Claudia Angele: Mit Lebensmitteln umgehen lernen

"Schulische Bildung kann Türen zu neuen Welten eröffnen", so Claudia Angele, seit Februar 2018 Assistenzprofessorin für Didaktik der Ernährung an der Universität Wien. Im Interview erzählt sie u.a., wie sich Studierende auf ihre zukünftige Rolle als LehrerInnen bestmöglich vorbereiten.

uni:view: Sie haben seit 2018 als habilitierte Assistenzprofessorin eine Tenure-Track-Stelle für den Bereich Fachdidaktik der Ernährung inne. Was ist der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit an der Universität Wien?
Claudia Angele: Mit der erstmaligen Besetzung einer Professur für die Didaktik der Ernährungswissenschaften hat die Universität Wien die Voraussetzungen zum Aufbau dieses Forschungsbereiches geschaffen. Damit wird ein eigenständiges Profil in Forschung und Lehre im Unterrichtsfach Haushaltsökonomie und Ernährung aufgebaut – in Kooperation und Vernetzung mit den an der LehrerInnenbildung im Verbund Nord-Ost (Anm.: LehrerInnenausbildung der Sekundarstufe für den Raum Wien/Niederösterreich: https://www.lehramt-ost.at/) beteiligten AkteurInnen und Institutionen.

Mein Schwerpunkt in der Lehre liegt derzeit u.a. in der Konzipierung und Durchführung der vertiefenden fachdidaktischen Lehrveranstaltungen im Master des Unterrichtsfaches sowie in inhaltlich-koordinierenden Aktivitäten, wie beispielsweise der Implementierung von Round Tables für Lehrende der Fachdidaktik sowie für MentorInnen, die in den pädagogisch-praktischen Studien des Unterrichtsfaches an Schulen tätig sind.

In der Forschung konzentriere ich mich auf die fachdidaktisch orientierte empirische Unterrichtsforschung, für die ich mich im Rahmen meiner Habilitationsschrift zur Ethnographie des Unterrichtsgesprächs qualifiziert habe. In einer vergleichsweise jungen wissenschaftlichen Disziplin wie der Fachdidaktik der Ernährung ist dieses Feld  äußerst vielfältig. Es gibt aber bereits erste, vor kurzem abgeschlossene Forschungsarbeiten: etwa die Entwicklung und Evaluierung von Lernarrangements zur aktuellen und brisanten Problematik der Lebensmittelverschwendung oder die qualitativ-empirische Untersuchung didaktischer Strategien zur Motivierung von Schülerinnen im Ernährungsunterricht.

"Wir brauchen gute LehrerInnen, damit SchülerInnen in Zukunft an den großen gesellschaftlichen Fragen kompetent teilhaben können. Dafür brauchen LehrerInnen eine gute naturwissenschaftliche Grundbildung", sind sich die Fachdidaktikerinnen Claudia Angele, Katharina Groß und Andrea Möller im Video einig. Im Rahmen ihrer gemeinsamen Antrittsvorlesungen blicken sie auf zukünftige fächerverbindende Forschungs­ und Lehrperspektiven sowie Unterrichtsentwicklungsprojekte.

uni:view: Was waren wichtige Meilensteine in Ihrem Werdegang? Was hat sie besonders geprägt?
Angele: Es war die persönliche Erfahrung in jungen Jahren, dass schulische Bildung einem neugierigen Kind, wie ich es war, Türen zu neuen Welten eröffnet und neben der Vermittlung von Wissen und Können auch zur Persönlichkeitsbildung beiträgt. Dafür braucht es aufmerksame WegbegleiterInnen, zu denen natürlich auch LehrerInnen gehören: LehrerInnen, die die Potenziale von jungen Menschen wahrnehmen, erkennen und fördern. Und ich hatte diese glücklicherweise in vielen Phasen meiner eigenen Bildungs- und späteren Berufsbiographie.

uni:view: Sie haben an der Pädagogischen Hochschule Weingarten studiert. Welche Momente sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Angele: Eine meiner ersten Vorlesungen in den Erziehungswissenschaften war zu Beginn meines Lehramtsstudiums – und zwar im geschichtlich für Deutschland sehr bedeutsamen Herbst 1989. Die Vorlesung setzte sich mit der Rolle der Pädagogin bzw. des Pädagogen im Kontext des schulischen Erziehungs- und Bildungsauftrags auseinander. Dass dabei auch auf die Bedeutung "personaler Kompetenzen" – so würden wir das heute im Fachjargon nennen – fokussiert wurde, hat mich nachhaltig beeindruckt. Die daran anschließenden Diskussionen mit dem verantwortlichen Professor führten zu einem bis heute (!) bestehenden, tiefgreifenden fachlichen Austausch. Besagter Professor hat später auch meine Dissertation mit betreut. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir auch Arbeitskreise sowie Aktivitäten im Kontext des interkulturellen und globalen Lernens. Hier gab es bereits in den 1990er Jahren eine sehr aktive Gruppe Studierender und Lehrender, die sich damit sehr konkret – auch mit Blick auf den jeweiligen Fachunterricht (z.B. zum Thema Fair Trade) – auseinandergesetzt hat.

