Österreichische Wissenschafter*innen in den USA beschreiben Klima der Verunsicherung und Angst

Foto der Freiheitsstaue in New York City

Science under attack – Welche Auswirkungen die Trump-Regierung auf die Wissenschaftslandschaft in den USA hat

Kürzungen, Ungewissheit und Zensur – in den USA wird die freie Wissenschaft angegriffen und die Universitäten werden zum Feindbild erklärt. Zwei Wissenschafter*innen in den USA beschreiben die Auswirkungen dieser massiven Einschnitte – es herrscht ein Klima der Verunsicherung und Angst. Die Soziologin und Politikwissenschafterin Alexandra Lieben von der UCLA ist Präsidentin des Vereins ASciNA (Austrian Scientists and Scholars in North America). Der Zeithistoriker Maximilian Brockhaus von der Universität Wien ist derzeit als Research Fellow am Center for Austrian Studies der University of Minnesota tätig.

Wie würden Sie die derzeitige Lage der Wissenschaftsfreiheit in den USA beschreiben? 

Alexandra Lieben: Die Lage ändert sich täglich. Druck und Drohung nehmen zu. Die scheinbare Willkür der Regierung schafft es, alle zu desorientieren und zu verunsichern. Die Strukturen fangen an zu bröseln. Einzelne Abschiebungen beginnen, was alle anderen nur vorsichtiger und ängstlicher macht. Dennoch versucht jede und jeder, den Alltag fortzusetzen, weiter zu forschen, zu schreiben und die Projekte durchzuziehen, in die so viel an Zeit, Energie und Mittel investiert wurde. Vielleicht adaptiert man leise, um Kontroverse zu vermeiden. Noch hängt es davon ab, wo und woran man forscht. Manche sind scheinbar unberührt, andere voll betroffen.

Maximilian Brockhaus: Angegriffen und in Gefahr! Blickt man auf den identitätspolitischen Kampf der Regierung Trump gegen DEI-Initiativen (Diversity, Equity, Inclusion) sind davon auch Wissenschaft, Forschung und Lehre betroffen. Wie wird beispielsweise in Zukunft mit Studiengängen, Forschung und Lehrveranstaltungen umgegangen, in denen etwa die binäre Geschlechterordnung kritisch analysiert und hinterfragt wird, laut der die US-Regierung per Executive Order vom 20.1.2025 Menschen nur nach der „unveränderlichen biologischen Klassifizierung als männlich oder weiblich“ anerkennt? Dabei ist die Rede noch gar nicht von den persönlichen Auswirkungen auf trans-, intergeschlechtliche oder non-binäre Personen aus Wissenschaft, Forschung, Studium und Lehre.

Trumps Liste der "verbotenen" Wörter 

Im Zuge der "Anti-Woke-Agenda" der Regierung wurde außerdem eine Liste an Wörtern erstellt, die eingeschränkt oder verboten werden sollen. Dies betrifft beispielsweise die Verwendung von Begriffen wie "gender", "bias" oder auch "oppression" oder "historically" auf offiziellen Websiten der Regierung oder in den Curricula von Schulen. "Die Zensur von Sprache ist ein erprobtes Instrument autoritärer Regierungen und ein weiterer direkter Angriff auf die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre", sagt Maximilian Brockhaus.

Haben Sie bereits selbst mit Einschränkungen oder mit politischer Einflussnahme auf Ihre Arbeit zu kämpfen? 

Maximilian Brockhaus: Ich persönlich noch nicht. In Gesprächen mit Kolleg*innen zeigte sich jedoch: Bei der Ausschreibung insbesondere von Prae- und Post-Doc Stellen gibt es kaum Planungssicherheit, da diese zu großen Teilen aus staatlichen Mitteln finanziert werden, die von gewaltigen Kürzungen betroffen sind. Neben der tatsächlichen Streichung von Fördermitteln sind es dabei vor allem auch die Unsicherheit und chaotische Intransparenz mit Blick auf die nächsten Handlungsschritte der Regierung, die das Schaffen neuer Stellen schier verunmöglicht.

Alexandra Lieben: Die Einschränkungen sind momentan hauptsächlich finanziell. Im Jahr 2023 haben die amerikanischen Universitäten 108.700 Milliarden Dollar in Forschung investiert. 59.604 Milliarden (55% der Gesamtsumme) davon kommen von der Bundesregierung über Ministerien und Behörden. Diese sind jetzt in Gefahr. Das Gesundheitsministerium hat bei NIH und CDC viele Projekte gestoppt, nicht bewilligt oder verlangsamt. Der NIH beispielsweise ist der weltweit größte Sponsor von biomedizinischer Forschung. Wenn das stark reduziert wird oder wegfällt, hat das Auswirkungen auf die ganze Welt. Wir haben noch nichts über die Förderungen des Verteidigungsministeriums gehört und was damit passiert. Die National Science Foundation ist gleichermaßen unter Druck.

