Der andere Blick

Eines weiß Katharina T. Paul: Dass politische und gesellschaftliche Debatten rund um die Impfpolitik alles andere als einfach sind. Die Politikwissenschafterin beschäftigt sich in ihrer mittlerweile dritten Forschungsarbeit – darunter auch ein Citizen Science-Projekt – mit dieser Thematik.

Gesundheitsrelevante Themen werden gesellschaftlich oft polarisierend diskutiert. Besonders Maßnahmen rund um die Impfpolitik sind politisch und medial von starken Pro und Contra in der Debatte dominiert. "Jede Einführung eines neuen Impfstoffes kann zu einem Spießrutenlauf werden", weiß Katharina T. Paul vom Institut für Politikwissenschaft. Seit 2013 beschäftigt sich die Politologin mit europäischer und nationaler Impfpolitik; aktuell forscht Paul im Rahmen ihres Elise Richter-Projekts "KNOW-VACC: Wissensproduktion und Regieren in der Impfpolitik" zur Thematik.

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. In Interviews und Gastbeiträgen liefern die ForscherInnen vielfältige Blickwinkel und Lösungsvorschläge aus ihrem jeweiligen Fachbereich. Am Dienstag, 13. Juni 2017, findet um 18 Uhr im Großen Festsaal der Universität Wien die Podiumsdiskussion zur Semesterfrage mit internen und externen ExpertInnen statt. Zur Semesterfrage

Von Rotterdam nach Wien

Ihr erstes Projekt – "Immunization politicized: the governance of cervical cancer prevention" – führte Katharina T. Paul mit einem Lise Meitner-Stipendium von der Erasmus Universität Rotterdam an die Universität Wien. Seit damals hat sie die Impfpolitik nicht mehr losgelassen. "Ich führte ExpertInneninterviews rund um die umstrittene HPV-Impfung, die bestimmte Krebsarten verhindern soll", so Paul: "Während der Interviews habe ich erkannt, dass ich sehr stark von den jeweiligen ExpertInnen – aus Politik und dem Gesundheitswesen – abhängig bin. Ich entwickelte also neue Methoden, um die Forschung unabhängiger durchführen zu können – daraus entstand dann das Citizen Science-Projekt 'Code it!'."

Bereichernde Beobachtungsgabe

Besonders gestört hat Paul in dem Diskurs zur HPV-Impfung, dass die AkteurInnen, d.h. die Jugendlichen, selbst überhaupt nicht zu Wort kommen, sondern lediglich über sie geredet wird. Genau hier wollte sie ansetzen. Mit vier 6. Klassen an der AHS Rahlgasse in Wien fand sie engagierte MitforscherInnen und setzte ihr erstes Citizen Science-Projekt um. "Es war unglaublich bereichernd, mit den SchülerInnen zu arbeiten. Oftmals unterschätzen wir sogenannte Laien. Sie beobachten anders und sehen Dinge aus einem anderen Blickwinkel."

uni:view: Wie beantworten Sie unsere aktuelle Semesterfrage: Gesundheit aus dem Labor – was ist möglich?
Katharina T. Paul: Die Gesundheitspolitik muss sich eher fragen: Was bedeutet Gesundheit (und Krankheit) außerhalb des Labors? Zum einen ist Skepsis gegenüber "Gesundheit aus dem Labor" in einem hoch technisierten, und dennoch fragmentierten Gesundheitssystem wie in Österreich eine große Herausforderung. Zum anderen können auch die besten Laboratorien nicht für strukturelle Ungleichheiten kompensieren – hierzu brauchen wir integrierte Politikinstrumente. Denn gesellschaftlicher Wandel und medizinische Innovation sind untrennbar miteinander verknüpft.

Intensive Textanalyse

Paul war es ein großes Anliegen, dass die SchülerInnen wirklich mitforschen, am Projekt partizipieren und gleichzeitig auch viel lernen. Gemeinsam mit den jungen ForscherInnen und ihrem dreiköpfigen Team hat Paul APA-Science-Texte, die sich mit der HPV-Impfung beschäftigen, aus den 1990er Jahren bis zum Jahr 2014 analysiert. Diese wurden systematisch codiert – sowohl mit Codes, die die Politikwissenschafterin in ihrem Lise Meitner-Vorgängerprojekt entwickelt hatte als auch mit neuen Codes, die die SchülerInnen selbst erstellten. Codiert wurden dabei z.B. Termini wie Sexualität, Geschlecht, Lob und Kritik zur Impfung. Zur weiteren Analyse wurden diese anschließend in ein eigens für das Projekt entwickeltes Webtool eingegeben.

Offen und transparent

Zentrales Ergebnis der Anfang 2017 abgeschlossenen Analyse war, dass im Diskurs die geschlechtliche Übertragung von HPV besonders vonseiten der Politik ausgeklammert wurde. Ebenso die Sexualität. In der Forschung, die in der Debatte allerdings etwas weniger Gewicht hatte, herrschte hingegen ein offener Umgang mit den Themen Geschlecht und Sexualität. Nach jahrelangen Debatten wurde die HPV-Impfung schließlich 2013 ins offizielle Impfprogramm Österreichs aufgenommen. "Citizen Science ist eine tolle Erfahrung. Ich habe noch nie zuvor derart transparent und offen gearbeitet. Es ist sehr viel Arbeit, aber es zahlt sich aus", resümiert Paul über "Code it!".

Nächster Schritt: Elise Richter

In ihrem aktuellen Projekt, das seit März 2017 läuft, bleibt Katharina T. Paul dem Impfdiskurs treu und führt einen Ländervergleich zwischen Österreich und den Niederlanden durch. Sie interessiert sich dabei insbesondere für die Rolle der nationalen Impfregister und deren politische Bedeutung. So beträgt die Durchimpfungsrate in den Niederlanden 96 Prozent, in Österreich sind es hingegen nur 75 Prozent – obwohl es in beiden Ländern keine Impfpflicht gibt. "Ich will wissen, inwieweit unterschiedliche Diskurse und Praktiken in den Impfregistern zu unterschiedlichen politischen Ergebnissen führen können – und umgekehrt", bringt Paul ihre zentrale Forschungsfrage auf den Punkt.

Elise-Richter-Programm: Mit dem Senior-Postdoc-Programm "Elise Richter" unterstützt der FWF Wissenschafterinnen dabei, sich für die Bewerbung um eine in- oder ausländische Professur zu qualifizieren.

Starke Polarisierung

Weshalb gerade die Debatten rund um Impfungen derart polarisiert geführt werden, hat für die Wissenschafterin mehrere Gründe. Zum einen sind die Prozesse bis zur Einführung einer Impfung sehr komplex und oft intransparent; hier sei mehr Offenheit seitens der Politik gefragt. Zum anderen sei "ImpfgegnerIn" ein unpassendes Wort, da es Menschen durchaus erlaubt sein müsse, Skepsis zu zeigen und Fragen zu stellen, immerhin gehe es um ihre Gesundheit. "Marginalisierung ist kein guter Weg", betont Katharina T. Paul. (td)

Dr. Katharina Theresa Paul führte von 2013 bis 2016 das Lise-Meitner-Projekt "Immunization politicized: the governance of cervical cancer prevention" durch, von 2016 bis 2017 lief unter ihrer Leitung das ebenfalls vom FWF geförderte Citizen Science-Projekt "Code it! Impfpolitik in Österreich: SchülerInnen lesen mit". Aktuell läuft bis 2021 ihr Elise-Richter-Projekt "KNOW-VACC: Knowledge production and governance in vaccination policy. A comparison of vaccination registries in Austria and the Netherlands".