Migration in Südosteuropa: Trends, Daten & politische Maßnahmen

Während Österreichs Bevölkerung wächst – v.a. durch Zuwanderung – blicken die Länder Südosteuropas in eine von Abwanderung geprägte Zukunft. Im Rahmen eines groß angelegten EU-Projekts arbeiten ForscherInnen der Universität Wien mit den betroffenen Gemeinden zusammen.

Die ländlichen Regionen Südosteuropas schrumpfen. Das zeigen die zentralen Studienergebnisse des groß angelegten EU-Projekts "Managing Migration and its effects in South-East Europe" (SEEMIG), an dem über 20 Projektpartner – darunter die Universität Wien – beteiligt sind. Besonders in Bulgarien, Rumänien und Serbien wird dieser Trend auch künftig durch Abwanderung verschärft werden. Allein in Bulgarien sind rund 93 Prozent aller Regionen von Bevölkerungsrückgang betroffen, nur wenige größere Städte können den Bevölkerungsstand halten oder gar wachsen.

Österreich hingegen weist generell eine wachsende Bevölkerung auf, zurückzuführen auf ein deutliches Zuwanderungsplus, von dem vorwiegend die großen Städte und einige touristische "Hotspots" profitieren.

Breit aufgestellt

Das EU-Projekt SEEMIG vernetzt neben Forschungsinstitutionen auch statistische Ämter und Gemeinden aus insgesamt acht europäischen Ländern: Österreich, Bulgarien, Italien, Rumänien, Serbien, Slowakei, Slowenien und Ungarn. Dazu kommen sogenannte "beobachtende Partner" aus weiteren drei Ländern – Albanien, Georgien und der Ukraine.
 
Ziel des seit 2012 im Rahmen des Europäischen Transnationalen Kooperationsprogramms "South-East-Europe" laufenden Forschungsvorhabens war es, längerfristige demographische, arbeitsmarktrelevante und migratorische Prozesse im Raum Südosteuropa zu analysieren. Der Fokus lag dabei auf Arbeitsmigration. Das Team des Instituts für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien – unter der Leitung von Heinz Faßmann – begleitet das Vorhaben wissenschaftlich, betreut und koordiniert das ExpertInnenkonsortium und entwickelt Maßnahmen für den Politikdialog. SEEMIG trägt auch den Titel "Donau-Projekt" und ist damit Teil der EU-Strategie für den Donauraum (EUSDR).

Abwanderung hier, Zuwanderung dort

Im Rahmen des zweieinhalbjährigen Forschungsprojekts wurden für jedes teilnehmende Land Analysen über längerfristige Migrationsentwicklungen und über verfügbare Migrationsdatenquellen erstellt sowie Zukunftsszenarien erarbeitet. "Österreich, Italien und Slowenien lassen sich der Gruppe 'älterer Einwanderungsländer' zuordnen; Serbien, Rumänien und Bulgarien sind nach wie vor hauptsächlich Abwanderungsländer. Ungarn und die Slowakei nehmen eine Zwischenposition ein: Sie sind sowohl durch steigende Zuwanderung als auch durch Abwanderung geprägt", beschreibt Projektmitarbeiterin Elisabeth Musil von der Universität Wien die Forschungsregion: "Gerade deshalb ist es wichtig, alle diese Länder gemeinsam zu betrachten, weil sie durch Migrationsbewegungen eng miteinander verflochten sind – historisch und aktuell: Denn Abwanderung aus einem Land der Region stellt oft Zuwanderung in ein anderes Land der Region dar."

Auch auf subnationaler Ebene zeigen sich deutliche Differenzierungen in Abwanderungs- und Zuwanderungsregionen. Selbst in Abwanderungsländern wachsen manche Regionen, dies sind zumeist die Hauptstädte wie Belgrad oder Sofia, oder deren Umländer, wie im Fall von Budapest oder Bukarest. Wenn auch die beiden im Westen des Untersuchungsraums gelegenen Länder, Österreich und Italien, generell Bevölkerungswachstum verzeichnen, so zeigen sich auch dort Regionen mit Abwanderung und Bevölkerungsrückgang.

