuchsforscherinnen haben es relativ schwer sich durchzusetzen und zu beweisen, dass sie gut sind. Außerdem stehen sie bald vor der Entscheidung zwischen Familie und Karriere. Noch heute setzt unsere Elterngeneration Frauen unter Druck, bei der Familiengründung beruflich zurückzustecken. Es sollte aber möglich sein, beides miteinander zu vereinbaren. Hier bringt unsere Generation vielleicht den Wechsel.

Strukturen für Kinderbetreuung sind dabei das Wichtigste. So wäre es etwa toll, wenn es ein Übereinkommen zwischen Universitäten und der Stadtverwaltung gäbe, um z.B. Doktorandinnen eine Kinderbetreuung zu garantieren. So hätten sie mehr Zeit, ihrer Doktorarbeit nachzugehen. Natürlich gilt das Gleiche für Männer. Aber vielleicht müssen wir eine gewisse Zeit lang Frauen in eine Vorteilssituation bringen – um den Preis, dass die Männer benachteiligt sind. Denn wenn man tatsächlich eine 50:50-Situation anstrebt und beiden Seiten gleichviel hilft, dann wird die Lücke bestehen bleiben.

Sie selbst kommen aus einer eher männerdominierten Forschungsrichtung. Wie sehr unterscheidet sich die Situation in den Naturwissenschaften von der in den Sozial- oder Geisteswissenschaften?
González: Wenn wir uns die oberste Ebene anschauen, gibt es wohl nicht viele Unterschiede zwischen den Fächern. Um es zu veranschaulichen: Unter den wirklichen Mitgliedern in der ÖAW sind die Frauen klar in der Minderheit gegenüber den männlichen Kollegen. In der jungen Akademie gibt es hingegen doch einige mehr. Das heißt, es gibt wenige Wissenschafterinnen, die es ganz nach oben schaffen. Das zeigt mir, dass das Fach selbst kaum eine Rolle spielt.

Rund 50 Wissenschafterinnen aus Wien sind im Portal AcademiaNet der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit Spektrum der Wissenschaften und der Natur Publishing Group erfasst.

Am 5. Oktober 2018 koodinierte Leticia González (im Bild, © Lena Yadlapalli) das erste Treffen des AcademiaNet-Club Wien, zu dem etwa die Physikerin und langjährige CERN-Mitarbeiterin Pauline Gagnon mit einem Gastvortrag geladen war (Zum Artikel auf science.ORF.at vom 9.10.2018).

Kürzlich fand der erste größere AcademiaNet-Club in Wien statt. Was ist das Ziel?
González: Zum einen wollen wir Mitglieder uns untereinander kennenlernen – es geht ums Netzwerken. Wir sind unterschiedlich alt, so sind auch Mentoring-Effekte zu erwarten. Zum anderen aber fragen wir uns, was wir für Frauen tun können, die nicht Teil des AcademiaNet sind. Denn das Netzwerk ist streng genommen ein sehr elitärer Club. Mitglieder werden von Organisationen nominiert – in Österreich können dies nur die ÖAW und der FWF tun. Es gibt strenge Qualitätskriterien, die erfüllt sein müssen, um nominiert zu werden.

Beim ersten AcademiaNet-Club gab es aber auch einen öffentlichen Teil mit einer Gastrednerin...
González: Wir haben uns sehr gefreut, dass neben den über 20 AcademiaNet-Mitgliedern auch viele Interessierte der Einladung gefolgt sind – insgesamt waren wir rund 60 Personen. Über den öffentlichen Teil wollten wir signalisieren, dass es uns gibt und wir als Ansprechpartnerinnen für den Nachwuchs bereitstehen. Diese Treffen bieten jeder Wissenschafterin die Möglichkeit zu erkennen, dass Frauen in der Forschung vielfach dieselben Probleme teilen. Wir wollen junge Wissenschafterinnen motivieren, ihrem Traum nachzugehen und sich nicht von ihrem Weg abbringen zu lassen.

Bei der Nobelpreisvergabe wurden heuer mit Frances H. Arnold in der Chemie und Donna Strickland in der Physik auch zwei Forscherinnen geehrt. Ein willkommenes Signal für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Forschung?
González: Ja, es steigert natürlich auch das Bewusstsein in der Gesellschaft, dass Frauen genau so gut wie Männer den Nobelpreis gewinnen können. Ich hatte die Gelegenheit, Frances H. Arnold früher in diesem Jahr bei einem Symposium zu treffen. Ich habe gleich gedacht, dass sie auf jeden Fall eine Nobelpreiskandidatin ist!

Aber die Nobelpreisträgerinnen und -träger müssen vorgeschlagen werden. Heute gibt es zumindest das Bemühen, Frauen zu finden. Bisher erhielt aber lediglich alle 50 Jahre eine Frau einen Nobelpreis. Natürlich geht es nicht darum, Frauen unabhängig von ihrer Qualifikation in bestimmte Positionen zu pushen. Es gab allerdings immer wieder exzellente Wissenschafterinnen, die den Nobelpreis verdient hätten, aber übergangen wurden. Ich hoffe, es dauert nicht noch mal 50 Jahre, bis wir die nächste Nobelpreisträgerin haben werden!

Leticia González ist Professorin für Theoretische Chemie an der Fakultät für Chemie der Universität Wien und Koordinatorin der AcademiaNet-Clubs in Wien.

Das Interview führte Lena Yadlapalli