Mira Kadric-Scheiber: "Dolmetschen als Dienst am Menschen"

Sie widmet sich vor allem dem "vernachlässigten Dolmetschen". Aktuell untersucht sie den Einfluss der Technik auf die Kommunikation. Mira Kadric-Scheiber ist seit Oktober 2011 Professorin für Dolmetschwissenschaft und Translationsdidaktik – an der Universität Wien forscht sie seit 15 Jahren.

uni:view: Was hat sich mit dem Antritt der Professur für Sie verändert?
Mira Kadric-Scheiber: In der täglichen Arbeit wenig. Die Verantwortung für das Gesamte ist aber größer geworden. Ich empfinde die Berufung als Auszeichnung und Verpflichtung gegenüber der Institution und den Studierenden.

uni:view:
Welche Herausforderungen bringt die neue Professur mit sich?
Kadric-Scheiber: Die Gesellschaft und die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, wie wichtig Translation ist. Und wie wichtig die Ausbildung für Sprachen wäre, für die es momentan noch keine Ausbildung gibt, aber großer Bedarf besteht. Reibungslose Kommunikation ist nicht nur für einzelne Menschen wichtig, sondern auch für das Funktionieren staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen, die in ihrer Arbeit auf anderssprachige Menschen treffen. Translation ist für die Gesellschaft insgesamt von Bedeutung. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, auch in Sparzeiten möglichst vielen Menschen den Weg zur Bildung offen zu halten.

uni:view: Sie sind nach Ihrem Studium an der Universität Wien geblieben. War die universitäre Laufbahn mit dem Ziel "Professorin" geplant?
Kadric-Scheiber: Bei der Wahl des Übersetzungs- und Dolmetschstudiums habe ich nicht an eine akademische Karriere gedacht, sondern hatte eher die "romantische" Vorstellung, die schönsten literarischen Werke zu übersetzen oder bei internationalen Konferenzen zu dolmetschen. Ich bekam die Möglichkeit, mich in der damals jungen Disziplin zu engagieren und bin nach dem Studium viele Jahre doppelgleisig gefahren: Ich war mit einem Fuß (und einer halben Stelle) an der Universität, mit dem anderen Fuß in der freiberuflichen Tätigkeit als Fachübersetzerin und Gerichtsdolmetscherin. Es hat sich alles schön gefügt.

uni:view: Warum haben Sie Übersetzen und Dolmetschen studiert?
Kadric-Scheiber: Ich bin Mitte der 1980er Jahre aus Bosnien-Herzegowina nach Österreich eingewandert. Deutsch zu lernen bzw. mich mit der Sprache zu beschäftigen, hat mich schlussendlich zum Übersetzen und Dolmetschen geführt. Es war quasi ein 'logischer' Schritt in meiner Biographie.


Der Hieronymus-Tag wird am 17. und 18. Oktober bereits zum zweiten Mal am Zentrum für Translationswissenschaft begangen. Am Programm stehen neben den Antrittsvorlesungen ein Vortrag des Web-Übersetzers Franz Lichtmannegger zum EPSO-Auswahlverfahren, die Präsentation von Best-Practice-Beispielen am ZTW, die Eröffnung der Ausstellung "Europäische Schicksale – Europäische Perspektiven/Autoren europäischer Identität" sowie eine Lesung der Schriftstellerin und Dolmetscherin Julya Rabinowich. Einladung (PDF)



uni:view:
Was ist Ihnen von Ihrer Studienzeit an der Universität Wien besonders in Erinnerung geblieben?

Kadric-Scheiber: Eine Gastlesung von Erich Fried im ersten Semester – organisiert von einer engagierten Lektorin für eine Handvoll Studierende. Daraufhin habe ich fast täglich und ganz naiv Übersetzen geübt, indem ich Gedichte von Erich Fried ins Serbokroatische für mich neu übersetzt habe. Von meinem zweiten oder dritten Semester habe ich einen Probevortrag von Mary Snell-Hornby in Erinnerung. Sie war eine international führende Vertreterin der damals jungen Disziplin der Übersetzungswissenschaft an der Universität Wien. Mir wurde klar, dass es zur praktischen Übersetzungs- und Dolmetschtätigkeit eine Theorie gibt, die ein ausgezeichneter Wegweiser für die praktische Umsetzung ist. Außerdem habe ich erkannt, wie spannend die Auseinandersetzung mit transkulturellen Phänomenen sein kann.

