Juliane Schiel: "Arbeit beinhaltet immer Zwang"

Collage mit Textfragmenten und einer Frauenfigur zum Thema Zwang und Ungleichstellung in Arbeitsverhältnissen.

Bei Arbeit ist Macht ungleich verteilt. Unterdrückung ist nicht immer gleich sichtbar – so werden beispielsweise Sklav*innen eher mit Zwang assoziiert als Pflegekräfte aus dem Ausland. Historikerin Juliane Schiel vergleicht mit Wissenschafter*innen aus ganz Europa verschiedene Momente, Funktionen und Mechanismen von Zwang.

Leistungsorientierte Erwerbsarbeit hat einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft – vor allem Männer findet man oft in besser bezahlten Positionen. Währenddessen werden unbezahlte Tätigkeiten im Haushalt, in der Erziehung und in der häuslichen Pflege bis heute kaum als Arbeit anerkannt – und diese werden meist von Frauen ausgeübt.

Männliche, westlich geprägte Geschichtsschreibung als Problemstellung

Diese Problematik begleitet Wissenschafter*innen rund um die Wirtschafts- und Sozialhistorikerin Juliane Schiel von der Universität Wien in einem groß angelegten, interdisziplinären Forschungsnetzwerk. "Unsere Konzeption von Arbeit entstammt einer Denktradition, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Nordwesteuropa entwickelt hat", erklärt Juliane Schiel. Gegensätzliche Kategorien wurden gebildet: Arbeit vs. "Nicht-Arbeit" oder freie vs. unfreie Arbeit.

Denke man allerdings in diesen Schubladen, falle es schwer, Widersprüchlichkeiten oder tiefgreifende Logiken zu erkennen: Bei ihrer Arbeit verzichten die Mitglieder des europaweiten Netzwerks WORCK (Worlds of Related Coercions in Work) darum bewusst auf stereotype Labels wie Sklaverei, klassische Lohnarbeit oder auch unbezahlte Hausarbeit. Stattdessen werden Situationen des Zwangs von empirischem Material ausgehend beschrieben und analysiert.

"Frau Schiel, wie beantworten Sie unsere Semesterfrage? "

"Meiner Meinung nach kommt der leistungsorientierten Erwerbsarbeit in Österreich eine viel zu hohe Wertigkeit zu. Deshalb braucht es eine allgemeine Neubewertung von Arbeit. Maßnahmen wie Homeoffice, Teilzeitarbeit, alternative Arbeitsmodelle sowie das bedingungslose Grundeinkommen müssen reale Alternativen werden. Wenn Arbeit ein Raum ist, in dem Kreativität und Kontemplation als notwendig gesehen werden, steigt die Leistungsfähigkeit der Menschen und die Gesellschaft ist für jede Herausforderung der Zukunft besser aufgestellt."

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"Kurz gesagt: Wie wir Arbeit verstehen und bewerten, ist eng verknüpft mit den Werten und Traditionen der westlichen Moderne. Diese Werte spiegeln eine seit vielen Jahrzehnten männlich dominierte, weiße Geschichtsschreibung wider", so die Vorsitzende von WORCK.

Durch die Forschung von WORCK soll die Geschichte der Arbeit aus der Perspektive derjenigen neu geschrieben werden, die Arbeit oftmals mit Gewalt, mangelnder Handlungsfähigkeit und Marginalisierung oder Diskriminierung assoziieren. Die Sichtweisen jener Personen, die in der traditionellen Geschichtsschreibung eher als Objekt und nicht als handelnde und schreibende Subjekte auftreten, sollen widergespiegelt werden. Oft fehlt dieser Blickwinkel nämlich in den historischen Fragmenten.

Giftmord in Venedig: Forschung als Detektivarbeit

Was jetzt sehr theoretisch klingt, lässt sich gut anhand eines Falls erklären, den Juliane Schiel selbst untersucht hat. "In Venedig soll im 15. Jahrhundert eine Sklavin ihren Herrn mit Arsen vergiftet haben. Der Hintergrund: Die Sklavin wurde von ihrem Herrn, der aus einer der einflussreichsten Adelsgeschlechter stammte, misshandelt, als dieser bemerkte, dass sie ein Verhältnis mit einem Angestellten eines anderen Haushalts hatte und schwanger war", erzählt die Forscherin. Die Frau wurde zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet.
 