"Der 'Stein der Weisen' kann im übertragenen, weiteren Sinne als ein altes Symbol wissenschaftlicher Erkenntnissuche und -gewinnung betrachtet werden. Diesen bemalten 'Stein der Weisen' habe ich 1998 von meiner allerersten Schulklasse als Klassenlehrerin zum Abschied geschenkt bekommen. Seither lag er auf den diversen Schreibtischen meines beruflichen und wissenschaftlichen Werdegangs, an denen ich nach 'winzigen Bruchstücken' von Verstehen und Erkennen geforscht habe", erzählt Claudia Angele. (© privat)

uni:view: Was ist Ihnen in Forschung und Lehre wichtig?
Angele: Mit Blick auf den Erwerb professionsbezogener Kompetenzen ist es die Verknüpfung von Forschung, Lehre und dem konkreten späteren Berufsfeld: Schule und Unterricht. Dafür muss man einerseits erkennen, welche fachdidaktischen Fragestellungen sich aus dem konkreten Praxisfeld Schule und Fachunterricht ergeben. Andererseits sollte die fachdidaktische Forschung die Entwicklung der Unterrichtsqualität des Fachunterrichts Haushaltsökonomie und Ernährung konkret unterstützen. So werden zum Beispiel forschungsbasierte Lernarrangements zu aktuellen Themen der Lernfelder Ernährung, Gesundheit, Haushalt und Konsum entwickelt, welche die Anbahnung von Urteils- und Handlungskompetenzen für die Lebensgestaltung bei SchülerInnen fördern.

Am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien sind die Österreichischen Kompetenzzentren für Didaktik (Austrian Educational Competence Centres - AECC) für die Fächer Biologie, Chemie und Physik als Plattform für Didaktik der Naturwissenschaften angesiedelt. Vor kurzem wurde das neue Lehr-Lern-Labor AECC Biologie eröffnet: Zum Fotonachbericht 

uni:view: Was geben Sie Ihren Studierenden mit, um sie auf ihre Aufgabe als künftige LehrerInnen bestmöglich vorzubereiten?
Angele: LehrerInnen des Unterrichtsfachs Haushaltsökonomie und Ernährung müssen u.a. fachwissenschaftlich und fachdidaktisch fundiert ausgebildet sein, um Unterricht in einem gesellschaftlich so relevanten Fach forschungsbasiert planen, durchführen sowie theoriegeleitet reflektieren und weiterentwickeln zu können. Für mich ist besonders wichtig, dass zukünftige LehrerInnen eine kritisch-konstruktiv fragende und zugleich forschende Haltung entwickeln – auch gegenüber ihrem eigenen unterrichtlichen und pädagogischen Handeln. Und: Haltungen der wertschätzenden Kommunikation, aber auch der fördernden und transparenten Anforderung gegenüber den jungen Menschen, die sie künftig im Bildungsprozess begleiten, sind für mich so bedeutsam, dass ich versuche, diese auch den Studierenden entgegenzubringen. Zumindest übe ich mich täglich darin.

uni:view: Worauf darf man bei Ihrer Antrittsvorlesung gespannt sein?
Angele: Auf eine spannende Antwortsuche auf die Frage, ob Ernährungsbildung satt macht, welche ich in verschiedenen Thesen – verknüpft mit aktuellen fachdidaktischen Forschungsarbeiten – angehen werde. Besonders freue ich mich darauf, dass wir Kolleginnen Andrea Möller, Katharina Groß und ich diese Antrittsvorlesung gemeinsam gestalten. Dadurch haben wir die sehr schöne Möglichkeit, auch Ausblicke auf zentrale fächerverbindende Forschungs- und Lehrperspektiven sowie Unterrichtsentwicklungsprojekte in den drei Fachdidaktiken zu geben.

uni:view: Danke für das Interview! (ps/red)

Claudia Maria Angele ist seit Februar 2018 Assistenzprofessorin für den Bereich "Fachdidaktik der Ernährung" am Department für Ernährungswissenschaften und am Zentrum für LehrerInnenbildung. Am Freitag, 25. Oktober 2019, hält sie um 17 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien ihre Antrittsvorlesung zum Thema "Macht Ernährungsbildung 
satt? – Ernährungsdidaktik im Kontext gesellschaftlicher Transformation". Auf der Veranstaltung werden auch Katharina Groß, Professorin für Didaktik der Chemie und Andrea Möller, Leiterin des Österreichischen Kompetenzzentrums für Didaktik der Biologie (AECC Biology), ihre Antrittsvorlesungen halten.