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Ronald Miletich: Mineralogie als moderne Materialwissenschaft

Marion Wittfeld (uni:view)
6. Dez 12
Der Kristallograph Ronald Miletich experimentiert mit kristallinen Festkörpern und Materialien aus unserem Erdinneren.
"Mineralogen stauben im Museum Steine ab." So lautet ein mancherorts verbreitetes Klischee, mit dem der neue Professor für Mineralogie und Kristallographie Ronald Miletich aufräumen möchte.

Ob das Ceranfeld auf dem heimischen Herd oder Knochenersatzmaterialien – in vielen High-Tech-Produkten werden heutzutage synthetische kristalline Verbindungen verwendet. "Wir beschäftigen uns nicht nur mit Mineralien aus der Natur, sondern auch mit künstlich hergestellten Mineralphasen", stellt Ronald Miletich die Relevanz seines Fachs heraus: "Wenn zum Beispiel für das Display eines neuen Smartphones eine Verbindung mit bestimmten Eigenschaften gesucht wird, dann kann ich als Kristallograph zum strukturellen Aufbau zur möglichen Herstellung neuer und innovativer Materialklassen beitragen."
 


Privat begeistert sich Ronald Miletich für Japan und die japanische Kultur. "Ich war in den letzten zehn Jahren regelmäßig beruflich in Japan, und habe zurzeit auch einen Japanisch-Kurs an der Volkshochschule belegt." Seine Terrasse in Wien spiegelt diese Leidenschaft wider: Dort befinden sich mehrere Bonsai-Bäume, die der Kristallograph unter anderem aus Japan mit nach Österreich gebracht hat: "Hier kann ich mich besonders gut kurzfristig entspannen!" (Foto: Ronald Miletich)



Den gebürtigen Wiener freut es besonders, dass durch die neue Professur Mineralogie und Kristallographie, die er seit Februar 2011 innehat, seinem Fach eine zentralere Rolle zukommt. "An vielen Universitätsstandorten ist die Kristallographie eher ein Randgebiet geworden. In Zeiten des zunehmenden Abspeckens muss man sich dort fast verteidigen, weshalb man als sogenanntes 'Orchideenfach' noch nicht wegrationalisiert wurde. An der Universität Wien ist das glücklicherweise anders."

"Kind der Alma Mater"

Mit der Professur schließt sich für den 45-jährigen ein Kreis: "Da ich selbst ein Kind dieser Alma Mater bin, ist die Berufung an der Universität Wien für mich etwas ganz besonderes. Ich habe hier studiert und promoviert, und komme nun wieder zurück an den Ort, wo meine Wurzeln sind. Das ist eine einzigartige Chance, und ich freue mich, hier forschen und lehren zu können."


Materialien unter Extrembedingungen

In seiner Forschung beschäftigt sich der neue Professor unter anderem mit kristallinen Festkörpern und Materialien in unserem Erd- bzw. Planeteninneren "am Limit der Existenz". Denn die Materialien sind dort Extrembedingungen wie hohem Druck und hohen Temperaturen ausgesetzt. "Ich stelle diese Bedingungen in experimentellen Simulationen nach. So kann man an einer Probe – auch wenn diese vielleicht nur so groß wie ein Staubkorn ist – sehen, wie sie auf diese Bedingungen reagiert", erklärt der Wissenschafter, und verdeutlicht sein Forschungsinteresse folgendermaßen: "Wie optimiert sich die atomare Anordnung der Materialien auf veränderte Umstände – entstehen beispielsweise neue atomare Konfigurationen oder neue chemische Bindungsverhältnisse und so vielleicht sogar bislang unbekannte Materialien mit unerwarteten Eigenschaften?" Das Ziel ist es, Grundlagenkenntnisse vom Verhalten und den Eigenschaften von Materialien unter außergewöhnlichen, aber definierten Bedingungen zu erlangen.
 


Malerei gehört zu den privaten Leidenschaften des neuen Professors. "Früher habe ich mir den Zeichenblock geschnappt und bin für eine Woche auf  Stromboli oder eine andere Äolische Insel gefahren. Heutzutage ist das schon fast wieder ein in unendliche Ferne gerückter Traum." Hier ein Gemälde des Wissenschafters. (Foto: Ronald Miletich)



In einem unbekannten Land


Immer wieder überrascht zu werden, fasziniert Ronald Miletich besonders an seinem Beruf als Wissenschafter. "Natürlich erhält man nicht jeden Tag unvorhersehbare Ergebnisse, aber wenn, dann freut es mich sehr. ForscherInnen betreten ja immer wieder Neuland. Ich vergleiche es gerne mit einer Expedition in eine unberührte Landschaft, wo noch kein Mensch vorher gewesen ist. Man weiß nicht, was passiert, wenn man um diese oder jene Ecke biegt."

Damals die Entscheidung: Erdwissenschaften oder Kunstakademie

Während sich der Wissenschafter beruflich mit geordneten Strukturen beschäftigt, geht es privat eher "wild" zu. Malerei gehört zu Ronald Miletich Hobbys, die er selbst als expressiv und dynamisch beschreibt: "Den Pinsel in die Hand zu nehmen und sich auszutoben, ist, wenn es die Zeit zulässt, immer wieder toll." Allerdings finden sich in seinem Büro keine selbst gemalten Bilder – aus gutem Grund: "Ich trenne Arbeit und Privatleben, soweit dies möglich ist, strikt", erzählt Ronald Miletich und räumt zugleich schmunzelnd mit einem weiteren Klischee über MineralogInnen auf: "Ich habe auch zu Hause keine beleuchtete Vitrine mit Mineralien. Das enttäuscht mitunter manche Gäste, die uns zu Hause besuchen." (mw)

Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Ronald Miletich-Pawliczek, stv. Leiter des Instituts für Mineralogie und Kristallographie, zum Thema "Wege aus der Ausweglosigkeit. Kristalline Materialien unter Extrembedingungen" findet am Freitag, 14. Dezember 2012, um 18 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien statt.