Mein Business: "Die brasilianische Gelassenheit ist schon ein Vorteil"

Seit sechs Jahren lebt und arbeitet der Alumnus der Internationalen Betriebswirtschaft Matthias Kurz in Brasilien – seit Juli 2016 als Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens MEK-TECH.

uni:view: Sie haben in Brasilien das Unternehmen MEK-TECH gegründet, was bieten Sie an?
Matthias Kurz:
MEK-TECH ist ein Beratungs- und Vertriebspartnerunternehmen mit Sitz in São Paulo, wir unterstützen internationale Technologieunternehmen bei der Marktentwicklung in Brasilien und Lateinamerika. Ich selbst bin Waldviertler und im Herzen schon ein halber Brasilianer. (lacht)

Im Dossier "Mein Business" stellen Alumni der Universität Wien ihr Start-up vor und verraten Tipps und Tricks für (zukünftige) GründerInnen. Das Dossier läuft in Kooperation zwischen dem uni:view Magazin, der DLE Forschungsservice und Nachwuchsförderung und dem Alumniverband.

uni:view: Wie sind Sie auf die Idee gekommen und wann stand fest: Wir gründen eine Firma?
Kurz:
Über eine mögliche Selbstständigkeit hatte ich schon einige Jahre nachgedacht, Auslöser war aber letztlich meine vom Arbeitgeber überraschend geplante Rückversetzung von São Paulo nach Wien. Meine Frau und ich waren uns schnell einig, dass wir bleiben möchten und haben aus der Not – die Jobsituation für (teure) Expats war zum damaligen Zeitpunkt miserabel – eine Tugend gemacht und unser eigenes Beratungsunternehmen gegründet.

uni:view: Sie haben Internationale Betriebswirtschaft an der Universität Wien studiert. Inwiefern hat ihr Studium beim Weg in die Selbstständigkeit eine Rolle gespielt?
Kurz:
Das Betriebswirtschaftsstudium war und ist das theoretische Rüstzeug für unsere Unternehmensgründung. Fast aus allen wesentlichen Lehrinhalten – egal ob Finanzwirtschaft, Rechnungswesen, Marketing, Privat- und Steuerrecht, Managementtheorie oder Mathematik und Statistik – wenden wir täglich unser Wissen in der Praxis an. So gesehen hat jede BWL-Absolventin und jeder BWL-Absolvent einen Gründungswerkzeugkoffer in der Hand – man braucht dann "nur" noch eine Geschäftsidee und die Überzeugung, diese Idee auch in die Tat umsetzen zu wollen.

uni:view: Haben Sie sich das Gründen so vorgestellt?
Kurz:
Ja und nein. Manches muss man erst selbst erleben. Das Schönste ist dann jenes unbeschreibliche Gefühl der Freiheit und gestalterischen Verantwortung, das enorme Energien freisetzt. Meine Frau, ebenfalls BWL-Absolventin, und ich arbeiten nun für unsere eigenen Träume. Der Einsatz dafür ist sehr hoch, aber das Gefühl, selbst etwas auf die Beine zu stellen, treibt uns enorm an. Wenn wir jetzt oft noch spät abends oder am Wochenende arbeiten, machen wir das gerne, denn wir wissen, wofür wir es tun.

Die Vereinsgründung als Organisationsmodell
In dem Seminar wird besprochen, was mit einem Verein alles möglich ist. Wie muss der Verein aufgebaut sein? Darf er Geschäfte machen? Darf er Angestellte beschäftigen? Und wie ist das mit der Steuer? Oder der Gewerbebehörde? Eigentlich ist mit einem Verein fast alles möglich.


