Nachschau des Charlotte-Bühler-Symposiums
Gastbeitrag der Fakultät für Psychologie | 26. Mai 2015Am 1. Mai ging das zweitägige Charlotte-Bühler-Symposium mit dem Titel: "New insights into current attachment research" zu Ende. Die Veranstaltung wurde vom Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie im Rahmen der 650-Jahresfeierlichkeiten der Universität organisiert.
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Der Sitzungssaal des Alten Rathauses der Stadt Wien bot das Ambiente für das Charlotte-Bühler-Symposium 2015, das im Rahmen der 650-Jahres-Feierlichkeiten der Universität Wien vom Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie unter Beteiligung internationaler Gäste aus den USA, Portugal, Israel, Deutschland und der Schweiz durchgeführt wurde.
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Mit einem historischen Rückblick auf die relativ kurze Geschichte der Fakultät für Psychologie der Universität Wien, die 1922 begann und schon 1923 durch Charlotte Bühler und der Etablierung einer entwicklungspsychologischen Forschungsabteilung bereichert wurde, eröffnete Dekan Germain Weber das nunmehr zweite Charlotte-Bühler-Symposium der Fakultät.
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Lieselotte Ahnert, Professorin und Leiterin des Arbeitsbereiches Entwicklungspsychologie an der Fakultät für Psychologie in Wien, erläuterte, warum Beziehungen und Bindungen – damals wie heute – einen wichtigen Stellenwert in der Erforschung der menschlichen Psyche und ihrer Herausbildung einnehmen, und warum sie sowohl in Sigmund Freuds, wie auch später in Charlotte Bühlers Denken eine große Rolle gespielt haben.
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Das Charlotte-Bühler-Symposium "New insights into current attachment research" wurde aber auch Klaus Großmann anlässlich seines 80. Geburtstages und seiner Frau Karin Großmann gewidmet. Nach langanhaltenden USA-Studienaufenthalten in den frühen 80er Jahren brachte der Jubilar die Bindungsforschung nach Zentraleuropa, die die führendste Theorie über sozial-emotionale Entwicklungsprozesse hervorgebracht hat.
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Eine der Besonderheiten dieses Symposiums bestand darin, dass Wiener JungwissenschafterInnen die internationalen Gäste vorstellten und moderierten. So führte Barbara Supper durch den ersten Themenschwerpunkt "Mysteries around attachment and their inner working models" mit Vorträgen von Howard Steele (New School for Social Research, NYC/USA), ...
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Peter Zimmermann (Universität Wuppertal) und Lieselotte Ahnert (Universität Wien).
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Da ein Catering im denkmalsgeschützten Ambiente des Alten Rathauses nicht gestattet ist, wurde die Pausenversorgung im Restaurant "Ellas" am Judenplatz realisiert, das gleichzeitig zu einem angenehmen Ort für Pausengespräche bei sonst durchwachsenem Wetter wurde; hierbei wurden auch neue Forschungsaktivitäten ausgelöst.
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Der Nachmittagsschwerpunkt "Challenges in early development and how they are linked to attachments" wurde von Andrea Witting eingeführt. Sie moderierte zunächst den Vortrag von Fabienne Becker-Stoll (IFP München), danach die Forschungsbeiträge der Wiener Entwicklungspsychologie.
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Aus der Wiener Forschung stellten an diesem Nachmittag Tina Eckstein-Madry, Barbara Supper und Nina Ruiz ihre Dissertationsprojekte über Erzieherin-Kind- und Vater-Kind-Bindungen vor. Dabei wurden die Entstehungsbedingungen dieser wichtigen Bindungsmuster im Leben von Kindern und deren Einflüsse auf die kindliche Entwicklung erläutert.
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Die Beiträge der Wiener Entwicklungspsychologie wie auch die praxisbezogenen Schwerpunkte der Bindungsforschung spielten auf diesem Symposium eine große Rolle, wobei Möglichkeiten wie Grenzen der bisherigen Erkenntnisse sorgfältig aufeinander bezogen und ausgelotet wurden.
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Den Abschluss dieses ersten Symposiumstages bildete schließlich der Vortrag von Hermann Scheuerer-Englisch, der als langjähriger Leiter der Erziehungsberatungsstelle der katholischen Wohlfahrtsorganisation in Regensburg deutlich machen konnte, wie praxisrelevant die Bindungsforschung eingesetzt werden kann.
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Der zweite Symposiumstag wurde von Klaus Vavrik, Vorsitzender der Österreichischen Liga für Kindergesundheit, sowie Hedwig Wölfl eröffnet, die kürzlich die Leitung des Kinderschutzzentrums "Die Möwe" übernommen hat. In leidenschaftlichen Ansprachen plädierten beide für die Bindungsförderung zum Schutze der Gesundheit und des Wohlbefindens der Kinder.
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Tina Eckstein-Madry moderierte am zweite Symposiumstag den Themenschwerpunkt "If attachments do not evolve as they schould", der durch Isabel Soares (Universität Minho in Braga/Portugal) über Bindungsstörungen bei elterngelösten Kindern eingeleitet wurde.
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Gottfried Spangler (Universität Erlangen-Nürnberg) imponierte mit der Darstellung der bisher einzigen umfassenden Studie zu Pflegeeltern-Kind-Beziehungen in Deutschland. Andrea Witting erläuterte nachfolgend ihr Dissertationsvorhaben am Wiener Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie über die Bindungserfahrung von frühgeborenen Kindern.
