Warum die StEOP besser als Netflix ist

"Ich lerne genauso viel wie die Studierenden. Nur muss ich darüber keine Prüfung mehr schreiben", resümiert LV-Leiterin Anke Charton vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft ihre Erfahrungen aus der StEOP. LV-Teilnehmerin Isabella Kaemmerer bloggt dazu aus "Publikums"-Sicht.

uni:view: Sie haben den Blogbeitrag von Isabella Kaemmerer gelesen, die darin über den Besuch Ihrer Vorlesung im Rahmen der Studieneingangs- und Orientierungsphase (StEOP) der Theater-, Film- und Medienwissenschaft berichtet. Was war Ihr erster Gedanke?
Anke Charton:
Schön, wenn etwas von dem, das man rüberbringen möchte, auch ankommt. (schmunzelt)

uni:view: "Nach fünf Minuten wusste ich, dass es sich mehr als ausgezahlt hatte, meine Netflix-Session zwei Stunden nach hinten zu verlegen", erinnert sich Kaemmerer an die erste Vorlesungseinheit. Was glauben Sie, was können Sie besser als Netflix?
Charton: Da ich in den ersten fünf Minuten nur "Guten Morgen" sage und sich dann gleich das erste Theaterhaus durch eine Sprecherin in der Vorlesung vorstellen lässt, bin nicht ich es, die besser als Netflix ist. (lacht) Da ich selbst kein Netflix habe, kann ich das schwer beurteilen. Aber wenn man Dinge gerne und aus Überzeugung macht, kommt das bei den Studierenden hoffentlich auch so an. Und ich mache die StEOP-Vorlesungen sehr gerne.

uni:view: Auch wenn es aufgrund der Größe eine herausfordernde Lehrveranstaltung ist?

Charton: Genau deshalb habe ich mich im Rahmen einer Weiterbildung beim Center for Teaching and Learning (CTL) intensiv mit der StEOP-Vorlesung auseinandergesetzt. Die Studierenden kommen aus den unterschiedlichsten Ecken, und ich möchte allen gerecht werden. Einige haben gerade die Matura hinter sich und sind das erste Mal an der Uni, andere haben bereits einen Abschluss oder ein anderes Studium ausprobiert oder kommen aus der Praxis. In der StEOP muss ich Basiswissen vermitteln, die Anforderungen für das Fach rüberbringen und eine möglichst gute Willkommensatmosphäre schaffen. Die Leute sollen sich motiviert fühlen, weiter zu studieren.

#steophack: Anke Charton gibt ihren Studierenden Rätsel in Form von Emojis auf. Dahinter verstecken sich u.a. Theaterstücke, die erraten werden müssen.

uni:view: Dafür haben Sie sich ein paar besonders innovative Formate überlegt, etwa #steophack und #unilifehack …
Charton:
Die Hashtags kommen daher, dass wir diese Formate zunächst über Twitter gespielt haben – mittlerweile läuft es über Moodle. Bei #steophack müssen die Studierenden z.B. ein Bild oder ein Emoji einem Theaterstück zuordnen. Das Ziel von #unilifehack ist hingegen, den Studierenden beizubringen, wie sie am Ende des Semesters einen möglichst kompetenten Eindruck hinterlassen. Dafür gebe ich ihnen praktische Tipps fürs Unileben.

uni:view: Welche Tipps sind das?

Charton: Zum Beispiel, wie man ein Mail an eine Lehrperson schreibt: Die Matrikelnummer muss auf jeden Fall enthalten sein, die Nachricht möglichst kurz und präzise formuliert und die Anrede angemessen sein. Den negativen Eindruck, den unvollständig oder schlecht formulierte Mails bei Lehrenden hinterlassen, kriegt man oft nicht mehr weg. Und das ist sehr schade. Auch wissen viele Studierende nicht, wie sie Moodle zu ihren Gunsten nutzen können. Lehrende sehen nämlich, wer sich wann einloggt und auf welchen Text klickt. Daher lautet mein Rat: Wenn ihr die Texte schon nicht lest, dann klickt sie wenigstens an!

Worum geht es im Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft? Wie läuft das Studium ab? Was macht man später damit? Hier finden sich grundlegende Informationen zum Studium Theater-, Film- und Medienwissenschaft.

uni:view: Holen Sie sich für diese Formate Feedback von den Studierenden?
Charton:
Die Ideen für die #unilifehack-Themen entstehen im Studienalltag und in der Interaktion mit den Studierenden. Ich habe festgestellt, dass es viele Sachen gibt, die Studierende nicht wissen, sich aber auch nicht zu fragen trauen. In der StEOP habe ich relativ wenig persönlichen Kontakt zu den Studierenden: Immerhin sind es im Sommer 200 bis 300 und im Winter 400 bis 500. Feedback gibt es aber trotzdem – und zwar über die Evaluierungen, die ich jedes Semester mache. Die Kommentare, die meist fachbezogen sind, greife ich auf und lasse sie in die Lehrveranstaltung einfließen.

uni:view: Wieviel Zeit nimmt die Vorbereitung in Anspruch?
Charton: Das hängt vom Thema ab. Oft kontrolliere ich anhand des Feedbacks vom Vorsemester, ob meine Taktik aufgegangen ist. Die Notizen, die ich bei der Korrektur von Klausuren mache, zeigen mir, ob die Inhalte bei allen angekommen sind. Wenn nicht, vertiefe ich das im Skript. Indem ich Blöcke von maximal zwanzig Minuten plane – länger kann man sich nicht konzentrieren – und verschiedene "Lehrkanäle" nutze, lockere ich die Vorlesung auf.

