Martin Luther King und die Politik der Gewaltlosigkeit

Heute vor 50 Jahren wurde der Bürgerrechtler Martin Luther King Opfer eines tödlichen Attentats, das eine Welle von Unruhen in den USA auslöste. uni:view sprach mit der Historikerin Birgitta Bader-Zaar über Sklaverei, Segregation und den Kampf um Gleichberechtigung im "Amerika unter Trump".

uni:view: Frau Bader-Zaar, Sie beschäftigen sich unter anderem mit der Geschichte der Sklaverei in Nordamerika. Wie ist der Zusammenhang zwischen dieser und der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung in den USA zu sehen?
Bader-Zaar: Beides ist eng miteinander verzahnt. Nach dem Ende der Sklaverei 1865 hat es zunächst so ausgesehen, als wäre eine gleichberechtigte Gesellschaft tatsächlich möglich geworden. Die ehemaligen SklavInnen haben versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Ganz wichtig war hier etwa die Gründung von Schulen oder eigenen Kirchen. Oft mussten sie aber erst einmal ihre Familien zusammenführen. Da SklavInnen immer wieder weiterverkauft worden sind, war das meist gar nicht so leicht. Problematisch war auch, dass die Regierung keine umfassende Verteilung von Land an SklavInnen vorsah, so dass sie sich kein Eigentum aufbauen konnten und meist wieder in Arbeitsverhältnisse zurückkehren mussten, die eigentlich der Sklaverei sehr ähnlich waren.

Auch der Rassismus spielte eine große Rolle. AfroamerikanerInnen wurden aus der Politik hinausgedrängt – sie konnten bald keine politischen Ämter mehr übernehmen und wurden an der Teilnahme an Wahlen gehindert. Dadurch fehlte ihnen die politische Repräsentation. Organisationen wie der Ku-Klux-Klan, der um 1865 entstanden ist, haben Schwarze zudem immer wieder terrorisiert. Aufgrund dieser Umstände hat sich eine völlig segregierte Gesellschaft entwickelt: Schulen, das öffentliche Leben, Verkehrsmittel – überall wurden AfroamerikanerInnen von Weißen getrennt. Das hat sich noch bis in die 1950er Jahre so hingezogen.

uni:view: Die Bürgerrechtsbewegung war also eine Reaktion auf die Segregation?
Bader-Zaar: Die Bürgerrechtsbewegung hat sich gegen Ende des 19. Jhdts. entwickelt, um gegen diese Ungerechtigkeiten vorzugehen. Sie reagierte vor allem auf einen berühmten Supreme Court-Fall ("Plessy vs. Ferguson") aus Louisiana 1896, bei dem es um ein Gesetz ging, das getrennte Waggons für BürgerInnen weißer und schwarzer Hautfarbe in Eisenbahnzügen vorschrieb. Die Frage war, ob dieses Gesetz gegen die US-Verfassung verstößt. Der Oberste Gerichtshof hat das verneint und damit Segregation unter bestimmten Voraussetzungen für zulässig erklärt. Das entsprechende Prinzip "separate but equal" wurde daraufhin zur Basis für die Trennung beider Bevölkerungsteile in den Südstaaten. AfroamerikanerInnen haben immer wieder versucht, gegen dieses Prinzip vorzugehen und es aufzuheben. Dies ist ihnen aber nur schrittweise gelungen. Erst 1954 wurde die Segregation durch ein Urteil im Fall "Brown vs. Board of Education", in dem es um den gemeinsamen Besuch öffentlicher Schulen ging, verboten.

uni:view: Warum erlebte die Bewegung gerade in den 1950er Jahren ihren Höhepunkt?
Bader-Zaar: Mitte der 1950er sind einige Aspekte zusammengekommen, die der Bewegung enormen Aufwind gegeben haben. Einer davon war das erwähnte Supreme Court-Urteil "Brown vs. Board of Education", ein anderer der Mord an dem afroamerikanischen Jugendlichen Emmett Till, der die Stimmung weiter aufheizte. Der Teenager wurde 1955 im Alter von 14 Jahren aus rassistischen Motiven brutal gefoltert und ermordet, weil er angeblich mit einer weißen Frau geflirtet hatte. Dieser Vorfall führte zu einem Aufschrei innerhalb der afroamerikanischen Bevölkerung – sowohl im Norden als auch im Süden. Und 1955 wurde Rosa Parks, eine Afroamerikanerin, in Montgomery, Alabama verhaftet, weil sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Ihr Fall führte zu einem wirksamen Busboykott und machte Martin Luther King, der in Montgomery Prediger bei den Baptisten war, zum Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung.

Generell war auch der Zweite Weltkrieg ein Faktor, der die Bewegung nachhaltig beeinflusst hat. Es haben viele afroamerikanische Soldaten in Europa mitgekämpft. Als diese in ihre Heimat zurückkehrten, mussten sie feststellen, dass ihnen auch nach dem Kriegsdienst immer noch die Bürgerrechte vorenthalten wurden.