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Die Pausen wurden auch für Informationen am Buchstand genutzt, wo u.a. zwei Publikationen einzusehen und zu erwerben waren, die die Wiener Entwicklungspsychologie erst jüngst herausgegeben hat: "Theorien in der Entwicklungspsychologie" (Springer Verlag) wie auch "Charlotte Bühler und die Entwicklungspsychologie" (Vienna University Press).
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Die Moderation des letzten Nachmittags übernahm Nina Ruiz. Mit dem Themenblock "The power of correcting and repairing attachments" und den Beiträgen von Miriam Steel (New School for Social Research in New York City) und Gerhard Suess (Hochschule für Sozialarbeit in Hamburg) wurden nun Interventionsprogramme auf den Prüfstand gestellt.
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Mittlerweile stattete auch die Bundesministerin Sophie Karmasin dem Charlotte-Bühler-Symposium im Sitzungssaal des Alten Rathauses einen Besuch ab.
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Mit Aufmerksamkeit vernahmen die TeilnehmerInnen dieses Symposiums, dass Karmasin nicht nur seit 2013 das Bundesministerium für Familie und Jugend übernommen hat und dort mit klaren sozial-politischen Programmen zugunsten der Familien aufwartet, sondern dies auch durch eine eigene Psychologie-Ausbildung authentisch vertritt.
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Bundesministerin Karmasin konzentrierte sich in ihrer Grußbotschaft auf den Einfluss der Bindungsforschung auf die frühe Bildung und machte dies zum Kernstück der Qualitätsdebatte, die sie gegenwärtig für die Kindereinrichtungen Österreichs mit länderübergreifenden neuen Maßnahmen verfolgt.
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Der letzte Beitrag vermittelte eine hochbrisante, intensiv diskutierte Thematik, die von Avi Sagi Schwarz (Universität Haifa) vorgestellt wurde. Die Frage, ob die Beschädigung des Vertrauens in andere Menschen durch den Holocaust Auswirkungen auf die nächsten Generationen hervorgebracht hat, konnte durch eine umfassende und sorgfältig durchgeführte Forschungsstudie verneint werden.
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Zum Ausklang eines intensiven wissenschaftlichen Austausches auf dem Charlotte-Bühler-Symposium wurden alle Gäste in die Theater Tribüne im Souterrain des Café Landtmann geladen, wo der Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie eine Überraschung vorbereitet hatte: ein Kabarett, das Themen aus der Bindungsforschung in einem anderen Gewand zeigte.
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"Da lachen die Hühner" ist ein Kabarett, das im Jahr 1929 am Institut für Psychologie vom Team der Charlotte Bühler in Szene gesetzt wurde und dabei Forschungsthemen aus der damaligen Psychologie persiflierte. Für den Abschluss des Charlotte-Bühler-Symposiums 2015 wurden fünf Bilder des Kabaretts auf die Bindungsforschung orientiert, durch ein Nummern-Girl angekündigt und vom gesamten Arbeitsbereich Entwicklungspsychologie aufgeführt.
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Das Kabarett endete mit einer Hommage an die bahnbrechenden Längsschnitt-Studien der Großmanns, deren Ergebnisse heute weltweit in keinem Lehrbuch der Entwicklungspsychologie fehlen dürfen. Im "Goldenen Ochsen" der Stadt Regensburg, die den Hauptaustragungsort der Großmann'schen Forschung repräsentiert, treten fünf Familien aus jeweils fünf zentralen Studien in den Erfahrungsaustausch und gewinnen damit noch einmal ganz neue Erkenntnisse.
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Klaus Großmann sprach auf dem Schluss-Bankett in der BelEtage des Cafè Landtmann über die Widerstände, mit denen sich die Bindungsforschung in ihren Anfängen auseinandersetzen musste und darüber, wie sorgfältige Verhaltensbeobachtungen gepaart mit vielfältigen multi-methodalen Zugängen gegenüber den ausschließlich experimentell-behavioristischen Wissenschaftsdenken heute in hohem Ansehen stehen.
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Am Nachfolgetag des Charlotte-Bühler-Symposiums 2015 fanden schließlich "Meet-the-Scientist"-Sessions mit Wiener Diplom- und Master-Studierenden statt, deren Abschlussarbeiten in der Bindungsforschung angesiedelt sind. Hier diskutierten Studierende mit Klaus und Karin Großmann über methodische Varianten der Bindungsforschung im kulturellen Vergleich. (Text: Lieselotte Ahnert, Fotos: Mario Supper/Fakultät für Psychologie)
Eine repräsentative Auswahl international renommierter BindungsforscherInnen mit Steele & Steele, New York/USA, Soares, Braga/P, Sagi-Schwarz, Haifa/I, Ahnert, Wien/Ö; Zimmermann, Becker-Stoll, Spangler, Scheuerer-Englisch & Suess, Wuppertal bis München/D traten auf. Über 100 Gäste aus Deutschland, der Schweiz und ganz Österreich hatten sich angemeldet, um gemeinsam mit den ebenfalls über 100 Studierenden der Wiener Psychologie im barocken Sitzungssaal des Alten Rathauses die Vorträge zu hören. Auch stellte der Auftritt von Bundesministerin Sophie Karmasin, die dem Symposium am letzten Nachmittag mit einer Grußbotschaft einen Besuch abstattete, einen besonderen Höhepunkt dar.
Downloads:
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Programm-Buehler-Symposium.pdf
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Rezension-Da-lachen-die-Huehner-2015.pdf
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