Macron – Surprise!

Emmanuel Macron hat die französische Präsidentschaftswahl für sich entschieden. Bedeutet das den Erfolg einer "neuen Politik"? Politikwissenschafter Andreas Pribersky analysiert Macrons Weg abseits ausgetretener Politikpfade in einem Gastbeitrag in uni:view.

In seiner Rede am Abend des Wahlsieges auf der Festbühne im Hof des Pariser Louvre hat Emmanuel Macron u.a. die Erwartung Europas, ja der Welt, einer "surprise française" angesprochen – einer Überraschung, die ihm seit der Gründung seiner Wahlbewegung "En Marche!" (EM!) im vergangenen Jahr wohl gelungen sein dürfte.

Der außerordentliche Weg Macrons vom Außenseiter, dem bei der Gründung von EM! im Vorjahr kaum Erfolgschancen gegeben wurden, zum Sieger der Präsidentschaftswahlen verdient eine detaillierte Analyse, zu der hier ein paar Stichworte skizziert werden – als Anregung, Macron darin zu folgen, auch die ausgetretenen Pfade politikwissenschaftlicher Analyse zu verlassen.

"Personalité" – Die Persönlichkeit …

… steht im Zentrum der Wahlkampagne: Das gilt besonders für ein politisches Amt wie das des französischen Staatspräsidenten, das in direkter Volkswahl vergeben wird. Dessen besondere Bedeutung für die präsidiale Verfassung der V. Republik wollte De Gaulle – deren Gründer und erster Präsident – durch die Einführung der Direktwahl absichern. De Gaulles Charakterisierung des Wahlkampfes als "Begegnung eines Mannes und eines Volkes" ist gerade im Wahlkampf 2017 viel zitiert worden: Die ist weniger auf die persönliche Eignung eines Kandidaten/einer Kandidatin als auf den Habitus gerichtet, der eine Person als präsidentiabel erscheinen lässt.

So wurde das Auftreten der Kandidatin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, in dem zweiten Wahlgang vorangegangenen TV-Konfrontation allgemein – auch von einigen ihrer ParteigängerInnen – aufgrund des Fehlens eines präsidentiablen Habitus negativ bewertet und hat zu Verlusten in den Umfragen geführt. Diese "Amtsfähigkeit" der KandidatInnen stand im Zentrum der Wahlauseinandersetzung.

Post-ideologische Politik

Die Gründung von EM! ist über die Funktion einer Sammlungsbewegung um den Präsidentschaftskandidaten hinaus – ein Charakteristikum der politischen Kultur Frankreichs der V. Republik – zur Überwindung von deren Links-Rechts-Gegensatz formuliert worden. Auf programmatischer Ebene kommt das in einem meist als "sozial-liberal" bezeichneten Konzept zum Ausdruck, das Positionen aus beiden Richtungen verbindet.

In diesem Zusammenhang erfüllt die Sammlungsbewegung eine symbolische Funktion, indem sie prominente VertreterInnen der Konservativen wie der sozialdemokratischen Linken vereint – so ist es Macron gelungen, ehemalige (Premier-) Minister ebenso wie amtierende Abgeordnete usw. aus beiden Lagern für seine Kampagne zu gewinnen.

Basis dieser Verbindung ist die Formulierung eines pragmatischen, an Problemlösungen orientierten Politikansatzes, der Sachpolitik ins Zentrum stellt. Gerade mit dieser pragmatischen Politik-Perspektive ist Macron eine breite Mobilisierung für EM! gelungen.

Die Kampagne als Community-Organising

Die Glaubwürdigkeit eines solchen pragmatischen Ansatzes hängt von dessen Kommunikation – vertreten durch die in der Kampagne engagierten – mit potentiellen WählerInnen ab. Zurecht wurde bereits in einigen Kommentaren die Kombination einer Analyse der Daten bisherigen Wahlverhaltens mit deren Umsetzung in einer direkten Kommunikation ebenso wie in sozialen Netzwerken als entscheidendes Merkmal erfolgreicher Wahlkampagnen hervorgehoben, wie sie exemplarisch in den US-Präsidentschaftswahlkampagnen Barack Obamas eingesetzt wurden.  

EM! hat darüber hinaus den Aufbau der Organisation als Teil der Kampagne organisiert, was zu einer wahrnehmbaren Beteiligung von Personen aus unterschiedlichen professionellen und zivilgesellschaftlichem Hintergrund führte; diese Beteiligung wurde auch durch die schritt-/ bzw. kapitelweise Entwicklung bzw. Veröffentlichung des Programms unterstützt.

Auch der überraschende Erfolg von Jean-Luc Mélenchon, der als Kandidat einer linken Sammlungsbewegung angetreten ist und die Stichwahl nur knapp verfehlte, wird auf diese Form der Verbindung sehr unterschiedlicher politischer Initiativen zurückgeführt.

Symbolische Politik

Verbunden werden diese verschiedenen Elemente der Kampagne von EM! durch eine konsequente, einheitliche Symbolik, die vom Schriftbild über die graphische Gestaltung bis zu den Veranstaltungen und den multimedial präsentierten Kampagne-Ereignissen reicht (auch darin mit Mélenchons Bewegung ident).

Im idealtypischen Fall – dem Macron wohl nahgekommen ist – präsentiert der Kandidat in seinem Auftreten eine nicht bloß inhaltliche, sondern ebenso sehr an der Kampagne-Ästhetik orientierte, stilistische Synthese, mit der er die Authentizität seiner Botschaft vermittelt. Diese Synthese wird durch Verweise auf das positive Image von Amtsvorgängern – im Fall Macrons durch direkte Referenzen auf zwei seiner Vorgänger, De Gaulle und Mitterand – unterstützt, die zugleich die Überwindung ideologischer Gegensätze symbolisiert.

Eine Kampagne-Symbolik, die auch eine Entwicklungsperspektive der politischen Bewegung mit der biographischen Erzählung des Kandidaten verbindet, wird damit zu einem Kampagne-Narrativ verdichtet, an dem die AnhängerInnen durch die Gestalt(ung) des Kandidaten, des "Helden" der Erzählung, beteiligt werden.

In seinem langen Fußweg durch den Hof des Louvre auf die Siegerbühne hat Emmanuel Macron diesen Vorgang – in Verbindung mit architektonischen (die Pyramide) und habituellen (der Fußweg bei dessen Inauguration) Verweisen auf François Mitterand – metaphorisch inszeniert und den gemeinsamen Weg zu seiner Präsidentschaft für seine AnhängerInnen sichtbar gemacht.

Ein veränderter Politikbegriff

Ob und inwieweit dieses Konzept auch zu einem Erfolg bei den anstehenden Parlamentswahlen führt, werden wir in wenigen Wochen erfahren. Es kann aber schon jetzt, allein aufgrund des deutlichen Erfolges gegen eine rechtsextreme Kandidatin, als bemerkenswertes Resultat eines "neuen" Politikverständnisses angesehen werden.

Diesem veränderten Politikbegriff kann die politikwissenschaftliche Analyse nur folgen, indem sie Themen wie die Inszenierung von Politik und deren symbolische Repräsentation ebenfalls zu zentralen Fragen macht.

Zum Autor:
Dr. Andreas Pribersky forscht und lehrt im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Visual Studies in den Sozialwissenschaften" am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Er hatte Gastprofessuren am Institut d'Études Politiques in Lyon und der University of New Orleans. Seine Forschungsschwerpunkte sind Visuelle Politik, Politische Symbole und Rituale sowie Politische Kultur(en) Mitteleuropas.