 "Heutige PolitikerInnen könnten sich durchaus etwas von Martin Luther King abschauen. Er hat stets an seinen Idealen festgehalten und sich um politischen Konsens bemüht. Dass ihn das vehemente Eintreten für seine Überzeugungen letztlich das Leben gekostet hat, unterstreicht, wie notwendig es ist, BürgerInnenrechte als demokratisches Grundprinzip zu verteidigen", so Birgitta Bader-Zaar. (© privat)

uni:view: Inwiefern hat die Bewegung auch vom Auftauchen einer zentraler Führungsfigur wie Martin Luther King profitiert?
Bader-Zaar: Martin Luther King hat eine enorme Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Erstens war sein Status als Prediger sehr wichtig – dadurch begegnete man ihm mit Respekt und er konnte eine breite kirchliche Basis der Bewegung in den Südstaaten aufbauen. Zweitens haben seine unglaublichen rhetorischen Fähigkeiten eine wichtige Rolle gespielt. Seine Reden haben die Menschen sehr beeindruckt. Und drittens war auch die Art und Weise, wie er seinen Protest ausdrücken wollte, entscheidend: Er ist stets für ein gewaltloses Vorgehen eingetreten. Es gab schon vor Martin Luther King AktivistInnen, die sich für Gleichberechtigung einsetzten, vor allem im Rahmen der National Association for the Advancement of the Colored People (NAACP). Mit Martin Luther King als starke Führungsfigur gelang es, eine große Bewegung zu schaffen.

uni:view: Spielt auch das Aufkommen des neuen Mediums Fernsehen zu dieser Zeit eine Rolle für das Erstarken der Bewegung?
Bader-Zaar: Die Bürgerrechtsbewegung hat das damals noch neue Medium tatsächlich für eigene Zwecke eingesetzt, etwa bei den Auseinandersetzungen in Birmingham im Bundesstaat Alabama, wo es zu heftigen Demonstrationen kam. Dort gab es einen berüchtigten rassistischen Sicherheitsbeauftragten, der so weit ging, dass er gegen demonstrierende SchülerInnen mit Wasserwerfern und Hunden einschritt. Dieser Zwischenfall wurde medial in den gesamten Vereinigten Staaten verbreitet, was der Bewegung starken Auftrieb gegeben hat. Selbstverständlich haben aber nicht nur die BürgerrechtlerInnen das Fernsehen für Publicity genutzt. Auch die Gouverneure der Südstaaten sind regelmäßig mit ihren Reden im TV aufgetreten, um konträre Stimmung zu machen.

uni:view: Was hat die Bürgerrechtsbewegung für konkrete Erfolge vorzuweisen?
Bader-Zaar: Die wichtigsten Erfolge waren wohl der Civil Rights Act von 1964 und der Voting Rights Act von 1965. Dass diese beiden Gesetze schlussendlich verabschiedet werden konnten, ist zu einem gewichtigen Teil auch Martin Luther King zu verdanken. Mit seinem berühmten Marsch auf Washington hat er 1963 für einen der Höhepunkte der Bürgerrechtsbewegung gesorgt und es geschafft, dass sich über 200.000 Menschen versammelt haben, um gemeinsam gegen die Rassendiskriminierung aufzutreten. Martin Luther King verhandelte auch intensiv mit der Regierung über die Durchsetzung dieser Gesetze.

"I have a dream" (Ich habe einen Traum) – Mit seiner wohl berühmtesten Ansprache begeisterte der wortgewaltige Martin Luther King am 28. August 1963 beim Lincoln Memorial in Washington über 200.000 GegnerInnen der Rassentrennung. Sie gilt als eine der bedeutendsten Reden des 20. Jahrhunderts und hat stark zur Mythenbildung rund um seine Person beigetragen. Die gesamte Rede zum Nachlesen (PDF). (© Screenshot Youtube)

uni:view: Was zeichnet den Mythos Martin Luther King aus heutiger Sicht aus?
Bader-Zaar: Ich denke, was uns heute noch so fasziniert, ist diese besondere Politik der Gewaltlosigkeit – die Art und Weise, wie er es mittels friedlicher Demonstrationen geschafft hat, eine echte gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen. Vor Martin Luther King wurde das eher über Gerichtsfälle versucht – die breite Öffentlichkeit konnte man damit nicht so gut erreichen. Das hat sich dann unter der Führung von King drastisch verändert.

Der zweite Aspekt, der die Mythenbildung sicher auch angekurbelt hat, war die Tatsache, dass Martin Luther King als Märtyrer für die Sache der Gleichberechtigung gestorben ist. Er ist 1968 für seine Überzeugungen ermordet worden. Dass die Hintergründe dieses Attentats bis heute nicht hinlänglich geklärt werden konnten, hat sicherlich zu seinem Mythos beigetragen.

