Cantú-Syndrom: Repurposing als Chance für seltene Krankheiten

Bei seltenen Krankheiten liegt die große Hoffnung im Repurposing, der Behandlung mit bereits vorhandenen Arzneistoffen. Für das Cantú-Syndrom haben Pharmakologin Anna Weinzinger von der Universität Wien und ihr Team einen Wirkstoff "umgewidmet", der bereits erste Erfolge erzielen konnte.

Weltweit sind nur 75 Personen bekannt, die unter dem Cantú-Syndrom leiden. Wie viele Betroffene es wirklich gibt, wissen wir nicht: "Das Problem bei seltenen Krankheiten ist, dass sie häufig nicht diagnostiziert werden", gibt Anna Weinzinger vom Department für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien zu bedenken. Dabei sind die Symptome des Cantú-Syndroms relativ eindeutig: Durch Veränderungen in der Skelettmuskulatur und im Knochenbau weisen Betroffene meist einen ähnlichen Phänotyp auf, haben starken Haarwuchs am gesamten Körper und einen deutlich vergrößerten Herzmuskel.

"Bei mehr als zwei Drittel aller getesteten Patient*innen wurde eine Mutation im Transporterprotein oder im Kaliumkanal festgestellt", erklärt Weinzinger: "Da das Protein nicht ausreichend funktioniert, versucht der Körper gegenzusteuern und mehr Muskelmasse aufzubauen." Die Veränderungen am Herzmuskel sind aus medizinischer Sicht das wohl größte Problem: Rund 70 Prozent der Cantú-Patient*innen kommen bereits mit einem Herzfehler zur Welt, der nur operativ korrigiert werden kann.

Repurposing: Unentdeckte Wirkungen von Arzneimitteln

Die Entwicklung von Wirkstoffen ist langwierig und kostspielig. Bei seltenen Krankheiten wird daher auf Drug Repurposing gesetzt – Wirkstoffe, die für andere Krankheiten entwickelt wurden und bereits auf dem Markt sind, werden "zweckentfremdet". "In unseren Arzneimitteln stecken viele unentdeckte Wirkungen", so die Pharmakologin. Gerade in Hinblick auf seltene Krankheiten ist das Repurposing für Weinzinger nach wie vor "zukunftsweisend".

Am Montag, 18. Jänner findet die abschließende Diskussionsveranstaltung zur Semesterfrage statt. Norbert Bischofberger, Executive Vice President F&E (Bayer AG), wird ein Impulsreferat halten und mit Bioanalytiker Christopher Gerner, Pharmazeutin Lea Ann Dailey (beide Universität Wien) sowie Molekularbiologin Christine Landlinger-Schubert (PhagoMed Biopharma GmbH) darüber diskutieren, welche Wirkstoffe Zukunft haben. Moderation: Klaus Taschwer (Der Standard). Die Diskussion können Sie auf univie.ac.at und auf derStandard.at mitverfolgen.

Behandlung: Alte Wirkstoffe, neue Anwendungsmöglichkeiten

Weinzinger und ihr Team konnten feststellen, dass die mutierten Proteine bei Cantú und neonatalem Diabetes zu 70 Prozent übereinstimmen. Vor einem Jahr wurde auf dieser Grundlage ein erster klinischer Versuch gestartet: Ein Baby in Australien leidet unter dem Cantú-Syndrom, durch die frühe Behandlung mit einem Diabetes-Medikament bildete sich die Vergrößerung am Herzmuskel aber deutlich zurück. Um den Erfolg sicherzustellen, sei eine umfassendere Studie mit mehreren Patient*innen nötig, betont Weinzinger. Aber dennoch: Sie und ihr Team geben den Betroffenen Anlass zum Hoffen.

Weinzinger ist Grundlagenforscherin, die mit 3D-Modellierungen die Dynamik und Struktur von Proteinen berechnet, um so vorhersagen zu können, ob ein Wirkstoff funktioniert oder nicht. Ihr Wissen fließt in das internationale Projekt Cantú Treat ein, das von der EU und dem FWF gefördert wird. "Wir wollen das Leben der Betroffenen verbessern. Das ist schwierig, in einigen Fällen vielleicht auch nicht möglich – aber wenn es gelingt, dann mit wissenschaftlichen Grundlagen." (hm)

Das FWF-Projekt "Sulfonylharnstoffe zur Behandlung von Cantú-Syndrom (CantuTreat)" unter der Leitung von Assoz. Prof. Mag. Dr. Anna Weinzinger vom Department für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Wien lief von März 2015 bis Februar 2019.