Palmöl: "Ein grundsätzliches Umdenken ist nötig"

Palmöl ist das "grüne Gold" Südostasiens. Die schwerwiegenden Folgen der Palmölproduktion für Umwelt und Landbevölkerung sind längst bekannt, doch die Ölpalme wird weiter angebaut. Im Rahmen der aktuellen Semesterfrage spricht uni:view mit Politologin Alina Brad über den Palmölboom.

uni:view: Palmöl ist das meistangebaute Pflanzenöl der Welt. In den letzten Jahren ist es jedoch in Verruf geraten – was macht den Anbau der Ölpalme problematisch?
Alina Brad:
Ölpalmen werden in Monokulturen angebaut und das hat weitreichende ökologische Folgen. Einerseits ist die Abholzung der Primärwälder ein Problem: CO2-Speicher gehen verloren, die Biodiversität nimmt ab, Habitate für Pflanzen und Tiere verschwinden. Andererseits werden rund 25 Prozent aller Palmölplantagen auf Torfböden angelegt (Stand: 2013). Dieser sumpfartige Untergrund muss vor der Bepflanzung trockengelegt werden, wobei enorm viel CO2 freigesetzt wird – sechsfach mehr als bei Abholzung. Es ist also nicht verwunderlich, dass Indonesien, der größte Palmölproduzent, auch der viertgrößte Kohlenstoffdioxid-Emittent der Welt ist.

Darüber hinaus kommen beim Palmölanbau Insektizide und Pestizide zum Einsatz. In Indonesien beispielsweise wird nach wie vor Paraquat verwendet, ein hochgiftiges Schädlingsbekämpfungsmittel, das von der WHO als gefährlich eingestuft wurde. Das führt zu einer Verschlechterung der Bodenqualität und zur Verschmutzung des Grundwassers.

uni:view: Palmöl wird trotz allem eine gute Ökobilanz attestiert – wie kann das sein?
Brad:
Zuvor war Soja die meistangebaute Ölpflanze. Vergleicht man die Anbauflächen von Soja und der Ölpalme, die nötig sind, um auf den gleichen Ölertrag zu kommen, braucht die Ölpalme weniger Fläche, ist also ergiebiger. Zudem müssen weniger Pflanzenschutzmittel und Arbeitskraft verwendet werden. In so manchen Bilanzen ist die Ölpalme die "bessere", weil ertragreichere Energiepflanze – die indirekten Landnutzungsschäden werden da allerdings nicht mitgedacht.

Jedes Semester stellt die Universität Wien ihren WissenschafterInnen eine Frage zu einem Thema, das die Gesellschaft aktuell bewegt. In Interviews und Gastbeiträgen liefern die ForscherInnen vielfältige Blickwinkel und Lösungsvorschläge aus ihrem jeweiligen Fachbereich. Die Semesterfrage im Sommersemester 2018 lautet "Wie retten wir unser Klima?". Zur Semesterfrage

uni:view: Sie forschen zur Palmölexpansion in Indonesien. Dort hat der monokulturelle Anbau von Palmöl nicht nur schwerwiegende Folgen für die Umwelt, sondern auch für die lokale Bevölkerung …
Brad:
Die indigene Bevölkerung in Indonesien nutzte den Wald seit jeher als Lebensgrundlage. Aber auch Bauern und Bäuerinnen, die Subsistenzwirtschaft betrieben, Lebensmittel anbauten und Kautschuk schnitten, wurden im Zuge des Palmölbooms vertrieben. Diese Kleinbauern und -bäuerinnen landeten auf den Plantagen. Sie müssen dort unter widrigen Bedingungen – zum Beispiel ohne Schutzkleidung bei der Verwendung von Pestiziden – arbeiten. Es ist ein regelrechtes "Plantagenproletariat" entstanden, das komplett von den Unternehmen abhängig ist.

uni:view: Die Ölpalme war ursprünglich in Afrika beheimatet – wie hat sich der Palmölboom in Südostasien entwickelt?
Brad:
Die ertragreiche Ölpalme wurde erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts nach Südostasien exportiert. Der große Plantagenanbau ging aber erst in den 60er Jahren los, als die Nachfrage nach Palmöl am Weltmarkt stieg. Zunächst wurde der Anbau durch die Weltbank gefördert. Das zuvor verstärkt in Südostasien angebaute Kautschuk konnte mittlerweile synthetisch hergestellt werden, es ging also auch darum, eine neue Einkommensmöglichkeit für die indonesische Landbevölkerung zu schaffen. In Form von Kern-Plasma-Plantagen wurden die Besitztümer geregelt: 80 Prozent bewirtschafteten die Kleinbauern und -bäuerinnen, 20 Prozent wurde von den Unternehmen unterhalten. Seit der Liberalisierung der Märkte ab den 80er Jahren hat sich das Verhältnis zur Gänze gewandelt: Heute werden die Palmölplantagen von den Unternehmen dominiert.

