Buchtipp des Monats von Katharina Limacher

Die HerausgeberInnen von "Prayer, Pop and Politics" sind der Ansicht, dass Religion Ausgangspunkt für Aushandlungsprozesse der eigenen Identität in einer religiös diversen Gesellschaft sein kann. Mehr erzählt Katharina Limacher im Interview und hat auch einen Buchtipp parat.

uni:view: Sie sind gemeinsam mit Astrid Mattes und Christoph Novak Herausgeberin des kürzlich erschienenen Bandes "Prayer, Pop and Politics". Was haben diese drei Schlagworte gemeinsam bzw. was verbindet sie?
Katharina Limacher: Die drei Begriffe Prayer, Pop and Politics markieren die thematischen Bezüge unseres Buches. Die beitragenden Wissenschafterinnen und Wissenschafter befassen sich alle auf die eine oder andere Art mit der Frage, wie Forschung zu religiösem Engagement junger Menschen in einer zunehmend religiös und kulturell diversen Gesellschaft aussehen kann. Dabei sind es vor allem Themen an der Intersektion von Religion, Alter und Ethnizität, die uns beschäftigen. Der Titel ist dann nicht nur eine – wie wir finden gelungene – Alliteration, sondern zeigt an, dass die Forschung zu religiösen jungen Menschen nicht umhinkommt, die religiöse Praxis in den Blick zu nehmen, wie auch die unterschiedlichen Arten der Aneignung religiöser Inhalte in einem popkulturellen Kontext. Und dass, gerade bei der Überlagerung mit dem Thema der Migration, religiöse Zugehörigkeit in der Gegenwartsgesellschaft immer politisiert wird.

uni:view: Der Untertitel lautet "Researching Religious Youth in Migration Society". Pauschalisiert gefragt, welche Rolle spielt Religion für junge Menschen mit Migrationsbackground?
Limacher: In unserem Buch werfen wir einen kritischen Blick auf die Art und Weise, wie Wissen über religiöse junge Menschen produziert wird. Dabei ist es uns ein Anliegen, den Blick der Leserinnen und Leser für den Umstand zu schärfen, dass bei der Frage nach der Religion von jungen Menschen häufig die Kategorien von Migration und Religion vermengt werden – gerade auch in der Forschung. Der Fokus liegt dann viel eher auf "den andern", etwa in den letzten 20 Jahren stark auf "den Musliminnen und Muslimen", anstatt beispielsweise auch junge Christen nach der Rolle, die Religion für sie hat, zu fragen. Wir möchten daher Forschende dazu anregen, ihre Rolle zu reflektieren und kritisch zu sein in Bezug auf ihre eigenen Interessen: Wieso interessiert es mich, als Nicht-Muslima Musliminnen zu erforschen? Was gilt es zu beachten, wenn ich als ältere Person, Jugendliche und junge Erwachsene interviewen?

Die HerausgeberInnen von "Prayer, Pop and Politics. Researching Religious Youth in Migration Society" v.li.n.re.: Astrid Mattes (AG Urbane Transformation, ÖAW), Christoph Novak (Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien) und Katharina Limacher (Forschungszentrum Religion and Transformation, Universität Wien). (© privat)

Das geht aber vermutlich nur auf Kosten pauschalisierter Aussagen: Religion wird eher nicht eine einzige und gleiche Rolle spielen für alle jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Religion kann aber, wie die Beiträge in unserem Buch zeigen, Ausgangspunkt für Aushandlungsprozesse der eigenen Identität in einer religiös diversen Gesellschaft sein.

uni:view: Können Sie sagen, inwieweit sich Ansichten zur Religion von der Elterngeneration der Jugendlichen unterscheiden?
Limacher: Das Potential digitaler Räume ist für Jugendliche und junge Erwachsene zentraler Bestandteil ihrer religiösen Praxis. Da unterscheiden sie sich teils stark von ihrer Elterngeneration. Jugendliche und junge Erwachsene verfügen dank Internet im Allgemeinen und Social Media im Besonderen über zahlreiche Möglichkeiten, religiöse Inhalte – auch popkultureller Art, wie etwa Musikvideos oder Instagrampostings – zu konsumieren und zu gestalten. Gerade für junge Angehörige sogenannter Minderheitenreligionen, die in Österreich über keine staatliche Anerkennung oder keinen institutionalisierten Religionsunterricht verfügen, ist das wichtig.

uni:view: Wird das Religionsverständnis der jungen Menschen durch die Gesellschaft, in der sie leben stark verändert?
Limacher: Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich der Kontext der Migrationsgesellschaft, also einer Gesellschaft, in der Migration historische Normalität und nicht, wie uns gerne von politischer Seite versichert werden will, Ausnahme ist. Besonders urbane Räume zeichnen sich in Europa durch eine hohe Heterogenität aus – einerseits aufgrund unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeiten, nicht zuletzt aber auch, weil immer mehr Menschen gar keine religiöse Zugehörigkeit haben. Diese Situation der Vielfalt hat auf jeden Fall einen Einfluss auf die religiöse Identität junger Menschen, denn ihre religiöse Zugehörigkeit ist in einer diversen Gesellschaft erklärungsbedürftig.

Das Gewinnspiel ist bereits verlost. Doch die gute Nachricht: In der Universitätsbibliothek stehen die Bücher interessierten LeserInnen zur Verfügung:      

1 x "Prayer, Pop and Politics" von Katharina Limacher,  Astrid Mattes und Christoph Novak (HerausgeberInnen)
1 x "Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich" von Luna Al-Mousli

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Limacher: Ich empfehle das Buch der Wiener Schriftstellerin und Grafikerin Luna Al-Mousli mit dem Titel "Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich", das 2018 erschienen ist.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Limacher: Das Buch ist ein Streifzug durch das Leben einer Familie in Damaskus, erzählt aus der Perspektive eines Kindes. Es ist eine wunderbare, leichte Erzählung über Familie, Kultur und Religion zwischen Ost und West aus dem Syrien der Neunziger Jahre. Die grafische Gestaltung, die ebenfalls von Luna Al-Mousli stammt, macht das Buch zu einem kleinen Gesamtkunstwerk.

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?
Limacher: Die Freude darüber, Leserin dieser wunderbar erzählten Geschichten und Anekdoten gewesen zu sein und die gleichzeitige Wehmut im Wissen darum, dass es dieses Land als Heimat dieser und vieler anderer Familien so nicht mehr gibt. (td)

Katharina Limacher ist am Forschungszentrum Religion and Transformation an der Universität Wien tätig.