Buchtipp des Monats von Rüdiger Frank

Rüdiger Frank gilt als der Experte und Kenner Nordkoreas. uni:view präsentiert seine jüngste Publikation "Unterwegs in Nordkorea: Eine Gratwanderung", in der er seine Erfahrungen in diesem Land voller Widersprüche erlebbar macht. Dazu gibt es einen persönlichen Buchtipp des Ostasienwissenschafters.

uni:view: Was hat Sie als genauen Kenner von Nordkorea dazu bewogen, einen Reiseführer über dieses abgeschottete Land zu verfassen?
Rüdiger Frank: Das ist kein Reiseführer, eher ein Reisebericht – die populär geschriebene, aber wissenschaftlich solide hinterlegte Sammlung meiner Erfahrungen aus über 25 Jahren, in denen ich Nordkorea besucht habe. Das Buch soll für jene, die nicht dorthin reisen können oder wollen, das Land erlebbar machen. Ferner möchte ich denen, die den Schritt tatsächlich wagen, eine Möglichkeit geben, das Gesehene systematisch und jenseits der von den offiziellen BegleiterInnen erhaltenen Erklärungen zu reflektieren.

Hinzu kommt, dass sich Nordkorea seit Jahren stark verändert. Eines Tages wird mein Buch also ein Zeitdokument sein, das ein Land beschreibt, wie es längst nicht mehr existiert. In einigen Teilen ist das schon jetzt der Fall, etwa wenn es um lange Zeit für den Tourismus gesperrte, jüngst aber geöffnete Bereiche geht, wie beispielsweise die Provinz Chagang.

uni:view: Empfehlen Sie Menschen tatsächlich, nach Nordkorea zu reisen, in ein Land, das u.a. auch vor der Verhaftung von TouristInnen nicht zurückschreckt?
Frank: Ich diskutiere diese Frage sehr ausführlich in meinem Buch. Eine Antwort kann und wird immer individuell sein. Nordkorea ist ein sehr schönes Land, doch wer Entspannung in der Natur sucht, der findet diese auch woanders und ohne das Dilemma, damit ungewollt eine Diktatur zu finanzieren.

Die meisten westlichen BesucherInnen Nordkoreas sind durch den Wunsch nach etwas motiviert, das man wohl grob mit "politischer Bildung" umschreiben kann. Ich teile deren Ansicht, dass eine ernsthafte Beschäftigung mit Nordkorea und vor allem eine Meinung dazu früher oder später den Besuch vor Ort einschließen muss.

Verhaftungen von westlichen TouristInnen haben meines Wissens nie willkürlich stattgefunden; ihnen lagen jedes Mal eklatante Verletzungen der geltenden Regeln zugrunde. Weder das christliche Missionieren noch eine Verunglimpfung der Führer werden akzeptiert. Davon kann man halten, was man will, aber diese Punkte sind bestens bekannt. Wer sich nicht daran halten kann oder möchte, dem oder der rate ich von einer Reise dingend ab.

uni:view: Was bekommen Reisende zu sehen – und was übersehen sie dann doch, so wie im Klappentext beschrieben?
Frank: Zwei Beispiele: Am Kim Il-sung Platz in Pjöngjang hängen seit einigen Jahren keine Bilder von Marx und Lenin mehr; das merkt man aber nur, wenn man weiß, dass sie einmal dort waren. Doch Vorsicht mit Erklärungen, denn eine der Bronzefiguren neben den großen Kim-Statuen auf dem Mansudae-Hügel reckt noch immer das Kommunistische Manifest mit den Namen der Autoren Marx und Engels hoch; das fällt allerdings nur auf, wenn man genau hinsieht und Koreanisch lesen kann.
Im Moranbong-Park steht ein Monument, auf dem in russischer und koreanischer Sprache der Sowjetarmee für die Befreiung von der japanischen Besatzung im August 1945 gedankt wird. Gleichzeitig lernt jedes Kind in der nordkoreanischen Schule, dass diese Leistung allein von Kim Il-sung und seinen Partisanen vollbracht wurde. Das Land ist voll von solchen Widersprüchen.

Das Gewinnspiel ist bereits verlost. Doch die gute Nachricht: In der Universitätsbibliothek steht "Unterwegs in Nordkorea" interessierten LeserInnen zur Verfügung:

1 x "Unterwegs in Nordkorea: Eine Gratwanderung" von Rüdiger Frank
1 x "Seveneves" von Neil Stephenson

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Frank: Ich habe gerade "Seveneves" von Neil Stephenson gehört, auf Empfehlung eines Kollegen. Eigentlich triviale Science Fiction, aber mit einem interessanten Kern.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Frank: Viele Dinge, die unsere Gesellschaft strukturieren – Eigentumsrechte zum Beispiel oder sozialer Status – sehen wir heute als unverrückbare Selbstverständlichkeiten an. Dabei basieren diese oft auf harten Fakten, die längst verloren gegangen sind. Verändert man das Umfeld radikal, etwa durch eine Naturkatastrophe, dann erlöschen alle diese etablierten Privilegien schlagartig, und wir landen schnell wieder im Feudalismus.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Frank: Die Erkenntnis, dass ein großer Teil unserer Realität – Sicherheit, Geld, Karriere, Fähigkeiten – auf einer alles andere als felsenfesten Grundlage basiert, die wir jedoch in der Regel nicht wahrnehmen oder hinterfragen. Damit schließt sich auch der Kreis zu meinem Buch: Reisen in Länder wie Nordkorea bilden auch deshalb, weil man dadurch viel über sich selbst und das oft als gegeben und "normal" empfundene eigene Umfeld lernt. (td)

"Unterwegs in Nordkorea: Eine Gratwanderung" von Rüdiger Frank wurde im März 2019 in Berlin mit dem ITB BuchAward als "grundlegende Lese- und Informationsempfehlung" ausgezeichnet. Nähere Informationen

Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien. Der Ökonom und Ostasienwissenschafter, der u.a. Russisch und Koreanisch spricht, gilt als führender Experte Nordkoreas.