"Verschwörungsanfällige haben sich radikalisiert"

COVID Demonstration

Höhlenkompetenz bedeutet, die eigene Fantasie konstruktiv in der Krise einzusetzen. Diese Kompetenz schützt uns vor Verschwörungstheorien, wird aber mit der Dauer der Pandemie strapaziert, so Kommunikationswissenschafter Jürgen Grimm. Sehr wichtig sei deshalb, "die Kultur wieder in Gang zu bringen."

uni:view: Herr Grimm, was ist eigentlich Höhlenkompetenz?
Jürgen Grimm: Höhlenkompetenz hat mit Krisensituationen in der Menschheitsgeschichte zu tun. Wir reden von paläohistorischen Zeiten, vor dem Beginn der Kulturgeschichte. Da waren die Menschen Nomaden, Jäger und Sammler. Sie haben damals mehrere große, in der Regel klimabedingte, Einbrüche erlebt, die die Population massiv reduziert haben. In diesen Situationen haben sich jene, die überleben konnten, in Höhlen zurückgezogen. Wenn ich in Zurückgezogenheit lebe und draußen ist es bitterkalt, muss ich bestimmte Kompetenzen entwickeln. Ich darf zum Beispiel nicht aggressiv sein, auf engem Raum könnte das den Sozialverband zerstören. Ich muss aber auch aufpassen, was mit meinen Fantasien geschieht, denn wenn ich sehe, dass viele diesen unwirtlichen Bedingungen zum Opfer fallen, kann ich auch depressiv oder paranoid werden. Also muss ich Fantasiebewirtschaftung betreiben.

Das ist die Geburtsstunde der Kunst, also der Fähigkeit des Homo Sapiens, seine Fantasien und Vorstellungen zu vergegenständlichen, Stichwort Höhlenmalerei. Das ist eine Erfolgsgeschichte, denn daraus erklärt sich die ganze weitere Entwicklung von Zivilisation und Kultur etc. Doch die Schattenseite ist, dass die Fantasieausgestaltung und die sehr überbordende Vorstellungskraft dysfunktional werden können. Wir kennen das: Wenn wir in beengten Verhältnissen sind, können wir Platzangst bekommen oder Fantasien entwickeln, die die Bedrohung dramatisieren. Dann geht mit uns die Paranoia durch. Höhlenkompetenz haben diejenigen, die in der Lage sind, die durchaus positive, überbordende Fantasie in einer Krisensituation konstruktiv einzusetzen.

Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es auf dem Weg zu extremistischen Ideologien und politischer Gewaltbereitschaft? Diesen und anderen Fragen geht Kommunikationswissenschafter Jürgen Grimm im Forschungsprojekt "Kommunikationsmuster der Radikalisierung"  (COMRAD) nach. Das Projekt ist interdisziplinär – Partner sind das Institut für Informatik und die Donau-Universität Krems.

uni:view: Zusammenfassend könnte man sagen: Wer keine Höhlenkompetenz hat, der ist in der Isolation anfälliger für Verschwörungstheorien?
Grimm:
 Richtig. Das war die Arbeitshypothese und wir haben das jetzt im Rahmen einer Studie mit über 600 Studierenden überprüft. Diese Zielgruppe gilt als besonders anfällig, was man am Altersdurchschnitt bei den COVID-Demonstrationen sieht. Die Frage war: Wie kommt diese Gruppe durch die Situation der Quarantäne, des Online-Teaching, der Isolation und Kontakteinschränkung? Das Ergebnis war, dass man tatsächlich trennen kann in diejenigen, die konstruktiv mit der Situation umgehen – sich selbst und andere schützen, Kooperationen eingehen – das ist ja für uns alle überlebensrelevant. Ein kleinerer Teil – etwa 20 Prozent – sind anfällig für Verschwörungstheorien. Sie betreiben eine Hostilisation des Weltbildes. Man ist nicht mehr einfach nur bedroht – das sind wir objektiv alle – sondern man sucht sich einen Schuldigen, einen "Feind". Das ist das Gegenstück zur Höhlenkompetenz: die Höhlenpathologie. Man leidet in der Höhlensituation, was mit allen möglichen Einschränkungen und Frustrationen zusammenhängt. Die Frage ist: Wie komme ich aus dieser Frustration heraus und wie bleibe ich mental so fit, dass ich zumindest keine Dinge tue, die der Krisenbewältigung in der Gesellschaft schaden?