Die Früchte der Ölpalme müssen innerhalb von 24 Stunden nach der Ernte gepresst werden, andernfalls entstehen freie Fettsäuren und die Qualität des Öls nimmt ab. Die Anbaugebiete der Kleinbauern und -bäuerinnen befinden sich am äußersten Rand der Plantage, dadurch ergeben sich längere Wege zur zentral gelegenen Mühle, die von den Unternehmen betrieben wird. Die Kleinbauern und -bäuerinnen können somit nicht unabhängig von den Unternehmen ihre Ölpalmfrüchte vertreiben.

uni:view: 86 Prozent des weltweiten Palmöls werden in Malaysia und Indonesien produziert, 49 Prozent davon in Indonesien…
Brad:
Und die Zahl wird weiter steigen. In Indonesien werden bereits auf 10 Millionen Hektar Ölpalmen angebaut. Die Regierung hat angekündigt, die Flächen zu verdoppeln. Malaysia, Singapur und Indonesien – bekannt als Palmöl-Komplex – dominieren das Geschäft mit dem "grünen Gold". Da die Flächen im eigenen Land irgendwann erschöpft sind, haben die ProduzentInnen schon jetzt begonnen, Landbanken auf dem afrikanischen Kontinent anzulegen und dort Palmölplantagen zu errichten.

uni:view: Welche politischen Maßnahmen gibt es, um den Handel mit dem "grünen Gold" und die damit verbundenen Schäden für Umwelt und Landbevölkerung einzudämmen?
Brad:
Es gibt internationale Maßnahmen wie REDD+, ein Instrument der EU, um Waldflächen zu schützen. Produktionsländer erhalten Zahlungen, wenn sie Schutzgebiete errichten. Problematisch hierbei ist allerdings, dass bei der Errichtung von Naturschutzgebieten indigene Bevölkerungsgruppen vertrieben werden, welche die Wälder als Lebensgrundlagen nützen. Auch auf nationaler Ebene mischt sich die Politik ein, beispielsweise dürfen in Indonesien für die Produktion von Palmöl keine Primärwälder mehr abgeholzt werden.

Der Staat hat aber ein enormes Interesse am Anbau der Ölpalme, da er von den Steuereinnahmen durch Unternehmen und von Einnahmen durch die Vergabe von Konzessionen profitiert, die politischen Maßnahmen fallen dementsprechend sanft aus. Zudem wird versucht, mittels Zertifizierungssystemen eine nachhaltige Produktion sicherzustellen. Wie wir in einer aktuellen Studie gezeigt haben (Anm. d. Red.: voraussichtliche Veröffentlichung im April), handelt es sich hierbei allerdings allzu oft um nicht mehr als ein greenwashing Instrument.


uni:view: Es wird aktuell über ein Verbot von Palmöl in Biotreibstoffen diskutiert – wie sinnvoll ist das?
Brad:
"Keine Lebensmittel in den Tank" – es gibt bereits seit längerem Kampagnen, die die Verwendung von Energiepflanzen für die Herstellung von Treibstoffen kritisieren. Ich befürworte ein Verbot, damit würde immerhin ein Teil des Palmöls nicht mehr verwendet werden. Allerdings landen nur 14 Prozent des gesamten Palmöls in der Treibstoffproduktion – der Rest wird für Lebensmittel oder im Non-Food-Bereich, etwa für Waschmittel oder Kosmetikartikel, verwendet. Wir müssen uns eher die Frage stellen, wie die weltweite Nachfrage nach Palmöl eingeschränkt werden kann. Das bedeutet auch, dass wir die herrschende imperiale Lebensweise infrage stellen, d.h. die Art und Weise wie wir produzieren und konsumieren und dabei die Lebensgrundlagen der Menschen in anderen Regionen unterminieren.

uni:view: Vielen Dank für das Gespräch! (hm) 

Alina Brad ist seit Juli 2017 Universitätsassistentin (Postdoc) am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Hier forscht und publiziert sie am Fachbereich Internationale Politik u.a. zu der Region Südostasien. Ihre Schwerpunkte sind Politische Ökologie, Politics of Scale, Internationale Umwelt- und Ressourcenpolitik sowie sozial-ökologische Transformation.

Die Foto- und Videoaufnahmen für die Interviews zur Semesterfrage "Wie retten wir unser Klima" sind im Glashaus des UZA I in der Althanstraße entstanden. In den Glashäusern des Fakultätszentrums Ökologie der Universität Wien werden mehr als 480 verschiedene Species kultiviert, um auf eine ausreichende Auswahl an Pflanzenmaterial aus den verschiedenen Klimazonen für Unterrichtszwecke sowie für wissenschaftliche Experimente im größeren Umfang zurückgreifen zu können. Zur Zeit werden mehr als 25 wissenschaftliche Experimente unter voller Kontrolle aller Umweltparameter gärtnerisch und messtechnisch betreut.