Wie kann Forschung dazu beitragen, den Klimawandel aufzuhalten, Ulrike Felt?

Die Geschichte unseres Umgangs mit Kunststoffen ist eine ausgezeichnete Analogie für unseren Zugang zur Klimawende. Sie wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt, um natürliche Ressourcen zu schonen. Doch der Problemlöser wurde selbst zum Problem – denn niemand weiß, wohin mit Plastik, wenn es seinen Zweck erfüllt hat. Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt spricht im Interview über den Weg zu nachhaltigeren Lösungsstrategien.

uni:view: Vor dem Klimawandel wird seit vielen Jahrzehnten gewarnt, an der politischen Tagesordnung steht das Thema trotzdem erst seit wenigen Jahren. Warum hat das so lange gedauert?

Ulrike Felt: Überall dort, wo Veränderung sehr langsam und graduell passiert, tun wir uns als Gesellschaft schwer, diese wahrzunehmen. Solche nur schwer "sichtbaren" und vielschichtigen Probleme anzugehen, wie das zum Beispiel auch beim Thema Feinstaub oder Mikroplastik der Fall ist, ist nicht unsere Stärke. Der Klimawandel ist so ein komplexes Problem. Noch dazu greifen Lösungsansätze auf so viele Ebenen ein, in das soziale System, das ökonomische, das ökologische. 

Gleichzeitig ist es charakteristisch für Wissenschafter*innen, dass wir meistens innerhalb eines bestimmten Bereichs denken. Die Frage ist aber, wie sich die Wissensbereiche zusammenführen lassen, in so etwas wie ein Nachdenken über größere Lösungszusammenhänge, die der Komplexität des Problems gewachsen sind. Aktuell ist die Herangehensweise an das Klimaproblem in mancher Hinsicht der Einführung von Plastik zur Schonung natürlicher Ressourcen ähnlich: Wir entwickeln Ersatzlösungen für "schlechte Gewohnheiten", ohne zu überlegen, welche neuen Probleme diese mit sich bringen. Wie beispielsweise das Elektroauto.

uni:view: Was ist schlecht am Elektroauto?

Felt: Das Elektroauto ist sicher Teil einer Lösung, aber wenn wir nicht gleichzeitig unser Mobilitätsverhalten verändern, laufen wir mittelfristig in das nächste Problem: Nämlich, dass langfristig auch die Rohstoffe für die Batterien knapp werden, dass die Batterie-Entsorgung uns vor Herausforderungen stellen wird, wie auch der Stromverbrauch selbst.

Solange wir unser Konsumverhalten nicht verändern, erzeugen wir immer wieder Folgeprobleme. Dann stehen zwar überall Windräder und Sonnenpaneele ... aber wie funktioniert das Recycling, wie verändern sie unser Ökosystem? Rotorblätter von Windrädern werden derzeit oft vergraben, weil sie schwer recyclebar sind und erst jetzt langsam Möglichkeiten dazu entwickelt werden. 

Ulrike Felt ist Mitglied der Forschungsplattform PLENTY. Sowohl die Vielseitigkeit als auch die Langlebigkeit von Plastik machen ihn zu einem häufig verwendeten Material, verursachen aber wachsende Umweltprobleme und Bedenken. Die 2018 eingerichtete Forschungsplattform untersucht die globale Kunststoffbelastung durch die Bewertung der Umweltauswirkungen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Plastik im Alltag. 

uni:view: Die Forschung muss also noch besser darin werden, fächerübergreifend zu arbeiten und nachhaltige Problemlösungen zu entwickeln. Hat man aus der Erfindung von Kunststoff etwas gelernt?

Felt: Plastik wurde eigentlich entwickelt, um natürliche, teils noble Ressourcen wie bestimmte Holzarten oder Elfenbein zu schonen. Es war eine tolle Alternative, die in den 60er Jahren eine regelrechte Plastik-Euphorie auslöste! Es hat Moden herbeigeführt, ganz neue Zeitzyklen und eine neue Vorstellung des Marktes mit sich gebracht. Es ist gleichzeitig Antrieb für und eingebettet in einen ganzen Gesellschaftswandel. Worüber immer erst sehr spät nachgedacht wird: dass bestimmte Lebensformen auch erst durch technische Innovationen entstehen, im Fall von Plastik die Wegwerfkultur. Und ganz langsam, 60 Jahre später, denken wir erst darüber nach, wow, was haben wir da eigentlich gemacht?

Hier kommt die Universität ins Spiel. Sie kann einerseits durch die Verbindung von Lehre und Forschung schon in der Ausbildung fächerübergreifende Räume der Reflexion schaffen. Denn es geht nicht nur um das Vermitteln von Einzelperspektiven. Und auch in der Forschung wäre es sicherlich gut, wenn wir alle ein bisschen politisch denken würden, im Sinne von: Wir Wissenschafter*innen sollten mehr darüber nachdenken, wie Lösungen aussehen könnten, aber auch, was eine tatsächliche Umsetzung bedeuten würde.

uni:view: Sie finden also, Wissenschaft sollte politischer sein. Die Corona- und die Klimakrise sind hochpolitische Themen, die mit großer Dringlichkeit Antworten und Lösungsvorschläge aus der Wissenschaft fordern. Gleichzeitig soll Wissenschaft autonom und unabhängig sein. Wie geht das zusammen?

