Die digitale Familie

Die digitale Familie

Wie nutzen Kinder und Jugendliche technologische Veränderungen und wie werden sie davon beeinflusst? Diese Frage stellt das europäische Forschungsprojekt DigiGen, an dem neun Partner aus ganz Europa beteiligt sind. Die Uni Wien beschäftigt sich mit dem Bereich Familie.

Kinder und Jugendliche verbinden sich mehr und mehr über ihre mobilen Geräte mit der Welt um sie herum. COVID-19 fungiert wie ein Katalysator dieser Entwicklung, die Pandemie beschleunigt den technologischen Wandel: Homeschooling, Homelearning, Videocalls mit Freund*innen und Familie lassen die digitale Welt für Heranwachsende noch stärker in den Vordergrund rücken.

"The Impact of Technological Transformations on the Digital Generation (DigiGen)" ist ein groß angelegtes, europäisches Forschungsprojekt, das untersucht, wie Kinder und Jugendliche mit technologischen Veränderungen umgehen. "Dazu haben wir im Konsortium verschiedene Arbeitspakete gebildet, die auf unterschiedliche Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen fokussieren", erklärt Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) der Uni Wien. Sein Team beschäftigt sich mit Workpackage 3: Familie.

Und dann kam Corona

Dabei nehmen die Forscher*innen der Uni Wien die Altersgruppe der unter Zehnjährigen in den Blick, denn hier sehen sie eine Forschungslücke – bisher gebe es in den Sozialwissenschaften hauptsächlich Studien mit älteren Kindern bzw. Jugendlichen. "Wir wollen herausfinden, wann die Mediennutzung von 5- und 6-Jährigen sowie 8- und 9-Jährigen anfängt. Wie waren Informations- und Kommunikationstechnologien und digitale Medien vor COVID im Alltag der Familie integriert und wie sind sie es jetzt?", so Kapella.

Da sich die digitale Situation von Schulkindern durch die Corona-Pandemie deutlich verändert hat, mussten gewisse Fragestellungen angepasst werden; gleichzeitig sieht es das Projektteam als Chance, diese umfassenden Veränderungen zu beobachten. Dennoch war es dem Konsortium wichtig, keine COVID19-Studie aus dem Projekt zu machen – "eine Frage der richtigen Balance".

Wir-Gefühl stärken mit digitalen Medien

"Wir verstehen Familie als eine Art von Herstellungsleistung," erklärt Kapella: "Es gibt kein starres Konzept, denn Familie wird laufend durch die Interaktionen ihrer Mitglieder hergestellt." Für Kinder sind gemeinsame Aktivitäten in der Familie sehr wichtig, auch wenn es nur in der Form von Co-Präsenz ist. Dazu eignen sich digitale Medien sehr gut, wenn sie gemeinsam genutzt werden: "Tätigkeiten, die das Wir-Gefühl stärken, reichen vom Erstellen gemeinsamer Tik-Tok-Videos über Playstation spielen bis zu Fernsehabenden oder der gemeinsamen Urlaubsplanung am PC."

Umgekehrt wisse man aus zahlreichen Studien, dass der Hauptkonflikt in Familien mit der Screentime verhaftet sei, also der Zeit, die vor Bildschirmen verbracht wird. "Relativ wenig untersucht ist, was Kinder und Jugendliche in dieser Screentime eigentlich tun," konstatiert Kapella. Gerade in der Familie lauere das Risiko, digitale Medien einzusetzen, um Kinder zu beschäftigen – statt sie für gemeinsame Aktivitäten zu verwenden. Nicht die Dauer der Screentime, sondern die Art der Beschäftigung solle im Vordergrund stehen. "Dabei ist es wichtig, dass die Eltern die Linie zur Kontrolle nicht überschreiten, sondern sich immer fragen: Wo weiß ich Bescheid? Wo kläre ich über Gefahren auf?" rät der Forscher: "Im laufenden Projekt wollen wir in diese Aushandlungsprozesse, die Entscheidungsfindungen innerhalb der Familie mehr Einblick gewinnen."

Qualitativ statt quantitativ

Um diese vertiefenden Informationen zu bekommen, haben sich die Forscher*innen für ein qualitatives Vorgehen entschieden. "Mit den kleinen Kindern wollen wir in Fokusgruppen gemeinsam über ihre Erfahrungen und die Aushandlungsprozesse in der Familie sprechen. Welche Regeln gibt es?"

Auch in den anderen Arbeitsgruppen des großen interdisziplinären EU-Projekts wurden überwiegend qualitative Forschungsansätze gewählt. Ein Workpackage konzentriert sich z.B. auf Jugendliche und ihre gesellschaftliche Partizipation und nutzt dabei die spannende Methode der Netnographie: "Beobachtet wird z.B. ein Internetforum, in dem sich Jugendliche fast wie in einer eigenen Kultur bewegen und man versucht, die Regeln und Systematiken, nach denen sie sich ausdrücken, zu verstehen," erklärt Kapella. 

Neun Länder wollen Lösungen anbieten

Ihre Ergebnisse wollen die Forscher*innen aus neun europäischen Ländern in Form von Erklärungsmodellen anbieten. Sie sollen relevanten Bildungsakteur*innen Wissen über die langfristigen Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bereitstellen. So hofft man, die Risiken der Digitalisierung zu minimieren und ihre Vorteile bestmöglich nutzbar zu machen. Die Verbreitung der Ergebnisse erfolgt zum Beispiel durch eine möglichst niederschwellige Webseite, wo regelmäßig Blogbeiträge, Working Papers und Forschungsergebnisse vorgestellt werden. (sn)

Das DigiGen-Konsortium wird durch das EU-Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 finanziert. Es besteht aus neun Partnern aus führenden Universitäten, Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen in neun europäischen Ländern – Belgien, Deutschland, Estland, Griechenland,  Norwegen, Österreich, Rumänien, Spanien und UK.