Donnerstag, 27. April 2017, 14-18 Uhr
DLE Forschungsservice und Nachwuchsförderung der Universität Wien, 1090 Wien
Nähere Informationen 

uni:view: Wie beschreiben Sie die Bedingungen fürs Gründen in Brasilien?
Kurz:
Brasilien ist definitiv kein Gründerland. Im Gegenteil, es ist – nüchtern betrachtet – ein bürokratischer Albtraum, kompliziert und teuer. Aber genau dieser Umstand ist Teil unseres Geschäftsmodells. Der 200-Millionen-Einwohnermarkt Brasilien ist protektionistisch und nichts für Anfänger im Export, man verbrennt sich hier leicht (und böse) die Finger. Mit einem erfahrenen Partner an der Seite kann man hier aber sehr gute Geschäfte machen mit vielfach überdurchschnittlich hohen Gewinnmargen.

uni:view: Gibt es so etwas wie eine "Kultur des Scheiterns" in Ihrem Land?
Kurz:
Ja, das mit Sicherheit – die Brasilianer sind sehr tolerant und aufgeschlossen. Unternehmertum ist in der Regel gesellschaftlich sehr hoch angesehen und wenn einmal etwas nicht klappt, macht man einfach etwas Neues. Diese Gelassenheit ist schon ein psychologischer Vorteil.

Veranstaltungstipp: Fem´ Circle Springdays 2017 – Inspiring Female Entrepreneurship
Die Veranstaltung möchte unternehmerische weibliche Studierende, Forscherinnen und Alumnae dazu einladen, die Möglichkeit einer Gründung als Karriereweg miteinzubeziehen, erste Businessideen zu entwickeln und vorhandene Qualitäten hinsichtlich Kreativität, Darstellung und Teamführung wahrzunehmen.
Mittwoch, 3. Mai und Donnerstag, 4. Mai
Campus der Universität Wien, 1090 Wien
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uni:view: Was war für Sie die größte Herausforderung?
Kurz:
Banalerweise die Eröffnung unseres Geschäftskontos: Es hat geschlagene drei Monate gedauert und uns manchmal an den Rand des Wahnsinns getrieben – wahrhaft kafkaesk, wie so manche lokale bürokratische Hürde.

uni:view: Ihr schönster Augenblick?
Kurz:
Der erste Auftrag! Ich hatte zwar schon Vertriebserfahrung als Angestellter, aber das erste Mal unsere eigene Beratungsdienstleistung zu verkaufen, war schon etwas ganz besonderes.

uni:view: Haben Sie Vorbilder?
Kurz:
Ja, mehrere – ich bewundere generell Menschen, die konsequent ihren Weg verfolgen, wenn sie an eine Idee glauben. Gerade in der Wissenschaft und auch als UnternehmerIn spielt das meiner Ansicht nach eine große Rolle. So manche bahnbrechende Erfindung hätte niemals stattgefunden, wenn nicht die herrschende Meinung von mutigen Pionieren und Querdenkern durchbrochen worden wäre.

Sie haben eine Geschäftsidee und überlegen, sich selbstständig zu machen?
In den u:start-Gründungsworkshops im Mai und Juni mit Start-up-Trainer Tobias Göllner (Shift Yard) schärfen die TeilnehmerInnen ihr Verständnis der KundInnenbedürfnisse, des eigenen Angebots (Value Proposition) und der geplanten Geschäftslogik (Business Model Design). Bewerbungsfrist: 23. April. Jetzt bewerben!

uni:view: Welche Tipps würden Sie Ihrem damaligen "Gründer-Ich" aus heutiger Sicht geben?
Kurz:
Stell dir immer wieder die Frage: Make-or-Buy? Überlege dir gut, was deine Kernkompetenzen sind und was besser andere für dich erledigen können.

uni:view: Wie hätte Sie die Uni mehr unterstützen können?
Kurz:
Unternehmerisches Denken kann man zum Teil lernen, auch wenn es wohl viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Meiner Ansicht nach wäre es z.B. gut, wenn die Universität bereits ab dem ersten Semester Anreize setzen würde, um die Entwicklung eigener "verrückter" Ideen zu fördern.

Steckbrief
Name: Matthias Erwin Kurz
Alter: 35
Studium: Internationale Betriebswirtschaft
Gründungsjahr: 2016
Mein Business: MEK-TECH Desenvolvimento de Negócios & Consultoria Ltda.
Mein Motto: Kontaktmanagement ist die halbe Miete
Mein Tipp für GründerInnen: Don’t be afraid to fail. © Arnold Schwarzenegger

Das E-Mail-Interview führte Siegrun Herzog (Alumniverband der Universität Wien).