Felt: Es ist wichtig, dass Wissenschaft und Politik zwei getrennte Räume bleiben, aber es ist auch wichtig, dass ein Zwischenraum geschaffen wird, in dem es regelmäßig zu Formen des transparenten Austauschs kommt. Wissenschaft kann beratend sicherlich wichtige Beiträge leisten. Von Politik wird aber auch abwägendes Handeln verlangt, in das auch noch andere Überlegungen mit einfließen. Die Herausforderung für die Politik liegt darin, dass oft Entscheidungen zu einem Zeitpunkt getroffen werden müssen, an dem wir vielleicht noch nicht alles so genau wissen, wie wir Wissenschafter*innen das gerne hätten. Es braucht also diese Räume des Austausches, aber gleichzeitig auch ein besseres Verständnis für die Unterschiede zwischen Wissenschaft und Politik. Politik hat eine andere Dynamik, ist einem anderen Entscheidungsdruck ausgesetzt.

Manche Lösungsansätze für Umweltkrisen klingen vielversprechend, entpuppen sich aber nach einiger Zeit selbst als Katastrophe. Diskutieren Sie auf derStandard.at mit, welche Lösungen Sie für kontraproduktiv halten.  (© erdgeschoss)

uni:view: Für eine beängstigend große Gruppe an Menschen scheint die Wissenschaft eher eine Glaubensfrage zu sein. Wie kann man Forschung näher an die Gesellschaft bringen, beziehungsweise sie glaubhafter vermitteln? 

Felt: Zum einen glaube ich, dass es immer ein Segment der Gesellschaft geben wird, welches sich dem wissenschaftlichen Denken nicht anschließt. Das hat es immer gegeben und das wird es immer geben. Die Frage ist, wie groß dieses Segment ist, welche Rolle es spielt und wie wir es schaffen, es klein zu halten.

Es war in der Corona-Krise für viele befremdlich, dass die Wissenschaft nicht einfach Bescheid wusste und nicht in der Lage war, innerhalb von kurzer Zeit alle Fragen zu beantworten. Menschen verstehen nicht, wieso man ihnen Wissenschaft immer als Problemlöserin präsentiert hat, aber wenn man sie jetzt wirklich braucht, kann sie keine raschen Antworten liefern. Wir haben verabsäumt, ein realistisches Bild von Wissenschaft zu präsentieren statt zu suggerieren, dass Wissenschaft smarte, schnelle Lösungen liefert. Wir sind vielleicht smart, aber Forschung ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. 

uni:view: Und dann gibt es ja auch das gegenteilige Verhalten: Menschen, die sich mit den möglichen Zukunftsszenarien auseinandersetzen und aufgeben. Aus Überforderung dazu tendieren zu sagen, ich brauch' mein Leben nicht mehr ändern, diese Erde retten wir nicht mehr. Wie soll man damit umgehen?

Felt: Man könnte sagen, was ich als Einzelperson mache, spielt keine Rolle. Aber das tut es! Nicht auf einer rein quantitativen Ebene, aber auf einer Bewusstseinsebene. Denn wenn ich durch mein Handeln mein eigenes Bewusstsein in Bezug auf ein Problem schärfe, dann bin ich auch eher bereit, mich in einen größeren Diskurs einzulassen, eine größere Veränderung mit zu tragen. 

Es ist wichtig zu begreifen, dass es DIE Lösung wahrscheinlich gar nicht gibt. Sondern, dass wir uns auf ein Ziel und mehrere Wege dorthin einigen müssen. Und dann die verschiedenen Wege, die zu diesem Ziel führen können, nebeneinander gehen. Das heißt, dass Einzelpersonen genauso wie Gruppen einen Beitrag leisten, und es muss auf der politischen Ebene etwas passieren. Es geht darum, das auch so zu vermitteln, den*die Einzelne hereinzuholen, weil es ein gemeinsames Projekt werden muss. Selbst wenn die Handlung der Einzelperson nicht die Lösung ist, ist sie Teil einer größeren Lösung. 

uni:view: Wie kann Forschung also dazu beitragen, die Klimawende zu schaffen?

Felt: Die Wissenschaft muss einerseits detailliertes Wissen über Teilphänomene des Problems liefern und gleichzeitig sehr verschiedene Wissensformen quer zu Disziplinen stärker miteinander verknüpfen, um das große Ganze besser in den Blick zu bekommen. Es geht auch darum, Veränderungen im Klima sichtbar zu machen und letztlich über unser Wissen stärker mit der Gesellschaft in Interaktion zu treten. 

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (ak)

Ulrike Felt ist Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Uni Wien. Sie hat ihr Doktorat in theoretischer Physik abgeschlossen und fünf Jahre im Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf gearbeitet, bevor sie nach Wien zurückkehrte. Sie leitet die interfakultäre Forschungsplattform Responsible Research and Innovation in Academic Practice an der Universität Wien und sie ist Mitglied der Forschungsplattformen Governance of Digital Practices und PLENTY – Plastics in the Environment and Society.