Philipp Ther: Die große Transformation

Der Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien erhält den Wittgenstein-Preis 2019, die höchstdotierte wissenschaftliche Auszeichnung Österreichs, für sein Projekt "Die Große Transformation. Eine vergleichende Sozialgeschichte globaler Umbrüche".

Warum hat die Geschichte nach 1989 ganz anders "geendet" als damals angenommen? Dieser Frage geht Philipp Ther seit seiner Berufung an die Universität Wien nach: als Sozialhistoriker, aber auch als "89er", der in Prag einen Teil der "samtenen Revolution" miterlebt und dann in den 90ern einige Jahre lang in Ostdeutschland, der Tschechoslowakei, Polen und der Ukraine gelebt und geforscht hat. "Angesichts der Renaissance des Nationalismus und des zunehmenden llliberalismus klingt der damalige westliche Triumphalismus heute mehr als schal", so der Osteuropa-Experte und Wittgenstein-Preisträger 2019.

Für sein Buch "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa" (Suhrkamp, 2014) erhielt Philipp Ther 2015 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. (© Theresa Dirtl)

Transformation "von unten"

Um die Transformation nach dem Ende des Staatssozialismus besser zu verstehen, ist Philipp Ther zufolge eine zeitlich und räumlich breitere Perspektive nötig. Man müsse zum einen in die 1980er und teilweise in die 1970er Jahre "rückblenden", zum anderen globale Veränderungen wie den Aufstieg, die Hegemonie und Radikalisierung des Neoliberalismus sowie dessen soziale Folgen in den Blick nehmen.

Neben dieser Makroperspektive wird Philipp Ther in den kommenden Jahren weiterhin die "Transformation von unten" untersuchen. Konkret sind damit regionale und lokale Fallstudien gemeint: über soziale Gruppen wie IndustriearbeiterInnen, ehemalige Genossenschaftsbauern und -bäuerInnen, ArbeitsmigrantInnen (Migrationsgeschichte gehört ebenfalls zu Thers langjährigen Forschungsschwerpunkten) sowie über Familien und Kinder.

2019 wurden zwei Wittgenstein-Preise durch den FWF vergeben; beide gingen an die Universität Wien: Neben Philipp Ther erhält der Mikrobiologe Michael Wagner (© Barbara Mair/Universität Wien) diese mit 1,5 Mio. Euro Preisgeld höchste wissenschaftliche Auszeichnung Österreichs. Einen START-Preis erhielt José Luis Romero vom Institut für Mathematik (© Barbara Mair/Universität Wien).

Internationale Vernetzung und Nachwuchsförderung

Zu diesem Zweck hat der Historiker mit KollegInnen aus Polen, Schweden, Deutschland, Tschechien, Ungarn, Kroatien und Osterreich das "Research Cluster for East Central Europe and the History of Transformations (RECET)" gegründet. Methodisch ist das Zentrum unter anderem durch Karl Polanyis Buch "The Great Transformation" beeinflusst, das einen kritischen Blick auf die Transformation eröffnet, wie sie nach 1989 verstanden wurde.

"Der Wittgenstein-Preis gibt mir die Möglichkeit, dieses Forschungsnetzwerk auszubauen und gemäß dem Konzept der vergleichenden Area Studies auf europäischer und globaler Ebene zu forschen", so Ther. Dabei wird es unter anderem um die wachsende regionale und soziale Ungleichheit gehen, die er für eine der Hauptursachen der Krise der liberalen Demokratie und der EU sowie für den Aufstieg des Rechtspopulismus hält.

Neben diesem größeren Themenschwerpunkt plant Philipp Ther, mittelfristig an sein früheres Forschungsgebiet über Geschichte und Musik anzuschließen. Das Preisgeld wird er auch zur Förderung des internationalen Austauschs und des wissenschaftlichen Nachwuchses nutzen, u.a. im Rahmen von Gastdozenturen und Anschubfinanzierungen. Dass er nun jüngeren KollegInnen längere Karriereperspektiven bieten kann, freut ihn dabei besonders. (FWF/br)

Über Philipp Ther

Philipp Ther, geb. 1967 in Mittelberg, Österreich, promovierte und habilitierte sich an der FU Berlin und ist seit 2010 Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien. Hier leitet er auch das Research Cluster for the History of Transformation (RECET). Vor seiner Berufung an die Uni Wien hatte er am Europäischen Hochschulinstitut (EUI) in Florenz eine Professur für vergleichende Geschichte Europas inne, zu seinen zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Stationen zählen u.a. die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, die FU Berlin und die Columbia University, New York. Das akademische Jahr 2018/19 verbringt Philipp Ther als Global Distinguished Visiting Professor an der New York University.

Seine Publikationen erhielten zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen für Buchpreise; 2015 erhielt das in mehrere Sprachen übersetzte "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa" (Suhrkamp, 2014) den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Sein aktuelles Buch "Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa" (Suhrkamp 2017) wird 2019 mit dem Titel "The Outsiders: Refugees in Europe since 1492" bei Princeton UP erscheinen.