uni:view: Mit seinem engagierten öffentlichen Auftreten hat er sich wohl einige mächtige Feinde gemacht. Hatte er auch GegnerInnen innerhalb der eigenen Bewegung?
Bader-Zaar: Ja, einer der radikalsten Kritiker seiner Thesen und Strategien war Malcolm X. Im Gegensatz zu Martin Luther King setzte er sich aber nicht für eine gesellschaftliche Integration der AfroamerikanerInnen in den USA ein, sondern für eine Revolution. Malcolm X sah sich als Vertreter des Rechtes der Schwarzen auf Selbstverteidigung. Seine Botschaft war, dass man mit den Weißen nicht paktieren darf und sich vom Feind lösen muss, da man vom ihm keine Gerechtigkeit erwarten kann. Martin Luther King hat er abschätzig als "Onkel Tom" bezeichnet – einen freiwilligen Helfer der weißen Unterdrücker. Nach der Ermordung von Malcolm X entstand dann die Black Panther Party, die anfangs gemeinsam mit der verarmten weißen Unterschicht gegen wirtschaftliche Ausbeutung und Diskriminierung vorgehen und auch bewaffnet die AfroamerikanerInnen vor Polizeibrutalität schützen wollte.

uni:view: Was passierte nach dem Tod von Martin Luther King mit der Bürgerrechtsbewegung?
Bader-Zaar: Nach seinem Tod ist die Bewegung völlig zerfallen. Es hat keinen echten Nachfolger gegeben. Wer auch immer hinter dem Attentat gesteckt hat, hat sein Ziel erreicht und die Bewegung dadurch massiv geschwächt. Der Bruch innerhalb der Bewegung hat sich aber schon Mitte der 1960er Jahre abgezeichnet. Damals kam eine neue Generation von jüngeren radikaleren Mitgliedern auf, die militant für Selbstverteidigung statt Kooperation aufgetreten ist und sich mit dem gewaltlosen Protest nicht mehr zufriedengeben wollte.

uni:view: Wie steht es heute um die Situation der AfroamerikanerInnen in den USA?
Bader-Zaar: AfroamerikanerInnen haben heute in den USA viel mehr Möglichkeiten, vor allem am Arbeitsmarkt oder in Bezug auf Bildungszugänge. Dennoch hat etwa die Wahl von Donald Trump gezeigt, dass Rassismus auch heute immer noch ein großes Problem in den USA darstellt. Bewegungen wie "Black Lives Matter", die 2013 in sozialen Medien entstanden ist, haben zudem klargestellt, dass Polizeigewalt gegenüber Schwarzen weiterhin ein Thema ist. Der Rassismus äußert sich auch in Form einer eklatant hohen Anzahl inhaftierter schwarzer Männer. Diese werden viel öfter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt als Weiße.

Eine derart große Bewegung wie in den 1950ern gibt es allerdings heute nicht mehr. Das liegt auch daran, dass inzwischen die Probleme anderer Minderheiten in das Rampenlicht der Medien gerückt sind, insbesondere der sogenannten "illegalen" lateinamerikanischen MigrantInnen. Im Zentrum steht auch die Frage, wie mit MuslimInnen umgegangen werden soll. Die Gleichheitsproblematik hat damit eine völlig andere Ebene erreicht als in den 1950er Jahren.

uni:view: Hätte das Land nicht gerade jetzt einen Martin Luther King bitter nötig?
Bader-Zaar: Ich denke schon, dass dem Land eine starke Bewegung gut tun würde, die der aktuellen politischen Entwicklungstendenz nach rechts entgegentreten könnte. Grundsätzlich haben wir heute eine vollkommen andere Situation – die Gesetzgebung zur Gleichberechtigung ist ja da, es hapert aber an ihrer praktischen Umsetzung. Vor allem müssten effektive Sozialprogramme entwickelt werden. Im Amerika unter Trump passiert aber genau das Gegenteil. Die Obama-Administration hat bekanntlich mühsam eine verpflichtende Krankenversicherung durchgesetzt, die sowohl für schwarze als auch für weiße Arme eine wichtige Erleichterung bedeuten sollte. Trump hat schon im Wahlkampf versprochen, "Obamacare" wieder zu kippen und damit Millionen von AmerikanerInnen die Gesundheitsvorsorge zu streichen.

Es stellt sich aber auch die Frage, ob nicht auch in Europa eine starke BürgerInnen- oder Menschenrechtsbewegung notwendig ist, denn hier scheint Gleichheit staatlicherseits in Bezug auf MigrantInnen immer mehr unter Beschuss zu geraten. So ist in Dänemark kürzlich ein Plan zur Abschaffung sogenannter MigrantInnenghettos entwickelt worden, der u. a. Unterschiede im Strafmaß für Straftaten und eine Beschränkung des Rechts auf freie Niederlassung vorsieht. Es bleibt abzuwarten, ob eine kritische öffentliche Debatte hier ausreicht, um Gleichberechtigung zu verteidigen.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (ms)

Birgitta Bader-Zaar ist Assistenzprofessorin am Institut für Geschichte der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Zu ihren engeren Forschungsinteressen gehören die Geschichte des (Frauen-)Wahlrechts sowie der Grund- und Menschenrechte im Allgemeinen in vergleichender und transnationaler Perspektive in Europa und Nordamerika und die Geschichte der amerikanischen Sklaverei, insbesondere Selbstzeugnisse von SklavIinnen sowie die Antisklavereibewegung.