uni:view: Bereits mehrere Male sind Tausende Menschen in Wien auf die Straße gegangen, um gegen die Regierungsmaßnahmen zu protestieren. Sind das alles Corona-Leugner*innen oder woher kommt dieser Zuwachs? Kann man Höhlenkompetenz verlernen?
Grimm: 
Sie wird strapaziert. Wir haben jetzt schon ein gutes Jahr in dieser Situation hinter uns und die Höhlenkompetenz ist ein Geschenk der Evolution, doch sie hat Grenzen. Es gibt Rahmenbedingungen, die unsere pathologische Seite stärker stimulieren. Die Höhlenpathologie gab es auch schon in der Steinzeit, aber sie war eine Minderheitenposition. Mit dem Andauern der Krise kann die pathologische Komponente stärker werden. Wir machen im Rahmen der COMRAD-Studie schon länger Untersuchungen zu Radikalisierungen und haben festgestellt, dass die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien im Rahmen der Pandemie nicht zugenommen hat, sondern auf Mittelwertbasis gesunken ist. Allerdings haben sich die Verschwörungsanfälligen stärker radikalisiert. Was auf breiter Front zugenommen hat, ist die Protestbereitschaft. Der Grund ist, dass die Bedrohung ja nicht nur vom Virus kommt, sondern auch beruflich, teils existenziell ist. Das kann in einer Demokratie dazu führen, dass man sagt: Was die Regierung macht, hilft nicht, die Krise zu bewältigen. Diese Art von Protest finde ich durchaus begründet.

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uni:view: Auffällig an dieser Bewegung aus Verschwörungstheoretiker*innen und Protestierenden ist die Verbindung in die rechtsextreme Szene. 
Grimm: Unsere Zahlen zeigen tatsächlich eine starke Korrelation zwischen Rechtsextremismus und der Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Es gibt zwar auch linke Verschwörungsmythen, aber die geistige Grundverwandtschaft zwischen Rechtsextremismus und Verschwörungsdenken ist viel stärker. Problematisch ist der nachweisliche Zusammenhang zu Demokratiefeindlichkeit und Gewaltbereitschaft. Diejenigen mit hohen Werten bei Verschwörungstheorien sind demokratiekritischer und bringen auch eine größere Gewaltbereitschaft mit – die auch oberhalb des Levels liegt, das Rechtsextreme von Haus aus haben.

Gegen Radikalisierung kann nur Differenzierung helfen. Wir haben vier verschiedene Gruppen bei den Demonstrant*innen zu unterscheiden. Die Existenzbedrohten – kleine Selbstständige, auch Künstler, und seltsamerweise Leute aus dem medizinischen Bereich. Denen muss man mit existenzsichernden Maßnahmen helfen – effektiv und schnell. Dann gibt es Verschwörungstheoretiker*innen, die einem bestimmten Narrativ zum Beispiel vom weltweit operierenden Kinderschänder-Ring oder vom "deep state" anhängen, der angeblich alles kontrolliert. Sie stammen zumeist aus dem semiprominenten Bereich und suchen Publicity und öffentliche Resonanz. Die dritte Gruppe sind die Verschwörungsanfälligen, die ihr "Weltbildleiden" mit einem Feindbild kurieren wollen. Das wird durch die Sinnkrise, die die Pandemie anschubst, ausgelöst. Es gibt Leute, die wechseln von einem zum anderen Tag in das Lager der Verschwörungstheoretiker*innen. Die muss man versuchen zurückzuholen. In der vierten Gruppe sind linke und rechte Extremist*innen, die jetzt Morgenluft wittern und versuchen zu rekrutieren. Die Rechten machen das sehr geschickt, im Internet gibt es jede Menge Belege dafür. Und bei den Linken gibt es ein paar Versprengte, die meinen, jetzt nochmal 1968 aufleben lassen zu müssen, aber nicht merken, dass die Situation ganz anders ist.

uni:view: Was ist für die weitere Pandemiepolitik mit Blick auf Verschwörungstheorien bedeutsam?
Grimm: Wir müssen die Kultur wieder in Gang bringen. Die hatte anfänglich das Image, nicht systemrelevant zu sein. Das ist wahrscheinlich einer der größten Irrtümer auf lange Sicht. Wenn etwas das kollektive Überleben in existenzbedrohenden Krisen – in der Höhlenzeit damals und in der höhlenähnlichen Zeit heute – ermöglicht hat, dann war es genau diese Fantasiebewirtschaftung durch Kultur. Sonst droht die Gefahr, dass immer mehr Leute ins Irrationale abdriften. Da gibt es historische Beispiele dafür, bei jeder Pestwelle in Europa nahm die Zahl religiöser Eiferer zu, Hexenverbrennungen und so weiter. Auch der Antisemitismus hat starken Auftrieb bekommen. In der Krise ist unsere Neigung zur überbordenden Fantasie besonders gefährdet. Wir können aus der Höhlenzeit lernen, denn damals hat eine Neuprogrammierung des Gehirns stattgefunden. Die Fähigkeiten zur Kunst und geistigen Reflexion sind keine Kleinigkeiten, kein "Sahnetörtchen", auf das man verzichten kann.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (sn)

Jürgen Grimm ist Professor für Kommunikationswissenschaft am Institut für Publizistik der Universität Wien. Seine Schwerpunkt liegen im Bereich empirischer Kommunikationsforschung mit dem Schwerpunkt Medienrezeption und Medienwirkungen in der Gesellschaft. (© privat)