Gedenkjahr 2018

2018 ist für Österreich ein Gedenkjahr. In vielerlei Hinsicht. Wir gedenken im Kontext des Jahres 1918 geschichtlichen Entwicklungen und historischen Ereignissen, die Österreich zu dem machten, was es heute ist: eine demokratische Republik.

Die demokratische Republik Österreich hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Bis vor 100 Jahren regelten vor allem MonarchInnen die Geschicke des damaligen Kaiserreichs. Nur ausgewählte BürgerInnen hatten ein wenig Mitspracherecht – vor allem nicht in politischen Belangen. Den Anstoß für Veränderung brachte das Revolutionsjahr 1848. In ganz Europa kam es zu Protesten gegen die vorherrschende Armut und die undemokratischen Herrschenden. In Österreich forderten die Revolutionäre eine Verfassung.

Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien zum Gedenkjahr: "Das Erinnerungsjahr 2018 ist deswegen so bedeutend, da wir derzeit international, aber auch in Europa deutlich erodierende Entwicklungen in unserer parlamentarischen Demokratie sehen, die autoritäre Regimeformen wieder akzeptabel zu machen scheinen. Daher ist es wichtig, sich mit dem langen Weg zur Demokratie in Österreich und in Europa auseinanderzusetzen, beginnend mit der meist verdrängten erfolgreichen Gründungsphase 1918/1919-1920 ebenso wie mit dem Verfassungsbruch 1933 und der endgültigen totalitären Machtübernahme durch den Nationalsozialismus 1938. Nur wer über eine profunde historische Basis verfügt – das zeigen empirischen Meinungsumfragen – erkennt leichter und bewusster antidemokratische Entwicklungen und ist besser gegen autoritäre Einstellungen gewappnet."

Parlamentarische Anfänge

Aus den Mühen der Revolution sollte ein Reichstag entstehen, der nie verwirklicht wurde. Von einer politischen gleichberechtigten Beteiligung war Österreich damals noch weit entfernt und Kaiser Franz Joseph regierte ein weiteres Jahrzehnt absolut. Erst 1861 entstand mit dem Februarpatent eine Art Parlament: ein Reichsrat aus Herren- und Abgeordnetenhaus. 1873 wurden die Abgeordneten erstmals direkt gewählt. Einige Männer und in seltenen Fällen auch Frauen, durften gleichermaßen wählen – allerdings nur, wenn sie einer sogenannten Kurie angehörten.

Wahlrecht wirklich für alle

Das Allgemeine Männerwahlrecht im Jahr 1907 hob die ungerechte Benachteiligung der mittellosen Bevölkerung auf, schloss aber Frauen für die nächsten elf Jahre weiterhin aus den politischen Entscheidungen aus. 1918, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Theorie des demokratischen Prozesses auch in die Praxis umgesetzt. Das Jahr brachte die Gründung der Ersten Republik und das umfassende Wahlrecht für Frauen.

Das Zerbrechen der Republik

Aber die junge Republik kam selbst nach der Verlautbarung der Bundesverfassung von 1920 nicht zur Ruhe. Autoritäre Vorstöße der österreichischen Regierung und der Verfassungsbruch 1933 führten Österreich in die Phase des "Austrofaschismus", die 1938 im Anschluss an das nationalsozialistische Deutsche Reich endete. Die Republik war bereits mit dem Austrofaschismus zerbrochen und Österreich erlangte erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Ausrufung der Zweiten Republik seine Unabhängigkeit zurück.

Die Universität Wien setzt einen Schwerpunkt zum Thema "Anschluss" 1938 mit dem Ziel, in allen Studienrichtungen die Verfolgung von Lehrenden und Studierenden aufgrund jüdischer Herkunft sowie anderer politischer Gründe zu thematisieren und die Langzeitfolgen nach 1945 zu analysieren.

uni:view beleuchtet im Dossier "Gedenkjahr 2018" Themen wie die Einführung des Frauenwahlrechts und Österreichs zur Zeit des "Anschluss" aus wissenschaftlicher Perspektive. Der Auftaktartikel entstand mit fachlicher Unterstützung von Linda Erker und Oliver Rathkolb vom Institut für Zeitgeschichte der philosophischen Fakultät.

VERANSTALTUNGSTIPP: "Anschluss" im März 1938: Nachwirkungen auf Medizin und Gesellschaft
Das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und die Medizinische Universität Wien veranstalten am 12./13. März 2018 ein historisches Symposion zu den Langzeitfolgen des "Anschlusses" 1938 für die Universität Wien, dabei werden auch aktuelle Entwicklungen thematisiert.
Weitere Veranstaltungen zum Gedenkjahr finden Sie auf der Website des Instituts für Zeitgeschichte.