Buchtipp des Monats von Gero Vogl

In seiner jüngsten Publikation beschäftigt sich der Physiker Gero Vogl mit Zufallsbewegungen, der sogenannten Diffusion. Und das nicht nur im Fall von Atomen, sondern auch von z.B. Menschen oder Sprachen. Im Interview erzählt Vogl mehr über die Hintergründe und gibt auch eine Buchempfehlung ab.

uni:view: Kürzlich ist Ihre Publikation "Diffusive Spreading in Nature, Technology and Society" erschienen, die sich mit dem Phänomen der Zufallsbewegung auseinandersetzt. Worum geht es in dem Buch?
Gero Vogl:
AutorInnen aus verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaften, der Technik, der Geisteswissenschaften, sogar der Ökonomie beschreiben Ausbreitungsvorgänge. Die einen AutorInnen mit etwas mehr Mathematik auf der Basis der Diffusionsgleichung, die Adolf Fick aufgestellt hat. Fick untersuchte um 1850 die Ausbreitung von Salz in reinem Wasser und fand heraus, dass eine Zufallsbewegung des Salzes das Wasser auf berechenbare Weise salziger macht: schneller in der Nähe der Salzkristalle, die Fick am Boden eines Gefäßes deponiert hat, langsamer in größerer Entfernung. Wir nennen die Ausbreitung in der Physik "Diffusion". Andere WissenschafterInnen beschreiben in unserem Buch Ausbreitung eher phänomenologisch mit wenig bis gar keiner Mathematik. Aber immer ist die Zufallsbewegung die Grundlage der untersuchten Phänomene.

uni:view: Eher ungewöhnlich ist, dass in der Publikation die Bewegungen von Bakterien und Menschen verglichen werden. Was haben sie gemeinsam?
Vogl: Die Übertragung von Krankheiten geschieht über Zufallsprozesse, und unsere Vorfahren, die vor ungefähr 8.000 Jahren aus dem Nahen Osten aufgebrochen sind und Ackerbau und Viehzucht mitgebracht haben, folgten sicher nicht einem klaren Ziel, sondern ähnlichen Zufallsgesetzen wie die für die Ausbreitung von Salz in Wasser. Und auch heute – so denke ich – spielt der Zufall bei Flucht und Wanderung eine Rolle: Wer hat auf seinem Handy gehört, dass Angela Merkel "Willkommen" sagte und wer konnte dieser Einladung hinreichend schnell folgen?

uni:view: Selbst abstrakte Dinge wie Ideen, Gerüchte oder Sprache an sich ordnen Sie in "Diffusive Spreading" ein. Können Sie das kurz näher erläutern?
Vogl: Wie das Salz im Wasser können sich auch Ideen und Gerüchte verbreiten. Für solche abstrakten "Dinge" ist es häufig nicht die Ausbreitung im geografischen Raum, sondern die in der Gesellschaft oder einer Gesellschaftsschicht, die für Information und Innovationen aufgeschlossen bzw. anfällig ist.

Besonders interessiert mich seit einigen Jahren die Ausbreitung von Sprachen und den (leider) damit verbunden Rückgang anderer. Auch dies ist häufig ein Diffusionsprozess, wie Katharina Prochazka und ich kürzlich für Deutsch und Slowenisch für die Zeit ab 1880 bis heute in Kärnten in einer Publikation gezeigt haben. Im Hinterkopf habe ich dabei immer, dass einige der vom Aussterben bedrohten Sprachen gerettet werden könnten, wenn man den Mechanismus ihres Rückgangs kennt.

uni:view: Was fasziniert Sie persönlich an der Thematik der Zufallsbewegungen?
Vogl: Mich fasziniert die Interdisziplinarität des Phänomens Ausbreitung/Diffusion. Es gibt so viele Analogien und auch wieder Unterschiede. "Wanderung ohne Ziel" – manchmal auch mit Ziel – lässt mich nicht los. Auch im Privaten als Wanderer durch die Berge unserer Heimat, aber auch durch die entlegenen Gegenden anderer Länder.

Gewinnspiel! uni:view verlost 3x1 Bücherpaket bestehend aus:

1 x "Diffusive Spreading in Nature, Technology and Society", Herausgeber: Armin Bunde, Jürgen Caro, Jörg Kärger und Gero Vogl, Springer Verlag 2018
1 x "Anabasis / Der Zug der Zehntausend" von Xenophon, de Gruyter Verlag

MITSPIELEN!

uni:view: Welches Buch empfehlen Sie unseren LeserInnen?
Vogl: "Anabasis / Der Zug der Zehntausend" des antiken griechischen Schriftstellers Xenophon. Die vermutlich erste genaue Reisebeschreibung, die uns bekannt ist.

uni:view: Einige Gedanken, die Ihnen spontan zu diesem Buch einfallen?
Vogl: Xenophons berichtet über die Rückkehr von 10.000 griechischen Söldnern von einer beim heutigen Bagdad im Dienst eines persischen Thronprätendenten verlorenen Schlacht durch das von verschiedenen Völkern bewohnte Ostanatolien und an der Schwarzmeerküste entlang heim nach Griechenland. Also eher eine Wanderung mit Ziel, aber dazwischen immer wieder Zufallsbewegungen. Manches ist abstoßend brutal – die Soldaten verpflegten sich auf räuberische Weise. Aber die 2.400 Jahre alte Reisebeschreibung ist faszinierend. Hat sich menschliches Verhalten in diesen 2.400 Jahren wesentlich geändert?

uni:view: Sie haben den letzten Satz gelesen, schlagen das Buch zu. Was bleibt?  
Vogl: Die Vielfalt der Welt, die Xenophon in Anatolien erlebt, wird durch den technischen Fortschritt und die dadurch bewirkte Globalisierung immer geringer. Wir sollten versuchen, dem gegenzusteuern. (td)

Gero Vogl ist emeritierter Universitätsprofessor an der Fakultät für Physik und nach wie vor in der Gruppe Dynamik Kondensierter Systeme wissenschaftlich tätig.