"Es ist davon auszugehen, dass sich die schon jetzt bemerkbaren regionalen Disparitäten weiter verschärfen werden – mit sozialen, ökonomischen und ökologischen Konsequenzen", so Projektmitarbeiterin Kathrin Gruber von der Universität Wien: "Umso wichtiger, dass Kommunen in Südosteuropa brauchbare Daten zur Verfügung haben, um regionale Trends abschätzen zu können."

Datenerhebung verbessern

Ein Schwerpunkt im Projekt lag darum auch auf der Verbesserung der Datenerhebung im Bereich Abwanderung. Bei der Analyse standen die ForscherInnen nämlich vor der besonderen Herausforderung, dass die teilnehmenden Länder verschiedene Systeme zur Datenerhebung verwenden. "Auch die statistischen Ämter arbeiten mit unterschiedlichen Definitionen und Konzepten", so Elisabeth Musil.

In Österreich kommen Bevölkerungsdaten aus dem Zentralen Melderegister, das vom Bundesministerium für Inneres verwaltet wird. "Serbien hingegen erhebt gar keine Daten zu Migrationsbewegungen. Daher mussten diese Zahlen im Projekt aus Volkszählungsergebnissen abgeleitet werden", veranschaulicht Kathrin Gruber.


Auch in Österreich und Italien, die generell Bevölkerungswachstum (grün) verzeichnen, gibt es Regionen mit Abwanderung und Bevölkerungsrückgang (braun). (Grafik: SEEMIG)



Wenn die Jungen gehen ...

Denn für die Politikgestaltung in den Ländern und Gemeinden sind brauchbare Daten von großer Bedeutung, um regionale Trends verstehen und gegebenenfalls Maßnahmen setzen zu können. Ziehen zum Beispiel junge Leute mehrheitlich nach Schulabschluss aus einer Region weg, wird die Bevölkerung immer älter. Dadurch stehen die Gemeinden immer mehr vor der speziellen Zukunftsherausforderung, die Daseinsvorsorge aufrecht erhalten zu können, so die ForscherInnen. Hier sind dann Maßnahmen durch die Kommunalpolitik, mit der sie im Projekt eng zusammenarbeiten, gefragt.

Transnationaler Blickwinkel

"In der Migrationsforschung ist der transnationale Blickwinkel besonders wichtig", betont Elisabeth Musil, "denn internationale Migration ist vom Wesen her immer grenzüberschreitend." Deshalb sei der Austausch zwischen Herkunfts- und Zielregionen von MigrantInnen bedeutsam. "Wir müssen in überregionalen Kontexten denken", bringt es der Projektleiter Heinz Faßmann, Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung, auf den Punkt.

Das Team der Universität Wien arbeitete im Projekt immer wieder eng mit ExpertInnen zusammen, die in den Datenproduktionsprozess involviert sind, selbst Daten zur Politikgestaltung anwenden oder sich mit unterschiedlichem Fokus mit Migration beschäftigen. Jetzt, gegen Ende des Projekts, ist das Wiener Team gerade dabei, die gesammelten Daten und Ergebnisse für die Politik und die institutionellen Datenproduzenten aufzubereiten. (td)

Das EU-Projekt SEEMIG wird im Rahmen des Europäischen Transnationalen Kooperationsprogramms "South-East-Europe" finanziert und läuft von 2012 bis 2014 mit acht Partnerländern – Österreich, Bulgarien, Italien, Rumänien, Serbien, Slowakei, Slowenien und Ungarn – und beobachtenden Partnern aus weiteren drei Ländern: Albanien, Georgien und Ukraine. Für Österreich ist die Universität Wien mit dem Institut für Geographie und Regionalforschung vertreten. Das Wiener Projektteam besteht aus: Heinz Faßmann (Projektleitung) und den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen: Elisabeth Musil, Kathrin Gruber, Daniela Blecha, Alois Humer, Markus Stupphann und Ramon Bauer. SEEMIG trägt auch den Titel "Donau-Projekt" und ist damit Teil der EU-Strategie für den Donauraum (EUSDR).