Rektorentafel der Universität Wien wird "ins licht gerückt"

Auf der linken Seite der Aula des Hauptgebäudes hängt die Rektorentafel, die alle Namen ehemaliger Rektoren auflistet. Eine neue Kunstinstallation beleuchtet nun dunkle Stellen der Vergangenheit der Universität Wien – im Mittelpunkt steht der Umgang mit der Eintragung der Rektoren der NS-Zeit.

Bele Marx und Gilles Mussard treten einen Schritt zurück und schauen zu einer der Lampen in der Aula des Hauptgebäudes der Universität Wien. Der Strahler, etwas zu dunkel, wird ausgetauscht. Denn der Titel der neuen Installation der beiden KünstlerInnen lautet "ins licht gerückt" – und betrifft die Rektorentafel auf der linken Aulaseite.


"Im Studienjahr 1958/59 beschloss der Akademische Senat unter Vorsitz des Rektors die nachträgliche Eintragung der Rektoren Knoll und Pernkopf aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Universität Wien distanziert sich nachdrücklich von Rektoren, die durch Antisemitismus, Rassismus, antidemokratische Einstellungen sowie Diskriminierungen jeder Art gegen den Geist einer humanen Gesellschaft verstoßen haben, und bekennt sich zur Mitverantwortung am Unrecht, das durch Vertreibung, Entlassungen und Aberkennung akademischer Grade zugefügt wurde."

So der Text, formuliert von der Universitätsleitung mit Unterstützung des Instituts für Zeitgeschichte, der in die von Marx und Mussard gestaltete Glassäule vor der Tafel eingelasert wurde und durch Licht auf deren Sockel übertragen wird. (Foto: BeleMarx&GillesMussard)

Zusätzlich zur Lichtinstalllation haben die beiden KünstlerInnen aus den eingemeißelten Namen der beiden Rektoren der NS-Zeit, die wie alle anderen Rektorennamen auf der Tafel vergoldet waren, das Gold entfernt.

Licht auf die Schattenwelt werfen

"Die Intervention und Kommentierung an dieser zentralen Stelle im Eingangsbereich des Hauptgebäudes ist eine wichtige Positionierung der Universität Wien zu ihrer demokratischen Grundhaltung und kritischen Distanzierung zu rassistischen und totalitären Strukturen und Regimen in der Vergangenheit", so Zeithistoriker Herbert Posch, der gemeinsam mit Linda Erker, Oliver Rathkolb und Friedrich Stadler zum Projekt historisch beraten hat.

Veranstaltungstipp:
Die neue Installation "ins licht gerückt" wird am Mittwoch, 19. April, eröffnet. Unter der Moderation von Klaus Taschwer sprechen die Historiker Friedrich Stadler und Oliver Rathkolb, die Publizistin Elvira M. Gross sowie die KünstlerInnen Bele Marx und Gilles Mussard um 18 Uhr in der Aula im Hauptgebäude der Universität Wien.
Zur Einladung (PDF) Anmeldung 

Mit ihrer Lichtinstallation möchten Bele Marx und Gilles Mussard auf die historischen Sachverhalte hinweisen, die übersehen, bewusst verdeckt oder lange Zeit ignoriert wurden. "Licht steht seit jeher für Weisheit, für die Befreiung aus Ideologie und Kurzsichtigkeit. In der Tradition der Lehre ist es das tragende Element – nicht erst seit dem Sonnengleichnis von Platon bzw. Sokrates. Gleichzeitig gibt es aber auch Dunkelheit und Schatten in unserem Leben und in der Geschichte – ein Beispiel ist die NS-Zeit", erläutert Gilles Mussard die Idee hinter dem Projekt.

"Allerdings geht es bei unserer Installation nicht ausschließlich um die beiden Rektoren zwischen 1938 und 1945. Es gibt auch davor und danach fragwürdige gesellschaftliche, politische und universitäre Entwicklungen und Namen. Darauf möchten wir mit der transparenten Glassäule hinweisen, deren Schatten je nach eigenem Standort unterschiedlich fällt. Wir möchten mit der Installation das Anliegen der Universität umsetzen, eine Diskussion anzuregen und die Leute einzuladen, sich die Leerstellen und Schatten genauer anzusehen", erläutert Bele Marx die künstlerische Konzeption.