 "Between wage labour and coercion: The case of civil servants in occupied Serbia, 1941-1944". Im Wintersemester gibt es eine Ausstellung zum Projekt im Hauptgebäude der Uni Wien.
© Illustrator: Tim Robinson. Autorinnen: Natasa Milicevic and Ljubinka Skordic. Kuratorinnen: Anamarija Batista und Corinna Peres. 

Interessanterweise tauchen in den Verhörprotokollen der darauffolgenden Jahre eine Vielzahl von ähnlich gelagerten Fällen auf, die sich alle auf diesen ersten Fall beziehen, aber einen teils bis in den Wortlaut identisch anderen Tathergang erzählen. Anstelle von in der Apotheke erworbenem Arsen nutzten die späteren Giftmischerinnen orientalische Kräuter oder Menstruationsblut und verbündeten sich mit einfachen Heilerinnen aus der Nachbarschaft. Ein Blick auf die Ratsprotokolle und Senatsbeschlüsse brachte weitere Dimensionen des Falls ans Licht.

Absichtliche Verdrängung von Frauen aus der Geschichte

Der prominente Fall diente der Politik als Vorwand, um einerseits den Zugang zum Beruf des Apothekers auf männliche Adlige zu beschränken und andererseits die in der Kräuterheilkunde tätigen Frauen zu kriminalisieren und zu marginalisieren. "Diese Vermännlichung des Apothekerberufs und gleichzeitige Abwertung ungeschützter medizinischer Tätigkeiten von Frauen basiert also auf der Ungleichverteilung von Macht zwischen Schreibenden und Nicht-Schreibenden, zwischen Adligen und Nicht-Adligen, zwischen Männern und Frauen", fasst Schiel zusammen

Juliane Schiel ist assoziierte Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Geschichte der Sklaverei im Mittelmeerraum und anderen asymmetrischen Arbeits- und Machtverhältnissen in Europa an der Epochenschwelle zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert. Sie leitet das europaweite Forschungsnetzwerk WORCK ("Worlds of Related Coercions in Work").
Derzeit arbeitet sie unter anderem gemeinsam mit Damian Pargas (Professor für die Geschichte und Kultur Nordamerikas an der Universität Leiden) an einem "Palgrave Handbook of Global Slavery". © CSM

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück?

Seit dem 15. Jahrhundert hat sich in Europa viel verändert, doch gewisse Ungleichheiten finden sich auch heute noch. So sind etwa unbezahlte Hausarbeit oder Care-Arbeit Beispiele für Arbeit und Zwang in der Gegenwart. Solche Zwangsmomente werden in Krisen, wie etwa der Covid-19-Pandemie, oft stärker sichtbar. "Man denke etwa an die sogenannten systemrelevanten Berufe, beispielsweise im Pflegebereich ", veranschaulicht die Professorin die These.

Deshalb plädiert Schiel für eine Neubewertung von Arbeit: "Durch den starken Fokus auf Arbeit und ihre Entlohnung werden Menschen und ihre Leistung auch nach ihrem Verdienst beurteilt. Das ist ein Problem", so die Wirtschafts- und Sozialhistorikerin. Gemeinsam mit ihrem Netzwerk hat sie im Frühjahr 2020 deshalb einen Blog zu "Covid-19 and the Workers of the World" gestartet. Dort kommen Wissenschafter*innen, Gewerkschaftsvertreter*innen und Aktivist*innen zu Wort.

Grundbedürfnis Work-Life-Balance

Die Forschung von WORCK will Momente des Zwangs in Geschichte und Gegenwart sichtbar machen und für aktuelle Ungleichverteilungen sensibilisieren. Überstunden beispielsweise symbolisieren für viele Fleiß oder Macht: "Manche Menschen sind in ihrem Job zu 200 Prozent ausgelastet und vom Burnout bedroht, während andere mit häufig langen Ausbildungszeiten oder im Ausland erworbenen Qualifikationen keine Anstellung finden oder nicht arbeiten dürfen", nennt die Expertin ein Beispiel.

Als möglichen Lösungsweg schlägt die Wirtschaftshistorikerin zum Beispiel vor, eine ausgewogene Work-Life-Balance als menschliches Grundbedürfnis anzuerkennen. "Wenn Arbeit ein Raum ist, in dem Kreativität als notwendiger Bestandteile mitgedacht wird, steigt die Leistungsfähigkeit der Menschen. So ist die Gesellschaft für jede Herausforderung der Zukunft besser aufgestellt", sagt Schiel. (lk)