uni:view: Sie haben einen Lehrgang für Theaterpädagogik nach Augusto Boal absolviert. Welche Rolle spielen theaterpädagogische Ansätze beim Dolmetschen?
Kadric-Scheiber: Man kann daraus viele Impulse für die Dolmetschdidaktik beziehen. Durch die starke Interaktivität beim "face-to-face-Dolmetschen" kommt der dolmetschenden Person eine wichtige Rolle zu: z.B. bei politischen Gesprächen oder schwierigen Wirtschaftsverhandlungen, die gedolmetscht werden. Oder beim Dolmetschen eines Arzt-PatientInnen-Gesprächs im Krankenhaus oder der Verständigung in Asylverfahren. DolmetscherInnen müssen mit den unterschiedlichsten Erwartungen der Beteiligten zurechtkommen. Mit geeigneten didaktischen Konzepten kann man im Studium auch Verhaltenstechniken vermitteln. Interdisziplinäres Arbeiten habe ich immer als impulsgebend und bereichernd empfunden.

uni:view: Was haben Sie von ihrer Gastprofessur an der Universidade Federal de S. Catarina in Brasilien mitgenommen?
Kadric-Scheiber: Die Leichtigkeit und Freude an der Arbeit, den Eindruck des respektvollen und warmen Umgangs zwischen Studierenden und Lehrenden, bei gleichzeitig hoher Verbindlichkeit.

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Was ist das Spannendste an ihrem Forschungsbereich?

Kadric-Scheiber: Der Gedanke, dass die Wissenschaft den Menschen verpflichtet ist. Ein großer Teil der dolmetschwissenschaftlichen Forschung ist dem Konferenzdolmetschen gewidmet, der elitären Form des Dolmetschens. Meine Forschung widmet sich dem oft vernachlässigten Dolmetschen: Darauf sind sowohl Menschen, die die Sprache des Landes nicht beherrschen, als auch die Institutionen, die ohne Hilfe der Dolmetschenden nicht funktionieren könnten, angewiesen. Die wissenschaftliche Arbeit befriedigt mich vor allem dann, wenn sie zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen beitragen kann.

uni:view: Womit beschäftigen Sie sich aktuell?

Kadric-Scheiber: Ein bevorstehendes Projekt beschäftigt sich mit dem Einfluss der Technik auf die Kommunikation. Videokonferenzen gewinnen in Europa zunehmend an Bedeutung. Das gilt für viele Institutionen, auch für Gerichte und Behörden. Auswärtige Parteien und ZeugInnen können nun mittels Videoeinsatz befragt werden. Jede Dolmetschung bewirkt an sich eine Veränderung der Kommunikationssituation, die Technik verändert die Kommunkation nochmals. Anhand konkreter Fälle möchte ich vergleichen, wie sich eine im Rahmen der Videokonferenz durchgeführte Dolmetschung auf die Interessen und die Rechte der einzelnen Beteiligten auswirkt. Weiters möchte ich untersuchen, welche Vor- und Nachteile bei Dolmetschungen unter Einsatz der Videotechnik gegenüber der klassischen Variante – bei der alle beteiligten Personen einschließlich der Dolmetscherin im selben Raum anwesend sind – auftreten.

uni:view: Wie verbinden Sie die Forschung mit der Lehre?
Kadric-Scheiber: Die Forschung ist der Schlüssel zur Lehre, und übrigens auch zur Praxis. Forschungsergebnisse, die in ihrer didaktischen Umsetzung den Wunsch nach Erkenntnis wecken, steigern die Motivation. Eine Theorie im Hörsaal vorzustellen, zu diskutieren, anschließend zu erproben und die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten kennenzulernen, kann schon im Studium zur Überprüfung und Weiterentwicklung von Theorien anregen. In meiner Lehrtätigkeit ist diese Dimension zentral – es geht um die Aufmerksamkeit den beteiligten Personen gegenüber sowie um Interaktivität und Reflexion. Auch in großen Lehrveranstaltungen.

uni:view: Was macht Sie als Wissenschafterin aus?
Kadric-Scheiber: Die Vielzahl der Möglichkeiten die Welt zu sehen. (ps)

Univ.-Prof. Mag. Dr. Mira Kadric-Scheiber vom Institut für Translationswissenschaft hält im Rahmen des Hieronymus-Tages am Donnerstag, 18. Oktober 2012, um 18 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien ihre Antrittsvorlesung zum Thema "'Lie to me' – Dolmetschen im Spannungsfeld divergierender Interessen" gemeinsam mit Christian Grafl (zum Porträt von Christian Grafl in uni:view) vom Institut für Strafrecht und Kriminologie.