Zur Historie der Rektorentafel
1892 wurden die Namen aller Rektoren erstmalig in der Aula des Hauptgebäudes in Marmor gemeißelt und fortan jeder Rektor nach Ende seiner Amtszeit eingetragen. Nach Ende einer Amtszeit eines Rektors wird seither traditionell dessen Name in latinisierter Form in die sogenannten "Rektorenfasten", die marmorne Gedenktafel im Foyer, in goldener Schrift eingemeißelt. Eine Ausnahme bilden die Jahre 1936 bis 1945. In dieser Zeit wurde dieses Ritual ausgesetzt. In der Nachkriegszeit nimmt die Universität die Tradition wieder auf. Es werden zunächst symbolisch zwei Zeilen für die NS-Zeit freigelassen, dann wird die Liste fortgesetzt. Die so entstandene "Lücke" wird jedoch vom Senat der Universität Wien unter dem Vorsitz des Rektors im Studienjahr 1958/59 wieder "gefüllt".

"Gruppenbild" und "Siegfriedskopf"

Das KünstlerInnen-Duo Marx und Mussard setzte bereits zuvor zwei künstlerische Projekte an der Universität Wien um, in denen sich die Uni der eigenen Geschichte stellt: Die Installation "Nobelpreis und Universität Wien – Gruppenbild mit Fragezeichen" und das Denkmal "Kontroverse Siegfriedskopf". "Nur durch eine kritische Aufarbeitung und Beleuchtung der eigenen Vergangenheit kann ein angemessenes Selbstverständnis in der Gegenwart mit Handlungsperspektiven für die Zukunft erreicht werden", erklärt Zeithistoriker Friedrich Stadler die Bedeutung ebensolcher Maßnahmen seitens der Universität.

Aus der Geschichte lernen

Glas und Licht bzw. Schatten verbindet alle drei von Marx und Mussard gestalteten Kunstwerke ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Universität, im Speziellen mit der NS-Zeit, wobei jedes Werk vollkommen anders umgesetzt wurde und unterschiedliche Themenschwerpunkte setzt. "Eine Freundin von uns sagte einmal treffend 'Kunst kommt von Müssen'. Im Zuge unserer Recherchen haben wir viele Zeitungsartikel aus den 1920er und 1930er Jahren gelesen und waren verblüfft, wie viele Parallelen es zu Aussagen in der heutigen Zeit gibt. Deshalb ist es wichtig, die Geschichte zu beleuchten – Kunst heißt Sichtbarmachen, ist ein Akt des Widerstands", erläutert das KünstlerInnen-Duo.

Kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte 

Auch der Universität Wien ist die "Beleuchtung" der eigenen Vergangenheit weiterhin ein Anliegen. Seit einigen Jahren setzt die Universität Wien Initiativen, die vielschichtigen Dimensionen des Nationalsozialismus an der eigenen Institution aufzuarbeiten. Zahlreiche Projekte wurden umgesetzt, so z.B. das Forschungsprojekt "Vertreibung der Studierenden 1938", das Provenienzforschungsprojekt der Universitätsbibliothek, die historische und künstlerische Kontextualisierung des "Siegfriedskopfes" oder die Gedenkveranstaltung anlässlich der Aberkennung und Wiederverleihung akademischer Grade.

Seit 2009 erinnert die Universität Wien mit dem Gedenkbuch an dieses Unrecht, und sie ist sich zugleich der Mitverantwortung für das unfassbare Leid bewusst, das den Angehörigen der Universität Wien damals zugefügt wurde. Die Namen der entlassenen, vertriebenen und entrechteten Frauen und Männer sind darin verzeichnet. Das handgeschriebene Gedenkbuch wird im Denkmal Marpe Lanefesh (übersetzt: Heilung für die Seele), dem ehemaligen jüdischen Bethaus des Allgemeinen Krankenhauses am Campus der Universität Wien aufbewahrt.

Eine weitere Initiative ist das 2006 gegründete "Forum Zeitgeschichte der Universität Wien" am Institut für Zeitgeschichte, wie Friedrich Stadler erklärt: "Das 'Forum Zeitgeschichte der Universität Wien' versteht sich als Forschungsplattform und Serviceeinrichtung für die dauerhafte Auseinandersetzung, die nicht nur anlässlich runder Jahreszahlen erfolgen soll." (mw)