Auch lese ich die verwendeten Texte immer wieder selbst. Gewisse Aspekte, die letztes Jahr noch zweitrangig waren, sind jetzt gesellschaftspolitisch aktuell. Und ich versuche stets, Bezug zu nehmen: Uni – und auch Theater – soll nicht abgeschlossen in einem Raum passieren, sondern es muss immer eine Reaktion auf die Gesellschaft sein, in der wir leben oder leben wollen. Es geht um Mitgestaltung.

Im Blogbeitrag "Can’t StEOP me now: Theaterwissenschaft, die Spaß macht" berichtet die Studentin Isabella Kaemmerer von einer besonderen StEOP-Erfahrung: Die Vorlesung "Einführung in das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft" mit Anke Charton.

uni:view: Sie legen Wert darauf, Ihre Lehre diversitätsgerecht zu gestalten. Worauf achten Sie besonders?
Charton:
Es muss ein ständiger "Work in Progress" sein. Die eigentliche Frage ist: Was bedeutet Diversität im universitären Kontext eigentlich? Es gibt Sachen, die leicht umzusetzen sind, wie den Hörsaal barrierefrei zu gestalten oder immer ein Mikro zu verwenden. Da ich sehr schnell spreche, teile ich Schilder aus, auf denen in Großbuchstaben steht "Bitte langsamer sprechen!". Das wird dann bei Bedarf hochgehalten. (lacht)

Außerdem achte ich darauf, verschiedene Formate anzubieten – so ist es z.B. beim #steophack-Rätsel mal eine Bildquelle, mal ein Textzitat – und mich nicht nur auf weiße Autoren zu beziehen. Auch die soziale Herkunft ist ein Thema – der Großteil des Publikums im Hörsaal ist bürgerlich, weiß und mitteleuropäisch. Aber es gibt auch viele, die das nicht sind oder andere Bildungskontexte haben. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand aus einer Theaterfamilie kommt oder nicht – das fängt schon bei gewissen Formulierungen an.

uni:view: Sie beginnen jede Vorlesung mit "Gents, ladies and non-binaries"! Ist diese Ansage Programm?
Charton: Auch in einer Einführungsvorlesung geht es darum, den Studierenden reflektiertes, nicht dichotomes Denken nahezubringen. An der Uni erfahre ich nicht, wie ich eine Maschine bedienen kann, sondern wie ich diese Maschine auseinandernehmen, wieder zusammenbauen oder auch ganz anders bauen kann. Je mehr man diversitätsgerechte Sprache praktiziert, desto leichter fällt es und desto größer wird das Bewusstsein dafür. Deshalb lebe ich es vor und mache es zum Thema. Meine Studierenden müssen in ihren Texten und Arbeiten auf eine diversitätsgerechte Sprache achten – wie sie das machen und in welcher Form, ist aber ihnen überlassen.

uni:view: Wie lassen Sie die Forschung in Ihre Lehre einfließen?
Charton: Diese ist immer dabei, wenn es um wissenschaftliches Arbeiten geht. Es geht nicht darum, einen Text zu lesen und auswendig zu lernen, sondern sich zu überlegen: Was ist der Kontext? Was bedeutet das in diesem Kontext? Und natürlich nehme ich die Themen meiner aktuellen Forschungsarbeiten immer auch in die Vorlesung mit. Von meinem Kollegen Thomas Waitz habe ich z.B. die Methode der "Murmelgruppen" gelernt: Die Studierenden diskutieren mit ihren SitznachbarInnen über eine bestimmte forschungsbezogene Frage. Anschließend gehe ich mit dem Mikro durch und jede*r kann sich einbringen.

uni:view: Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Blogbeitrag über die Studierenden schreiben. Wie lautet der Titel?
Charton: "Herzlich Willkommen, schön, dass Sie da sind!" und der Untertitel wäre: "Diverses gegenseitiges Lernen". Denn ich lerne genauso viel wie die Studierenden. Nur habe ich das Glück, keine Prüfung darüber schreiben zu müssen. (lacht)

uni:view: Vielen Dank für das Interview! (ps)

Anke Charton lehrt und forscht am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und hält gemeinsam mit Klemens Gruber und Rayd Khouloki die StEOP-Vorlesung "Einführung in das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft".