Zwischen Wissen und Werten: Welche Rolle spielt die Wissenschaft bei Entscheidungen?

Podiumsdiskussion am Dienstag, 10. Mai, zu Möglichkeiten und Grenzen von evidenzbasiertem Entscheiden

Am Dienstag, 10. Mai, veranstaltet das Forschungsnetzwerk Umwelt der Universität Wien in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien die Podiumsdiskussion "Evidenzbasiertes Entscheiden – Zwischen Wissen und Werten". Worauf basieren eigentlich unsere Entscheidungen? Die Wissenschafts- und Technikforscherin Ulrike Felt von der Universität Wien diskutiert u.a. mit der Anthropozän- und Klima-Expertin Eva Horn und dem Mikrobiologen und Mitentwickler der Corona-Gurgeltests Michael Wagner, wie wir in von Nicht-Wissen geprägten Situationen entscheiden können und welche Bedeutung dabei Wissen und Werten zukommt.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie, aber auch in den Bereichen Klimawandel, Nachhaltigkeit, Plastikverschmutzung oder Energieversorgung ist das Schlagwort "evidenzbasierte Entscheidungsfindung" allgegenwärtig. Dahinter steckt der Anspruch, dass Entscheidungsprozesse auf Grundlage von verfügbaren Belegen – also der Evidenz – und nicht etwa auf ideologischen Positionen erfolgen. Die Wissenschaft liefert dabei Orientierungsmöglichkeiten für individuelles und gesellschaftliches Handeln, ist aber nicht alleinige Grundlage. "Wenn es um die Frage geht, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen, dann müssen wir immer auch entscheiden, wer mitsprechen und gehört werden soll: Gesellschaftliche Meinungsbildungsprozesse brauchen zwar Evidenz als Basis, aber Wissenschaft kann Wertediskussionen, die ebenfalls Teil politischen Handelns sind, nicht ersetzen. In diesem Spannungsfeld muss sich die Wissenschaft und Politik eine robuste Beziehung aufbauen", so die Wissenschafts- und Technikforscherin Ulrike Felt.

Felt forscht seit Jahren zu Governance von Wissenschaft/Technologie in demokratischen Gesellschaften, Wissensproduktion und wie diese kommuniziert wird, ebenso wie zu Werte- und Bewertungsfragen in diesen Zusammenhängen. An der Universität Wien leitet sie die interfakultäre Forschungsplattform "Responsible Research and Innovation in Academic Practice", deren Ziel es ist, sich mit der Frage auseinanderzusehen, was wir heute unter guter, verantwortungsbewusster Wissenschaft verstehen.

Wissenschaftsskepsis gegenüber Fakten

Viele Thematiken sind sehr komplex und auch Expert*innen sind nicht immer derselben Meinung – so entstehen Unsicherheiten in der Gesellschaft. Mitunter prägen diese Unsicherheiten und Skepsis ganze soziale Bewegungen, denen sich Eva Horn von der Universität Wien in ihrer Forschung widmet: "Es geht mir um Denkfiguren und Narrative, die in wissenschaftsskeptischen politischen Bewegungen – wie Klimawandelleugner*innen, Querdenker*innen, Q-Anon etc. – zu finden sind. Deren Anzweifeln von wissenschaftlichen Fakten erodiert dabei den Konsens über das, was als geteilte Wirklichkeit verstanden werden kann. Diese braucht es aber als Grundlage, um sich gesellschaftspolitisch auseinanderzusetzen", so die Kulturwissenschafterin Eva Horn.

Neben dem Ethos und der Dynamik der Denk- und Handlungsmuster wissenschaftsskeptischer Bewegungen untersucht Horn außerdem die Wissens- und Wahrnehmungsgeschichte von Klima und weitere Umweltthemen im Kontext des Anthropozäns.

Zwischen Wissen und Werten

Wie sollen und wollen wir also in komplexen, von Unsicherheiten und oft auch Nicht-Wissen geprägten Situationen entscheiden? Welche Rolle soll und kann wissenschaftliches Wissen dabei spielen? Was ist ausreichend fundierte Evidenz in der Wissenschaft und wann reicht sie aus, um gesellschaftliche Weichenstellungen zu legitimieren? Und wo ist der Platz für Wertefragen? Am Podium diskutieren zu diesen Fragen Wissenschafts- und Technikforscherin Ulrike Felt, Kulturwissenschaftlerin Eva Horn und COVID-19-Teststrategieexperte Michael Wagner von der Universität Wien und Politikwissenschaftlerin und Innovationsforscherin Petra Schaper Rinkel von der Karl-Franzens-Universität Graz.

Veranstaltung: Evidenzbasiertes Entscheiden – Zwischen Wissen und Werten

Zeit: Dienstag, 10. Mai 2022, 19:00 Uhr

Ort: Naturhistorisches Museum Wien, 1010 Wien, Maria-Theresien-Platz (Haupteingang)

Um Anmeldung bis 09.05.2022 wird unter diesem Link gebeten. 

Ulrike Felt

Wissenschafts- und Technikforscherin und Professorin an der Universität Wien. Sie forscht u.a. zu Governance von Wissenschaft/Technologie in demokratischen Gesellschaften, Wissensproduktion und deren gesellschaftliche Kommunikation, ebenso wie zu Werte- und Bewertungsfragen in diesen Zusammenhängen.

Eva Horn

Kulturwissenschaftlerin und Professorin für neuere deutsche Literatur an der Universität Wien. Sie forscht u.a. zu Wissensgeschichte um Klima und dessen Erfahrbarkeit und zu Wissenschaftsskepsis.

Petra Schaper Rinkel

Politikwissenschaftlerin, Innovationsforscherin, Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung des digitalen Wandels und Vizerektorin für Digitalisierung an der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie forscht u.a. zu Digitalisierung und digitaler Transformation, Gestaltung und Gestaltbarkeit von Zukunftstechnologien und Praxen des »Zukunft-Machens«.

Michael Wagner

Professor für Mikrobielle Ökologie und stellvertretender Leiter des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft an der Universität Wien. Vielzitierter Mikrobiomforscher, Mitentwickler der Gurgeltests, politikberatender Experte für SARS-CoV-2-Teststrategien und COVID-19-Faktenchecker. 

Die Podiumsteilnehmer*innen stehen Medienvertreter*innen bei Interesse für Interviews zur Verfügung.

Die Podiumsdiskussion ist die siebte im Rahmen der Veranstaltungsserie "Umwelt im Gespräch", organisiert vom Forschungsnetzwerk Umwelt – ein universitätsumspannendes Netzwerk für Umweltforscher*innen an der Universität Wien. Mit "Umwelt im Gespräch" greift das Forschungsnetzwerk in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien aktuelle Herausforderungen im Umgang mit unserer Umwelt auf und stellt wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für das gesellschaftliche Handeln bereit.

Wissenschaftlicher Kontakt

Univ.-Prof. Dr. Ulrike Felt

Institut für Wissenschafts- und Technikforschung
Universität Wien
1010 - Wien, Universitätsstraße 7
+43-1-4277-49611
+43-664-60277-49611
ulrike.felt@univie.ac.at

Univ.-Prof. Dr. habil. Eva Horn

Institut für Germanistik
1010 - Wien, Universitätsring 1
+43-1-4277-421 28
eva.horn@univie.ac.at

Rückfragehinweis

Mag. Alexandra Frey

Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, Universität Wien
Universität Wien
1010 - Wien, Universitätsring 1
+43-1-4277-175 33
+43-664-60277-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at