Welche langfristigen Folgen erwarten Sie für die Wissenschaftslandschaft in den USA?

Maximilian Brockhaus: Der eingeschlagene Pfad des wissenschaftlichen Isolationismus wird nicht nur den USA selbst, sondern der internationalen Wissenschaft und Gesellschaft schaden. Wissenschaft lebt von Freiheit, Austausch und ist selbst ein Stützpfeiler der Demokratie. Die kommenden Jahre der Trump-Regierung werden der Forschung erheblichen Schaden zu fügen.  Die Regierung verhindert bereits aktiv den Austausch von Wissenschafter*innen im Bereich der Klimaforschung und verbietet ihnen beispielsweise die Teilnahme an internationalen Konferenzen.

Alexandra Lieben: Wenn das lange so geht, dann höhlt es die Universitäten aus. Ohne Geld keine Forschung und somit kein Fortschritt. Academic Freedom und Freedom of Speech werden seit Jahrzehnten von konservativen Kräften im Land angegriffen. Die Bevölkerung hat eine zweidimensionale Vorstellung der Universität als einer "woken" liberalen Blase statt des komplexen Organismus', die sie in Wahrheit ist. Es ist kein Wunder, dass sich Silicon Valley in der Nachbarschaft von Universitäten wie Stanford und UC Berkeley entwickelt hat. Die Industrie hat weder die Zeit noch die Infrastruktur, um langfristig Experimente durchzuführen und Entwicklungen zuzulassen. Das ist eine wunderbare und seit langem fruchtbare Partnerschaft. Ohne Forschung keine medizinischen Durchbrüche, neue Therapien und Technologien, die Millionen von Menschen am Leben erhalten.

Wird die USA als Wissenschaftsstandort für Forscher*innen aus Europa nun uninteressant?

Maximilian Brockhaus: In Gesprächen mit Kolleg*innen, die erst vor Kurzem in der Wissenschaftslandschaft der USA Fuß gefasst haben, zeichnen sich vermehrt Überlegungen ab, das Land zu verlassen.

Alexandra Lieben: Studierende und Doktorand*innen kommen meist mit zeitbegrenzten Visa, die vom Studium oder Arbeitsgeber abhängen. Wenn sich ein Projekt ändert, kann das auch das Visum beenden. Wenn Kosten gekürzt werden müssen, dann gibt es oft weniger Stellen, offene Stellen werden nicht oder anders besetzt, befristete Forscher*innen nicht verlängert. Derzeit bieten die USA jedoch weiterhin das beste Umfeld für Forschung – es gibt Geld, großartige Projekte und viele Möglichkeiten. Das wird auch noch so weitergehen. Mit Einschränkungen, aber weder die Wirtschaft noch die Universitäten werden diese "competitive advantage" verlieren wollen. Das bedeutet, dass die USA als Wissenschaftsstandort nach wie vor attraktiv sind, solange die Leute nicht abgeschoben oder nicht mehr hereingelassen werden.

Gibt es trotz der aktuellen Entwicklungen auch unerwartete Chancen für die Forschung? 

Maximilian Brockhaus: Die Europäische Union hat die Chance, gestärkt aufzutreten, Wissenschafter*innen aus den USA mit offenen Armen zu empfangen, ein freies und demokratisches System für Bildung Wissenschaft und Forschung auszubauen und zu bestärken.

Alexandra Lieben: Wissenschafter*innen, die nicht langfristig hier sind, überlegen sich, auf ein paar Monate oder ein Jahr nach Österreich zurückzugehen. Andere, die schon länger hier sind, überlegen sich eine Rückkehr, aber nur wenn die Möglichkeiten dementsprechend sind und es auch adäquate Jobs im akademischen Bereich gibt.

Wie blicken Sie persönlich in die Zukunft?

Alexandra Lieben: Ich bin und bleibe von der Resilienz und Kreativität der Menschen und der Kraft und dem Drängen der Wissenschaft überzeugt, Wie alle Krisen, ist auch diese Zeit eine Gelegenheit, umzudenken. Sie fordert auf, über unsere Grenzen hinaus zu gehen, neue Konzepte zu entwickeln, Unorthodoxes zuzulassen und vielleicht unerwartete Allianzen zu bilden, In Krisenzeiten zieht man sich gerne zurück, aber das Gegenteil ist angebracht: Türen auf und raus ins Neue! Es wird sich ein Weg zeigen. Wie Martin Luther King Jr. gesagt hat, "You don’t have to see the whole staircase, just take the first step."

Maximilian Brockhaus: Mit radikalem Optimismus!


Alexandra Lieben ist Soziologin und Politikwissenschafterin an der University of California in Los Angeles (UCLA) sowie Präsidentin des Vereins ASciNA (Austrian Scientists and Scholars in North America).

Maximilian Brockhaus ist Universitätsassistent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und derzeit im Rahmen eines Marietta-Blau-Stipendiums der OeAD als Research Fellow am Center for Austrian Studies der University of Minnesota tätig.