Umwelt im Gespräch: Leben auf Kosten der Natur

Der Mensch hat wesentlich dazu beigetragen, die planetaren Belastungsgrenzen zu überschreiten. Was können wir tun, um dem Klimawandel, steigenden CO2- und Stickstoffemissionen sowie anderen ökologischen Herausforderungen zu begegnen? Darüber diskutierten am 26. März WissenschafterInnen bei "Umwelt im Gespräch".

Es war die fünfte Podiumsdiskussion in der Reihe "Umwelt im Gespräch": Das interdisziplinär besetzte Podium erörterte aus verschiedenen Blickrichtungen – der Ökologie und Systemanalyse, der Politik- und der Wirtschaftswissenschaft –, was wir vor dem Hintergrund der globalen Erderwärmung, des Biodiversitätsverlustes und der Veränderungen in den globalen Stoffkreisläufen Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft tun können, um nicht ungebremst in eine unsichere Zukunft zu steuern.

Eröffnet wurde die Veranstaltung vor rund 300 Gästen von NHM Wien-Generaldirektor Christian Köberl, Uni Wien Vizerektor Jean-Robert Tyran und Thilo Hofmann, Leiter des Forschungsnetzwerks Umwelt der Universität Wien.

In seinem Impulsvortrag ging Politikwissenschafter und Globalisierungsforscher Ulrich Brand von der Universität Wien auf die Notwendigkeit für veränderte Produktions- und Lebensweisen ein, um eine nachhaltigere Entwicklung anzustreben. Initiativen gegen die "imperiale Lebensweise" müssten auch auf lokaler Ebene ansetzen, um Veränderungen einzuleiten. Der globale Norden greife überproportional auf die globalen Ressourcen zu – wie auch auf die billigen Arbeitskräfte, mit denen etwa Handys und Nahrungsmittel produziert werden. Insofern sei es verkürzt, von "dem Menschen" als zentralem Umweltfaktor zu sprechen; der ungleiche Zugang zu Ressourcen müsse berücksichtigt werden.

Doch auch immer mehr Menschen in den Schwellenländern hätten "FF – Fleisch und Fliegen" mittlerweile als erstrebenswert und als Zeichen des Wohlstandes definiert. "Der Status definiert sich über Besitz und Konsum. Hier müssen wir dringend gegensteuern", so Brand vom Institut für Politikwissenschaft. Man müsse untersuchen, wie sich der Globalisierungsprozess in den Alltag der Leute einschreibt, um Alternativen zu finden – nicht über Verzicht, sondern über gesellschaftlichen Wandel und ein anderes Verständnis von Wohlstand. Nur bei den KonsumentInnen anzusetzen greife jedoch zu kurz, man müsse auch die Produktion und den Transport mitdenken.

Um die verschiedenen ökologischen Veränderungen, angetrieben durch den Menschen und seine Lebensweise, global in ihrer Dimension zu erfassen, legten vor zehn Jahren ForscherInnen das Konzept der planetaren Belastungsgrenzen vor. Das Konzept bilde allerdings nicht ab, so Ökologe Andreas Richter von der Universität Wien, dass manche zentralen Bereiche, etwa der Klimawandel, "unumkehrbare Folgen" hätten, die Folgen in anderen Bereiche hingegen reversibel sind. "Der Klimawandel ist dabei derzeit die größte Bedrohung der menschlichen Zivilisation", so Andreas Richter vom neu gegründeten Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft: Der Mensch habe nicht mehr die Zeit, darauf zu warten, was passiert.

"Der Norden lebt auf Kosten des Südens, aber auch auf Kosten der noch nicht Geborenen", sagte Michael Obersteiner vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg bei Wien. Die künftige Generation werde nicht "der Homo Imperator, sondern der Homo Reparator" sein – die Reparaturgesellschaft, die extrem hohe Kosten tragen würde.

Die Umweltökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien meinte, es werde nicht ausreichen, "vom Fleisch und Fliegen zu Fladenbrot und Fahrrad zu wechseln" – es gehe vielmehr darum, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu ändern. Die Preise, beispielsweise für Flugreisen, müssten korrigiert und "externe Effekte" eingerechnet werden. Das gehe etwa über eine CO2-Steuer, wie es sie in Schweden schon erfolgreich gibt. "Diese Maßnahmen müssten aber auch sozial abgefedert werden, da sie Einkommensschwache stärker treffen", so Stagl. Es gehe zudem um die Erarbeitung neuer Konzepte der Wirtschaftstheorie, welche die Ziele – im Hinblick auf Nachhaltigkeit – expliziter machen.

Die eineinhalbstündige Diskussion wurde kontrovers und spannend geführt, auch unter reger Teilnahme des Publikums. Moderatorin Marlene Nowotny (Ö1) moderierte die zahlreichen Fragen, die u.a. auch die gesellschaftlichen Freiheiten sowie die gefühlte Ohnmacht angesichts der Komplexität des Problems thematisierten. (Text: Heidemarie Weinhäupl und Lena Yadlapalli / Fotos: © Walter Skokanitsch)