Buchtipp des Monats von Susanne Binder und Gebhard Fartacek

Fluchtbewegungen aus dem Nahen und Mittleren Osten stehen im Mittelpunkt der jüngsten Publikation der Kultur- und SozialanthropologInnen Susanne Binder und Gebhard Fartacek. Im Interview sprechen die HerausgeberInnen über die Hintergründe und haben auch noch einen Buchtipp für unsere LeserInnen.

uni:view: Ihre kürzlich erschienene Publikation beschäftigt sich mit "Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten". Welches Anliegen steckt dahinter?
Susanne Binder und Gebhard Fartacek: Als im Sommer 2015 Fluchtbewegungen aus dem Nahen Osten ganz Österreich bewegt haben und ein enormes Engagement der Zivilbevölkerung hervorgerufen haben, wollte sich auch das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie positionieren und hat Initiativen rund um das Thema Flucht unterstützt. Eine davon war die Ringvorlesung mit gleichnamigem Titel, die im Sommersemester 2016 von Gebhard Fartacek und mir organisiert wurde. Die Beiträge unserer Kollegen und Kolleginnen in dieser Vorlesung haben wir in diesem Sammelband publiziert und damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Wichtig war uns, unterschiedliche Facetten aus wissenschaftlicher Perspektive rund um Flucht zu behandeln – dabei spannt sich der Bogen von regionalen Schwerpunktsetzungen wie Syrien und Afghanistan über methodische und theoretische Ansätze aus der Sozialanthropologie, medizinisch-psychische Aspekte und praktische Arbeit mit Geflüchteten bis hin zu empirischen Forschungsergebnissen aus Interviewprojekten mit geflüchteten Menschen aus Syrien.

uni:view: Sie haben den Fokus auf den Nahen und Mittleren Osten gelegt. Warum?
Binder und Fartacek: Die Hauptherkunftsländer der rezenten Fluchtbewegungen sind Länder des Nahen und Mittleren Ostens, also Syrien, Afghanistan, Irak. Wir haben einen regionalen Schwerpunkt gelegt, weil sich in der Forschung zu Forced Migration zwar einige theoretisch-methodische Ansätze allgemein anwenden lassen, jedoch aus kultur- und sozialanthropologischer Perspektive die soziokulturellen Besonderheiten von Gesellschaften eine wesentliche Rolle für die Forschung spielen.
Hier das Augenmerk auf ethnisch-religiöse Beziehungen und islamwissenschaftliche Erkenntnisse zu legen, ermöglicht andere Blickwinkel hinsichtlich integrativer Ansätze im politischen Sinne für die Zukunft.

uni:view: Können Sie die wesentlichen Aspekte bzw. Facetten von Fluchtbewegungen kurz skizzieren?
Binder und Fartacek: Unser Buch gliedert sich in fünf Teile, die im wesentlichen Themenbereiche abdecken, die für ein Verständnis von Fluchtbewegungen relevant sind: Teil 1 'Ethnisch-religiöse Beziehungen im Nahen Osten aus sozialanthropologischem-islamwissenschaftlichen Blickwinkel' behandelt ethnische Grenzziehungen und Fluchtursachen aus den Regionen des Nahen und Mittleren Ostens; Teil 2 'Sozialanthropologische Flüchtlingsforschung in Theorie und Praxis' widmet sich der Theorienbildung und empirischen Forschung mit methodischen Überlegungen; Teil 3 setzt sich mit juristischen Perspektiven auseinander und analysiert unterschiedliche Projekte in der Flüchtlingsarbeit in Österreich, sei es im ländlichen, privaten Umfeld, im universitären Bildungsbereich oder von Diakonie und Caritas. '(Re)Traumatisierungen im Kontext von Flucht', Teil 4, beschreibt gesundheitliche und psychologische Aspekte, die für viele Asylwerbenden und anerkannte Flüchtlinge belastend sind. Im letzten Abschnitt, Teil 5, sind unter dem Titel 'Tonspuren: Interviews mit syrischen Kriegsflüchtlingen' die Schilderungen und Interpretationen von Syrern und Syrerinnen zu finden, wie sie Veränderungsprozesse in den ethnisch-religiösen Beziehungen vor und während des sogenannten Arabischen Frühlings in Syriern erlebten – sowie eine Einschätzung der momentanen Situation in Österreich.

uni:view: Sozialanthropologische Ansätze der Flüchtlingsforschung stehen im Mittelpunkt des Buches. Inwieweit können diese dazu beitragen, Fluchtbewegungen zu verstehen bzw. nachzuvollziehen?
Binder und Fartacek: Kultur- und Sozialanthropologische Forschung beschäftigt sich intensiv mit der Innensicht, also interessiert sich auch dafür, welche Erfahrungen, welche Sichtweisen die geflüchteten Menschen mitbringen. So erhalten die Leser und Leserinnen beispielsweise Einblicke in die Interpretationen von syrischen Interviewpartnern und -partnerinnen auf die politischen Entwicklungen in Syrien, die letztlich zum Krieg geführt haben. In der kultur- und sozialanthropologischen Flüchtlingsforschung ist es regionalspezifisches ethnographisches Hintergrundwissen ebenso wie biographische empirische Forschungsansätze oder kritische Analysen von Flüchtlingsarbeit, die Ein- und Ausblicke "über den Zaun hinaus" ermöglichen.

Gewinnspiel! uni:view verlost 3x1 Bücherpaket bestehend aus:

1x "Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten" von Susanne Binder und Gebhard Fartacek
1x "Samir, genannt Sam" von Mano Bouzamour  

MITSPIELEN!


uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Binder und Fartacek:
"De Belofte van Pisa" (deutsch: "Samir, genannt Sam") von Mano Bouzamour, einem jungen niederländisch-marokkanischen Autor, der über seine Erfahrungen als Jugendlicher in Amsterdam schreibt. Er ist der erste seiner (marokkanischen) Familie, der eine höhere Schule besuchen darf, wodurch sich für ihn neue Welten eröffnen. Im Roman erzählt er mit einer Leichtigkeit und mit Humor, wie er sich in der niederländischen Gesellschaft zurechtfindet. Dabei behandelt er Themen, die alle Jugendlichen beschäftigen, ebenso wie spezifische Herausforderungen in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft. Sein Blickwinkel eines ist für "westlich-mehrheitsgesellschaftliche" LeserInnen neu, offen und manchmal verblüffend.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Binder und Fartacek: Mano Bouzamour schafft es, das Thema kulturelle Vielfalt in einer Gesellschaft mit einer Selbstverständlichkeit zu bearbeiten, die in wissenschaftlichen Büchern oft nicht in dieser "leichten" Form möglich ist. Die Perspektive von "Innen" erlaubt Einblicke und Gedankengänge, die uns in dieser Form bislang nicht zugänglich waren.
 
uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt? 
Binder und Fartacek: Eine gewisse Leichtigkeit, mit der man sich mit einem "beschwerlichen" Thema auseinandersetzen durfte! (td)

Susanne Binder und Gebhard Fartacek sind am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Fakultät für Sozialwissenschaften tätig.